Stadt Bern

    Nicole Loeb: «Da dachte ich: Jetzt ist es vorbei!»

    Andrea Bauer
    Andrea Bauer

    Bern,

    Nicole Loeb setzt sich für eine lebendige Berner Innenstadt ein. Im Interview spricht sie über die Corona-Krise und Probleme rund um den Bahnhof.

    Nicole Loeb
    Nicole Loeb wurde mit dem HIV-Wirtschaftspreis ausgezeichnet. - Daniel Zaugg

    Nicole Loeb wurde mit dem diesjährigen HIV-Wirtschaftspreis ausgezeichnet. Doch die Unternehmerin denkt nicht nur an den Erfolg des Familienunternehmens, sondern auch an die Zukunft der Berner Innenstadt.

    Im Interview spricht sie über Fehlentscheide, den Überlebenskampf während Corona und darüber, weshalb sie sich um die Sicherheit und Sauberkeit rund um den Bahnhof sorgt.

    BärnerBär: Nicole Loeb, Sie wurden kürzlich mit dem HIV-Wirtschaftspreis ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung?

    Nicole Loeb: Es ist für mich eine grosse Ehre, die mich extrem gefreut hat. Aber eigentlich gilt der Preis nicht mir allein, sondern allen Mitarbeitenden von Loeb, die unseren Erfolg ausmachen.

    BärnerBär: Sie haben vor gut zwanzig Jahren die Verantwortung für das Familienunternehmen übernommen, obwohl Sie andere Lebenspläne hatten. Würden Sie wieder Ja sagen?

    Loeb: Ja, das würde ich. Es ist eine wirklich erfüllende Aufgabe. Als Unternehmerin eine Vision umzusetzen und dranzubleiben, ist faszinierend.

    Allerdings ist es nicht einfach ein Job, der am Morgen beginnt und am Abend endet. Das Unternehmen ist ein Teil von mir. Das ist grossartig, manchmal aber auch schwierig.

    HIV-Präsident Giorgio Albisetti überreichte Nicole Loeb den HIV-Wirtschaftspreis 2026.
    HIV-Präsident Giorgio Albisetti überreichte Nicole Loeb den HIV-Wirtschaftspreis 2026. - Franzisca Ellenberger

    BärnerBär: Gab es einen Moment, in dem Sie alles hinschmeissen wollten?

    Loeb: Die Corona-Pandemie war so ein Moment. Wir mussten einfach schliessen, und niemand hatte ein Rezept für diese völlig neue Situation. Nicht einmal mein Vater hatte etwas Vergleichbares erlebt.

    Da dachte ich schon: Jetzt ist es vorbei. Aber dann rauft man sich als Team zusammen, sucht mit viel Kreativität Lösungen und beschreitet neue Wege.

    BärnerBär: Was war rückblickend Ihre grösste Fehleinschätzung?

    Loeb: Der Expansionsentscheid kurz vor dem Frankenschock erwies sich als Fehler. Danach kaufte niemand mehr so teure Kleidung.

    Aber wer konnte das wissen? Wir treffen Entscheide immer mit dem Wissen von heute. Was morgen passiert, lässt sich vermuten, aber nie mit Sicherheit voraussagen.

    BärnerBär: Und welche Entscheidung war die beste?

    Loeb: Dass wir immer wieder investiert, umgebaut und Neues umgesetzt haben, beispielsweise das Dachrestaurant Nido. Wer kontinuierlich dranbleibt, verhindert, dass sich Renovationen anstauen, die irgendwann kaum mehr finanzierbar sind. Zudem haben wir früh erkannt, dass wir auf Erlebnisse setzen müssen, die online nicht möglich sind.

    BärnerBär: Loeb will das persönlichste Warenhaus der Schweiz sein. Warum ist Ihnen das so wichtig?

    Loeb: Wir sind zu klein, um im Online-Handel mit den grossen Plattformen mitzuhalten. Als Familienunternehmen setzen wir deshalb auf das, was den stationären Handel unterscheidet: das Persönliche.

    Es sind die Begegnungen vor Ort, der Kontakt mit Mitarbeitenden und das Erlebnis, das ein Besuch bei uns bietet. Die vielen positiven Rückmeldungen unserer Kundschaft zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

    Kaufst du bewusst in lokalen Geschäften ein?

    BärnerBär: Der Wirtschaftspreis wird vor allem auch für unternehmerischen Mut verliehen. Reicht dieser aus, um die Zukunft des Warenhauses zu sichern?

    Loeb: Mut gehört ganz sicher dazu, er steht jeweils am Anfang. Aber man darf nicht übermütig werden. Wir tragen Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitenden und Aktionären. Deshalb müssen wir auch für Sicherheit und Rentabilität sorgen.

    BärnerBär: Viele traditionsreiche Warenhäuser sind verschwunden. Wird es den Loeb in 20 oder 30 Jahren noch geben?

