Junge versuchens: Kann man in der Schweiz mit 30 in Pension gehen?
Auf Social Media zeigen Junge, wie sie mit 70 Arbeitsstunden in der Woche und Extrem-Sparen mit 30 oder 40 in Pension gehen wollen. Doch: Ist das realistisch?

Das Wichtigste in Kürze
- Auf Social Media eifern viele Junge dem sogenannten FIRE-Prinzip nach. Sie versuchen, mit extremem Sparen und viel Arbeit mit 30 oder 40 in Rente zu gehen.
- Grund für die Auseinandersetzung mit der Pensionierung sei bei vielen Jungen Zukunftsangst, meint der Generationenforscher.
- In der Schweiz hält eine Finanz-Expertin eine Pensionierung mit 30 oder 40 für wenig realistisch.
- Derweil findet ein FIRE-Anhänger aus der Westschweiz: «In der Schweiz kann es jeder schaffen.»
Rund 45 Jahre – so lange arbeitet man in der Schweiz durchschnittlich, ehe man sich pensionieren lässt.
Das Rentenalter beträgt für Männer aktuell 65 Jahre, für Frauen 64-einhalb Jahre, ehe es sich 2028 angeglichen haben wird.
Ab 63 kann man die AHV vorzeitig beziehen, wer mag kann den Rentenbezug bis 70 aufschieben und einen Zuschlag kassieren.
Viel Arbeit und extremes Sparen für frühzeitige Rente?
Doch immer mehr Menschen planen, sich noch früher aus dem Berufsleben zu verabschieden. Viele von ihnen orientieren sich dabei am sogenannten FIRE-Prinzip. FIRE bedeutet «Financial Independence, Retire Early», was so viel heisst wie «finanzielle Unabhängigkeit, frühzeitiger Ruhestand».
Das zeigt sich auf Social Media. Dort zeigen junge Menschen in ihren 20ern, was sie für die frühe Pension auf sich nehmen.
Dabei wird extremes Sparen vorgelebt. Zudem zeigen einige, wie sie nicht nur einem, sondern gleich zwei Vollzeitjobs nachgehen.
Ihr Ziel: Einen möglichst grossen Teil des Einkommens sparen und das Ersparte langfristig zu investieren. So wollen sie sich eine frühere Rente ermöglichen.
70-Stunden-Woche und krasses Sparen
Ein krasser Fall ist dabei die 27-jährige Jane aus Kanada, der allein auf Instagram 181’000 Menschen folgen. Sie arbeitete rund fünf Jahre lang 70 Stunden pro Woche.
Jane sparte, wo sie nur konnte. Sie verzichtete auf jegliche Freizeitaktivitäten und Restaurantbesuche, nicht einmal neue Kleidung gönnte sie sich.
Denn: Sie plante, mit 30 in Pension zu gehen.
Doch nun ist kurz vor dem Ziel Schluss, wie sie gegenüber «People» berichtet. Sie plant nicht mehr, mit 30 in Rente zu gehen – trotz Ersparnissen von 700’000 kanadischen Dollars (rund 412’000 Franken).
«Ich würde auch nicht jedem empfehlen, zwei Jobs zu haben»
Stattdessen will Jane ihre Zeit flexibler gestalten. Und in Zukunft einer freiwilligen Erwerbsarbeit nachgehen.
Zu den letzten fünf Jahren meint sie: «Ich habe definitiv sehr viel Zeit und mein soziales Leben geopfert, weil ich so darauf fokussiert war, beruflich voranzukommen.»

«Ich bereue es nicht», betont die 27-Jährige. Aber: «Ich würde auch nicht jedem empfehlen, zwei Jobs zu haben.»
Doch wieso machen sich Junge bereits Jahrzehnte vor ihrer Pension bereits Gedanken um ihre Rente und ihre finanzielle Absicherung?
Die Gen-Z sieht «ihre Zukunft sehr negativ»
Generationenforscher Rüdiger Maas meint dazu: «Die Zukunft erscheint für junge Menschen heute weniger planbar, als es früher für junge Menschen der Fall gewesen ist.»
Viele Krisen – etwa Pandemie-Nachwirkungen, Kriege, Klimawandel und Teuerung – würden sich aktuell überlagern. «Hinzu kommen Unsicherheiten über die zukünftige Altersvorsorge und die Entwicklung der Arbeitswelt.»

