Jürg Johner: «Zuger Altstadt blutet geschäftlich zunehmend aus»

Uwe Guntern
Uwe Guntern

Region Zug,

Jürg Johner kennt die Zuger Altstadt wie kaum ein anderer. Seit 40 Jahren vermittelt er ihre Geschichte mit Fachwissen, Herzblut und vielen Anekdoten.

Der heute 77-jährige Jürg Johner froh gelaunt im Bürgerratszimmer
Der heute 77-jährige Jürg Johner froh gelaunt im Bürgerratszimmer - zVg

Wer mit Jürg Johner durch die Zuger Altstadt spaziert, erlebt weit mehr als eine klassische Stadtführung. Seit vier Jahrzehnten vermittelt er Einheimischen und Gästen mit grossem Fachwissen, viel Herzblut und spannenden Anekdoten die Geschichte der Stadt.

Dabei erzählt er nicht nur von historischen Ereignissen, prägenden Persönlichkeiten und bedeutenden Bauwerken, sondern zeigt auch versteckte Winkel, kleine Trouvaillen und überraschende Details, die selbst viele Zugerinnen und Zuger noch nie entdeckt haben.

Der Verein «Zuger Stadtführungen» engagiert sich seit Jahren dafür, Geschichte, Kultur und Wirtschaft von Stadt und Kanton Zug lebendig zu vermitteln. Zwischen März und Oktober finden regelmässig öffentliche Führungen durch die Altstadt statt, daneben können auch private Rundgänge zu verschiedenen Themen gebucht werden.

Jürg Johner gehört zu den prägenden Gesichtern des Vereins und kennt die Zuger Altstadt wie kaum ein anderer. Im Gespräch blickt er auf 40 Jahre als Stadtführer zurück und verrät, weshalb ihn die Geschichte Zugs bis heute fasziniert.

Zuger Altstadt
Wer mit Jürg Johner durch die Zuger Altstadt spaziert, erlebt weit mehr als eine klassische Stadtführung. - keystone

Redaktion: Seit 40 Jahren führen Sie Menschen durch die Zuger Altstadt. Erinnern Sie sich noch an Ihre allererste Führung?

Jürg Johner: Sehr wohl! Es handelte sich um die öffentliche Stadtführung am 10. Juli 1986 – diese fanden jeweils donnerstags mit Beginn um 17.30 Uhr statt – mit circa 20 Personen, Heimischen wie Touristen aus der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland.

Trotz Lampenfiebers und auch eingetroffener Anfangsschwierigkeiten und ebenfalls des einen oder anderen Patzers resultierte ein positiver Gesamteindruck! Und meine Riesenfreude durfte ich mit meinen Gästen teilen, wodurch sich eine Verdoppelung ergibt!

Die hochgewaltigen Anstrengungen wirkten noch anderntags nach! Die wesentlichste und wichtigste Erkenntnis gilt bis auf den heutigen Tag: «Der ganze Mensch ist gefordert!»

Redaktion: Was hat Sie damals dazu bewogen, Stadtführer zu werden, und was begeistert Sie bis heute an dieser Aufgabe?

Johner: Am Gymnasium in Zug erwachte ein leidenschaftliches Interesse an Hintergründen und Zusammenhängen der Stadtzuger Geschichte, wie sich die Baustile entfalteten, welche geistigen Strömungen dem Raum Zug entsprossen, aber auch, welche Persönlichkeiten dahinter stehen: «Ohne Herkunft keine Zukunft!»

Mein Jahrgänger Christian Raschle, Kantonsschullehrer und später Stadtarchivar, Mitbegründer der Zuger Stadtführungen, förderte tatkräftig diese Initiative und deren Exponenten und verhalf so auch mir nach dem Beginn meiner kulturhistorisch-präsentatorischen Aktivität im frisch eröffneten Museum Burg Zug zur Erlangung spezifischer Fachkenntnisse und daraufhin zum gelingenden Einstieg in die Führungspraxis.