    Loeb: Ich wünsche mir das. Aber unsere langfristigsten Strategien umfassen fünf Jahre. Alles darüber hinaus ist angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen schwierig abzuschätzen. Ich glaube aber, dass es den stationären Handel auch in ferner Zukunft geben wird.

    Menschen wollen sich begegnen, treffen, unterhalten und konsumieren. Dafür braucht es Orte. Auch wenn diese künftig vermutlich anders aussehen werden als heute.

    BärnerBär: Sie führen Loeb in fünfter Generation. Sollen Ihre Kinder das Unternehmen dereinst weiterführen?

    Loeb: Jedes Familienunternehmen wünscht sich wohl, dass es in der Familie bleibt. Aber meine Kinder und die meines Bruders sollen sich frei entwickeln und ihre Ausbildung nach ihren Wünschen wählen können. Es kommt nie gut, wenn man jemanden in eine Funktion zwingt. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

    BärnerBär: Würden Sie Ihren Kindern den Detailhandel denn überhaupt noch empfehlen?

    Loeb: Durchaus, es ist eine extrem spannende und abwechslungsreiche Branche, wenn auch kein Spaziergang. Aber ich denke, jede Branche hat ihre Herausforderungen. Die Verlagerung vom stationären zum Online-Handel hat uns stark gefordert.

    Nicole Loeb
    Nicole Loeb: «Loeb setzt auf das, was den stationären Handel unterscheidet: das Persönliche.» - Daniel Zaugg

    Mit dem Einzug der künstlichen Intelligenz trifft es nun den Online-Handel vielleicht etwas stärker. Veränderungen gibt es immer und man muss sich ihnen stellen, egal in welcher Branche man tätig ist.

    BärnerBär: Sie sagten einmal, jedes neue Geschäft in der Berner Innenstadt sei eine Bereicherung, jede Schliessung betrübe Sie. Machen Sie sich Sorgen um Bern?

    Loeb: Ja, das tue ich tatsächlich. Wir müssen zu unseren Innenstädten Sorge tragen, damit sie auch künftig attraktive Treffpunkte bleiben. Gerade die Hausbesitzer sind gefordert, mit erschwinglichen Mieten dafür zu sorgen, dass auch junge, neue Konzepte Fuss fassen können.

    Loeb Bern
    Blick auf die Berner Loeb-Filiale. - BärnerBär

    BärnerBär: Wenn Sie für einen Tag Stadtpräsidentin von Bern wären: Was würden Sie sofort verändern?

    Loeb: Sicherheit und Sauberkeit sind für mich enorm wichtig. Insbesondere rund um den Bahnhof und die Heiliggeistkirche sehe ich allerdings grosses Verbesserungspotenzial. Nach dem Bau des Baldachins 2008 hatte sich die Situation massiv verbessert.

    Nun sind die Zustände fast wieder wie damals. Das ist keine gute Entwicklung, wenn wir die Innenstadt als Begegnungsort attraktiv halten wollen.

    BärnerBär: Stichwort Begegnung: Haben Sie das legendäre Telefon am Loebegge eigentlich selbst einmal benutzt?

    Loeb: Nein, ich habe dort oft auf Kollegen gewartet, das Telefon aber nie benutzt. Vor einigen Jahren brachte ein Künstler im Rahmen einer Schaufensterinstallation das alte Telefon nochmals an. Wer den Hörer abnahm, wenn es klingelte, konnte etwas gewinnen.

    Besonders lustig war, dass vor allem ältere Menschen reagierten. Die Jungen wussten gar nicht mehr, was man mit so einem klingelnden Ding nun tun sollte!

    PERSÖNLICH

    Nicole Loeb (59)

    Die Berner Unternehmerin führt das traditionsreiche Warenhaus Loeb in fünfter Generation. Seit über zwanzig Jahren trägt sie Verantwortung für das Familienunternehmen, das mit persönlicher Beratung und besonderen Einkaufserlebnissen gegen die Konkurrenz des Online-Handels antritt. Für ihr unternehmerisches Engagement wurde sie mit dem HIV-Wirtschaftspreis ausgezeichnet.

    BärnerBär: Mit dem HIV-Wirtschaftspreis wurde Ihr unternehmerisches Engagement gewürdigt. Ist es nicht der vielleicht schönste Erfolg Ihrer Familie, dass sich ganz Bern seit Generationen am Loebegge trifft?

    Loeb: Absolut! Der Loebegge ist einmalig. Als wir bei einer Renovation den Innenraum vergrösserten und dadurch die Ecke draussen etwas anders aussah, gab es entsetzte Reaktionen.

    Wir dürften doch den Loebegge nicht einfach verändern! Er ist tatsächlich ein sehr emotionales Stück Bern und ein wichtiger Teil dieser Stadt. Hoffentlich bleibt er das noch lange.

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