Das heisse nicht, dass ältere Generationen weniger Krisen miterlebt hätten, erklärt Maas. «Entscheidend ist vielmehr, wie man damit umgeht und wie man die eigenen Zukunftschancen einschätzt.»
Dort liege der grosse Unterschied zwischen den Generationen: «Weniger als die Hälfte der Gen-Z glaubt, den Lebensstandard halten zu können, den die eigenen Eltern haben und hatten.» Die Gen-Z sehe «ihre Zukunft in der Regel sehr negativ».
Früher war die Rente mit 65 das Ziel
Zudem erzeuge Social Media für viele Junge einen zusätzlichen finanziellen Leistungsdruck. Das werde auch durch Influencer angeheizt, die einen Lebensstandard teilen würden, den viele ihrer Follower gerne hätten.
«Der Wunsch nach finanzieller Sicherheit ist keineswegs neu», meint Maas. «Auch frühere Generationen wollten Schulden vermeiden, ein Eigenheim erwerben und für das Alter vorsorgen.» Früher habe es die Rente mit 65 als Ziel gegeben. Das sei heute anders.

«Für die älteren Generationen war früher die Altersvorsorge ein langfristiges Projekt, das sich über das gesamte Erwerbsleben erstreckte. In der FIRE-Kultur wurde daraus eine Abkürzung mit einem für die Anwendenden ‹messbaren Ziel› und einem möglichst frühen Enddatum.»
Doch ist es in der Schweiz überhaupt möglich, mithilfe des FIRE-Trends bereits mit 30 oder 40 pensioniert zu werden?
«Damit muss das Vermögen im Durchschnitt noch rund 40 bis 50 Jahre reichen»
Gegenüber Nau.ch meint Anlage-Expertin Marion Koch von «Swiss Life Wealth Managers» dazu: «Aus Schweizer Sicht ist eine Pensionierung mit 30 oder 40 Jahren sehr ambitioniert.»
Im Alltag der Kundinnen und Kunden sei dieser Wunsch faktisch nicht vertreten. «Erst recht nicht, wenn das benötigte Vermögen vollständig selbst aufgebaut werden muss.»

Denn es gelte: «Wer so früh aus dem Erwerbsleben aussteigt, muss seinen Lebensunterhalt unter Umständen über 50 Jahre finanzieren.»
«Damit muss das Vermögen im Durchschnitt noch rund 40 bis 50 Jahre reichen», mahnt Koch. Und: «Für eine solide Planung sollte auch ein deutlich höheres Lebensalter einkalkuliert werden.»
«Realistischer als eine vollständige Pensionierung ist das Ziel finanzieller Unabhängigkeit»
Dazu kämen die Eigenheiten des Schweizer Vorsorgesystems. Wer früh mit der Erwerbsarbeit aufhöre, baue weniger Ansprüche aus der AHV und der beruflichen Vorsorge auf. Zudem müsse die Zeit bis zum Rentenbezug aus eigenen Mitteln überbrückt werden.
Auch rund um die Möglichkeit zweier Jobs unterscheiden sich die USA und Kanada von der Schweiz, denn: «Zwar sind Mehrfachbeschäftigungen in der Schweiz grundsätzlich möglich.»
Doch sie unterlägen arbeitsrechtlichen Vorgaben und vertraglichen Einschränkungen. «Ein besonders hoher Arbeitseinsatz über mehrere Jobs ist deshalb nicht beliebig vergrösserbar.»
Daher gelte für die Schweiz: «Realistischer als eine vollständige Pensionierung mit 30 oder 40 ist für viele Menschen das Ziel finanzieller Unabhängigkeit.»
Früh investieren lohnt sich
«Wer frühzeitig Vermögen aufbaut, regelmässig investiert und seine Ausgaben bewusst gestaltet, kann sich langfristig mehr Wahlfreiheit verschaffen», so Koch.
Beispielsweise mit einer Reduktion des Arbeitspensums, einem beruflichen Wechsel oder der Möglichkeit, nur noch Tätigkeiten auszuüben, die den Interessen entsprächen.
Deshalb würde «Swiss Life Wealth Managers» jungen Menschen empfehlen, früh mit dem Vermögensaufbau zu beginnen. Denn: «Wer früh anfängt, profitiert besonders vom Zinseszinseffekt.»
Reinvestierte Erträge erwirtschafteten ihrerseits wieder Erträge. «Über viele Jahre kann so ein beträchtlicher Vermögenseffekt entstehen.»
Expertin rät, zehn Prozent des Einkommens zu sparen
Koch erklärt: «Entscheidend ist, einen Weg zu wählen, der zur persönlichen Lebenssituation passt.»
Dazu gehörten ein realistischer Sparbetrag und eine Anlagestrategie, die auf den Anlagehorizont und die eigene Risikofähigkeit abgestimmt seien. Zudem sei es wichtig, regelmässig zu investieren, statt auf den vermeintlich passenden Einstiegszeitpunkt zu warten.