Diese unbändige Begeisterung, mein breit angelegtes Wissen gründlich, sorgfältig und verständlich vermitteln zu dürfen, hält unvermindert an, unter anderem die Gäste zum Schauen anzuregen und ihnen die Bedeutung des Geschauten nahezubringen, zu zeigen, dass es nicht nur nackte Fakten und Zahlen gibt, es vielmehr nicht nur auf das «Was», sondern ebenso auf das «Wie» und das «Warum» und das «Daraus folgt» ankommt!

Insofern betrachte ich mich vorzugsweise als «Botschafter der Vergangenheit», in die ich eindringen will! Nie wird einer fertig mit der Geschichte; sie hält Tag für Tag Neuigkeiten bereit!

Redaktion: Die Zuger Altstadt steckt voller Geschichte. Welche Orte faszinieren Sie persönlich immer wieder aufs Neue – und warum?

Johner: Die Burg Zug! Nicht nur als Startpunkt meiner eigenen einschlägigen Tätigkeit, vielmehr deren landesweit singulären Bedeutung halber! Denn hier kann man 800 Jahre Baugeschichte mit nahezu 30 Phasen verfolgen – gab es doch weder grosse Brände, noch Zerstörungen oder Rückbauten!

Das Rathaus als sichtbares Zeichen der Kontinuität des Staatwesens «Zug» seit mehr denn einem halben Jahrtausend! Dir Kirche St. Oswald als schmuckreichstes Gotteshaus der Spätgotik der Schweiz nach dem Berner Münster!

Zug Steuern
Die Zuger Altstadt. - keystone

Das Gebäude «Haus des Lernens» an der St.-Oswaldsgasse 20 als Inbild der Schulgeschichte der Stadt Zug, zugleich einzige Nachempfindung der italienischen Renaissance Zugs, schreib’ spannender Farbtupfer gegenüber der vorherrschenden Spätgotik plus das am entschiedensten monumental gedachte Gebäude der Stadt!

Das Theater-Casino als vielfältiger «Musentempel» mit zumindest regionaler Ausstrahlung, dito baulich zwei Epochen präsentierend – unter wundersamer Rettung und Ertüchtigung des Altbaus!

Redaktion: In vier Jahrzehnten haben Sie unzählige Besucherinnen und Besucher begleitet. Gibt es Begegnungen oder Erlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Johner: Nicht spezifische Begegnungen, vielmehr ihre unbeschreiblich reiche Vielfalt! Tief eingekerbt allerdings hat sich der Altstadtrundgang mit einer hoch motivierten und peinlich präzis präparierten Gruppe von Zuger Personen.

Diese haben entweder zeit ihres Lebens oder zumindest die ersten Jahrzehnte hier gewohnt. Die Gruppe hatte laufend mit eigenen fundierten Beiträgen zur Geschichte, aber auch mit Geschichten und Anekdoten zu allseitigem Gewinn aufgewartet, ja einander noch ergänzt, abgerundet, hochgeschaukelt. Es war eine wahre Pracht.

Zudem hatte die Gruppe eigens noch einen nur kurzzeitig frequentierten Verpflegungsposten installier, damit man das Ganze überhaupt durchgehalten konnte, während 4 Stunden und 6 Minuten. Man kann es ruhig in doppelter Wortbedeutung formulieren – bis zur Erschöpfung das Zuger Altstädtli näher gebracht – schlicht unikal und unübertrefflich!

Eine Riesengenugtuung löste in mir eine völlig unerwartete Ehrung aus: Am 12. Dezember 2012 erhielt ich als einziger Nichtstadtzuger den Anerkennungspreis der Stadt Zug in Form eines Frauenthaler Lebkuchens überreicht!

Redaktion: Wie hat sich die Zuger Altstadt in den vergangenen 40 Jahren verändert – und was ist glücklicherweise gleich geblieben?

