«Kalte Hände»: Beiz-Angestellter streikt
Die Kälte setzt einem Angestellten einer Beiz auf dem Zürcher Pfannenstiel zu. In Eigenregie schliesst er deshalb die Selbstbedienung.

Das Wichtigste in Kürze
- Spaziergänger wollen am 1. Januar im Restaurant Hochwacht etwas Warmes trinken.
- «Es ist geschlossen», sagt ein Angestellter der Selbstbedienung spontan. Er habe kalt.
- Der Pächter nimmt ihn in Schutz und fordert von Gästen mehr Verständnis.
Eine Ovo oder ein Punsch sind genau das Richtige.
Die Temperaturen auf dem Zürcher Pfannenstiel liegen am ersten Nachmittag im neuen Jahr im Minusbereich. Spaziergängerinnen und -gänger wollen sich ein heisses Getränk schnappen und sich damit auf die noch sonnige Restaurantterrasse setzen.
Doch kaum nähert sich eine Gruppe dem Selbstbedienungsbereich kurz vor 16 Uhr, schreckt sie zurück. «Es ist geschlossen, sie müssen im Restaurant bestellen», tönt es heraus. «Ich habe kalte Hände», erklärt der Angestellte hinter der Theke freundlich.
Keine fünf Minuten später wagt die Gruppe einen erneuten Bestellversuch. Denn: Entrüstet hat die Kellnerin im vollbesetzten Restaurant drin die Gäste wieder zur Selbstbedienung heruntergeschickt. «Die Selbstbedienung ist offen. Er kann nicht einfach schliessen», hat sie klargestellt.
Panne mit Automaten
Inzwischen hat sich vor dem Heissgetränkeautomaten eine Schlange gebildet. Misstrauisch zieht eine Angestellte hinter der Theke das Hebefenster hoch. Sie seien wieder heruntergeschickt worden, erklären die Gäste. «Es ist geschlossen», antwortet die Angestellte.
Erst nach mehrmaligen Hinweisen der Gäste, dass sie zurückgeschickt worden seien, öffnet die Selbstbedienung wieder. Froh schnappen sich die Gäste Punsch-Pulver und Tasse und stellen sich an die Kasse.
Doch auch da haperts: Diejenigen, die eine heisse Schoggi rauslassen wollen, haben sich aber zu früh gefreut. Auf dem Bildschirm des Automaten erscheint eine Fehlermeldung.
Minuten später versucht ein Kellner, den Automaten erfolglos in Gang zu bringen. Der Automat will einfach nicht. Die wartenden Gäste sind kurz vor dem Aufgeben.
Doch im letzten Moment taucht der freundliche Kellner mit einem Tablett voller heisser Schoggis aus dem Restaurant auf.
«Habe vier Stunden dort gestanden»
Der nächste Ärger folgt beim Versuch, die Getränke zu bezahlen: Es steht niemand an der Kasse!
Der Angestellte hinter der Theke erntet fragwürdige Blicke.
«Ich komme nicht mehr an die Kasse. Ich habe vier Stunden dort gestanden und habe kalt.» Dies bescheidet er den Gästen und zeigt auf seine Finger. Es handelt sich um denselben Angestellten, der zuvor die Selbstbedienung spontan geschlossen hat.
Einige Minuten später springt doch noch jemand ein und kassiert die Getränke speditiv.
Frierend setzen sich die Gäste mit ihren Getränken an die Terrassentische. Die einen sind mit Ketchupflecken verschmiert, die anderen voller Brösmeli. «Das sind auch noch saugrusige Tische», sagt ein Gast. Ein weiterer findet: «Jetzt erwarte ich langsam wirklich einen Rabatt.»
«Hatten selten so kalt»
Michal Polak ist einer der drei Pächter der beliebten Ausflugsbeiz.
«Wir versuchen immer, unser Bestes zu geben», sagt er zu Nau.ch. Die eisige Kälte Anfang Januar sei für das Personal eine Herausforderung gewesen.
«Sie sind es sich nicht gewohnt, bei solch tiefen Temperaturen zu arbeiten», sagt Polak. «Wir hatten selten so kalt wie in den ersten Tagen des neuen Jahres.» Deshalb habe auch der Heissgetränkeautomat nicht mehr funktioniert. «Das Display ging wegen der Kälte kaputt.»
«Wir sind auch Menschen»
Auch die dreckigen Tische führt Michal Polak auf die Kälte zurück. «Der Schmutz friert ein», sagt er. «Jeweils am nächsten Morgen reinigen wir die Tische mit warmem Wasser.»
Hinter der Selbstbedienungstheke sei es lediglich ein Grad wärmer als draussen, sagt Polak. Der Wurstgrill und ein kleiner Ofen bei der Kasse spendeten etwas Wärme. «Natürlich sind die Angestellten aber selbst dafür verantwortlich, dass sie sich genug warm anziehen.»
Die Selbstbedienung ist bei schönem Wetter laut dem Pächter jeweils von 11.30 Uhr bis 16 Uhr geöffnet. Polak: «Hat es um 16 Uhr aber noch Gäste, bedienen wir sie selbstverständlich noch.»
Der Wirt geht davon aus, dass sein Angestellter angesichts der Kälte früher Feierabend machen wollte. «Es tut mir leid, dass so etwas passiert ist. Wir sind auch Menschen», sagt Polak.
«Schätzen unsere Arbeit gar nicht»
Der Wirt wünscht sich mehr Verständnis von den Gästen. «Die Leute haben seit Corona keine Geduld mehr», stellt er fest. «Sie schätzen unsere Arbeit gar nicht.»
Das Personal arbeitet laut Polak für einen Lohn, der ihrer Arbeit nicht gerecht wird. «Sie verdienen rund 5’300 Franken und müssen dafür an Feiertagen, samstags und sonntags arbeiten sowie Zimmerstunden leisten.»
Für denselben Lohn könnten sie irgendwo in einem Büro sitzen, sagt der Pächter. «8,5 Stunden arbeiten und sie hätten abends, an Wochenenden und an Feiertagen frei.»
Und dann kämen «genau diese Leute ins Restaurant – und alles stört sie», kritisiert er. «Sollen sie es doch einmal selbst ausprobieren, wie es ist, für den gleichen Lohn unter diesen Bedingungen zu arbeiten.»
Polak ist der Meinung, dass jeder einzelne Mitarbeitende im Gastgewerbe deutlich höhere Löhne verdient.


