«Als Orientierung kann dienen, rund zehn Prozent des Einkommens zu sparen – sofern es die finanzielle Situation zulässt» rät Koch. Und: «Wichtig ist auch, eine angemessene finanzielle Reserve verfügbar zu halten und Ausgaben bewusst zu hinterfragen.»
Rente mit 30 oder 40 scheint also kaum realistisch. Wie sieht das ein Schweizer, der nach dem FIRE-Prinzip lebt?
FIRE dauert Jahrzehnte
Für Marc Pittet* (47), einen FIRE-Anhänger aus der Westschweiz und Blogger bei «Mustachian Post» ist klar: «Das Prinzip ist simpel, aber nicht einfach.»
Kurz zusammengefasst sei wichtig, mehr zu verdienen als auszugeben. «Was zählt ist die Sparquote, nicht der Lohn.» Bei einer Sparquote von 25 Prozent dauere es rund 32 Jahre, bei 50 Prozent etwa 17 Jahre. Wer 75 Prozent spare, schaffe man es in rund sieben Jahren.

Pittet kritisiert: «Auf Social Media sieht man oft die 75-Prozent-Variante.» Das seien aber Ausnahmen wegen einem sehr hohen Einkommen oder einem «Lebensstil, den die meisten nicht einmal zehn Jahre durchhalten».
Darum blogge er als «normaler» Schweizer Familienvater und Angestellter weiter. Denn so zeige er, wie der FIRE-Weg über ein Jahrzehnt andauere. Denn: «Das ist die Realität.»
Von 48’000 auf zwei Millionen in 13 Jahren
Leider hätten nicht alle Menschen auf der Welt die Möglichkeit, es mit FIRE zu packen. Vielen fehlten Grundlagen wie Zugang zu Bildung. Doch, so Pittet: «In der Schweiz kann es jeder schaffen.»
«Ich hatte kein Startkapital, und mein Einkommen war durchschnittlich.» Dennoch sei er mit seiner Familie von 48’000 Franken im Jahr 2013 auf über zwei Millionen im Jahr 2026 gekommen.
FIRE habe ihm ermöglicht, auf Teilzeit zu reduzieren, so Pittet. Zudem habe er zwei Jahre früher Eigentümer seines eigenen Zuhauses werden können.
«Sonst ist es kein Weg, sondern ein neues Hamsterrad»
Doch: «2018 sah ich, dass ich mein Ziel nicht erreichen würde. Und hätte beinahe einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie Jane aus Kanada.»
Er habe diese Möglichkeit jedoch abgelehnt, obwohl es ihm ein schnelleres Ziel ermöglicht hätte.
Seither laute sein Motto: «Der kürzeste Weg ist der, der am meisten Geld bringt. Und mir gleichzeitig so viel Freiheit, Sinn und Familienzeit lässt wie heute.»
Denn: «Sonst ist es kein Weg, sondern ein neues Hamsterrad, das man sich selbst baut.»
*Pseudonym