Johner: Noch immer existieren zahlreiche wertvolle Kulturgüter in Zugs Altstadt, welche sich überhaupt binnen der verflossenen Jahrzehnte so richtig «herausputzte» (zumindest die Fassaden), sodass sich ein Charme, teils sogar ein «Bijou», erhielt – dies trotz dem atemberaubend raschen Tempo der Entwicklung der Altstadt!

In meinen ersten Jahrzehnten ist man relativ schnell wieder auf dem Laufenden gewesen, was so alles abgegangen ist, was es für Neuerungen gegeben hat. Doch seither hat eine Bauwut eingesetzt, die alle immer wieder «überschlägt».

Bis man nur schon die Entdeckungen der Archäologie wahrgenommen, verstanden, verarbeitet hat! Und dann kommen noch die Erkenntnisse der Denkmalpflege sowie anderer Fachstellen und Institutionen dazu, zum Beispiel bei Neu- oder Umbauten und Restaurierungen und Renovationen oder «Zügleten» oder Eigentumsverschiebungen oder Nutzungsänderungen: Ein weites Feld und zwar ohne Unterbruch.

Zug Altstadt
Johner: «Noch immer existieren zahlreiche wertvolle Kulturgüter in Zugs Altstadt.» - keystone

Es braucht eine beträchtliche geistige Flexibilität, ständige Aufmerksamkeit und nie nachlassende Kraftanstrengungen, um da mitzuhalten und sich stetig auf den neusten Stand zu hieven!

Endlich nicht zu verabsäumen: Die Altstadt blutet geschäftlich zunehmend aus – oder, sofern noch vorhanden, gibt es eine starke Branchen-Konzentration. So zählte ich vor wenigen Jahren noch allein rund um das Schwanenplätzli nicht weniger denn 5 Coiffeursalons

Redaktion: Geschichte lebt von spannenden Geschichten. Welche Anekdote erzählen Sie bei einer Führung besonders gerne?

Johner: Die Anekdote des Hofnarrs Kuoni von Stockach von 1315, welcher Herzog Leopold anlässlich dessen Versammlung seines Ritterheeres in der Burg Zug als Einziger reinen Wein ausschenkte hinsichtlich dessen Chancen im Gefecht gegen die Schwyzer am Morgarten.

Hast du schon einmal an einer Stadtführung durch Zug teilgenommen?

Die Geschichte des Freskos am alten Stadthaus am Kolinplatz, welches erhalten blieb, obgleich der Stadtrat einen Ersatz beschloss und hierzu Zugs Hofkünstler Johnny Potthof bereits Entwürfe ablieferte – ehe der GGR dank einiger kundiger Mitglieder als zuständige Behörde das Parlament eruierte, mithin die «Milchsuppe Zugs» auch «fürohin» das Gebäude ziert. Das wunderbare Renaissance-Portal allerdings gab es bereits nicht mehr!

Redaktion: Wer zum ersten Mal an einer Stadtführung teilnimmt: Was überrascht die meisten Gäste an der Geschichte Zugs?

Johner: Deren Abwechslungsreichtum sowie der nicht geläufige Aufbau des Standes Zug und dessen Position in Verbund der Eidgenossenschaft. In den Führungen per se: Die geballte Ladung an Sehenswürdigkeiten in einer Kleinstadt!

Redaktion: Der Verein «Zuger Stadtführungen» bietet neben den klassischen Rundgängen auch Themenführungen an. Welche würden Sie persönlich besonders empfehlen?

Johner: Verborgene Innenhöfe, Zug und sein Handwerk sowie das Metzgerei-Museum.

Redaktion: Wenn Sie sich für die Zukunft der Zuger Altstadt und der Stadtführungen etwas wünschen dürften – was wäre das?

Johner: Die weiterhin bestehende Möglichkeit der – wenngleich sachlich eingeschränkt oder zeitlich reduziert – Besichtigung von Innenräumen öffentlicher Gebäude.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in der «Zuger Woche» erschienen.

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