«Frugale» WG: Junge setzen auf radikales Sparen
Alles wird teurer – viele Junge reagieren mit Verzicht. In sozialen Medien boomt «Frugal Living»: ein Trend, der Sparsamkeit feiert.
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Das Wichtigste in Kürze
- Sogenanntes «Frugal Living» boomt – viele Junge teilen im Netz mehr oder wenige radikale Spartipps.
- Besonders viral geht eine «frugale» WG. Sie behauptet, sogar das Duschtüechli zu teilen – das Netzt streitet darüber, ob es eine satirische Reaktion auf die vielen ernstgemeinten Tipps ist.
- Ein Experte gibt zu bedenken: Freiwillig ist solch radikales Sparen aktuell nicht für alle.
Ein Kaffee für fünf Franken, steigende Mieten und höhere Stromkosten: Das Leben wird spürbar teurer – in der Schweiz besonders in Städten wie Zürich. Durchschnittlich zahlt man dort rund 2800 Franken pro Monat für eine 2.5-Zimmer-Wohnung.
Auch das Tanken wird immer teurer. Der Diesel hat in der Schweiz mit 2.41 Franken einen neuen Höchststand erreicht, Benzin kostet stolze 2.10 Franken.
Beim Einkaufen zieht es ebenfalls an: Für Milch, Fleisch oder Brot zahlen viele heute deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren.
Kein Zufall, erreicht derzeit ein Spar-Trend das Netz: Das sogenannte «Frugal Living», also «einfache» oder «sparsame Leben».
Junge geben mehrere Tage pro Woche nichts aus
Das Netz ist voll von mehr oder weniger radikalen Spar-Tipps.
Ein klassischer Tipp aus dem «Frugal-Living»: Vor grösseren Käufen erst einmal 24 Stunden abwarten. So lassen sich viele unnötige Ausgaben vermeiden und Impulskäufe verhindern.
Beliebt sind auch sogenannte «No-Spend-Days». Dabei wird an einem oder an mehreren Tagen pro Woche komplett auf Ausgaben verzichtet.
Ein User rät, 90 Prozent aller Mahlzeiten zu Hause zuzubereiten. Der Tipp ist Teil seiner Strategie, um seine Ausgaben sogar zu halbieren.
Ein Tüechli für die WG? Radikale Spar-Videos spalten das Netz
Besonders viral geht eine deutsche «frugale WG». Die Wohngemeinschaft behauptet, auf radikale Sparmassnahmen zu setzen: Konsequent wird jeder Cent umgedreht.
In einem Tiktok-Video, das fast 220’000 Mal geteilt wurde, berichten drei Frauen, wie sie zusammen ein Tüechli fürs Duschen verwenden. Oder feste Zeiten fürs Duschen und Handyaufladen eingeführt haben.
Alle drei Tage dürfe man duschen – wer darauf verzichtet, erhalte eine Belohnung. Das Ferrero Rocher als Snack wird schwesterlich geteilt. Und das Geschirr wird in einer Schüssel gewaschen, die einmal pro Woche vorbereitet wird – das braucht weniger Wasser.
Ob das Video satirisch gemeint ist oder ernst, lassen die drei Frauen offen. Die Diskussion spaltet das Netz – einige sind überzeugt, dass die Frauen es ernst meinen, andere glauben an einen Witz.
Tatsächlich ist schwer zu glauben, dass das Ganze ernstgemeint ist. Sicher ist jedoch: Es sorgt für Gesprächsstoff.
Und es ist kein Zufall, dass die Videos der frugalen WG ausgerechnet jetzt so viral gehen. Schliesslich sind die klar ernstgemeinten Spar-Tipps überall.
Doch was steckt hinter diesem Trend zum Verzicht? Warum wählt die junge Generation diesen Weg – und reagiert nicht mit beispielsweise Protesten auf die steigenden Kosten?
Experte: Sparsam-Trend ist nicht einfach freiwillig
Generationenforscher Rüdiger Maas sagt zu Nau.ch: «Einerseits ist Frugal-Living nicht notwendigerweise ein Ausdruck von Rückzug, sondern kann eine Form der Selbstermächtigung darstellen.» Also eine Art, Kontrolle zu gewinnen.
Andererseits könne «ein Trend zur Genügsamkeit» darauf hinweisen, dass sich Menschen an Einschränkungen «gewöhnen», die sie nicht ausgesucht haben.

«Wenn steigende Mieten, höhere Lebensmittelpreise oder unsichere Beschäftigungsverhältnisse dazu führen, dass Menschen ihre Ansprüche dauerhaft reduzieren, ist das nicht ohne Weiteres als freiwillige Lebensstilentscheidung zu interpretieren.»
Die meisten geniessen «Auffangbecken» der Eltern
Der Spar-Trend könnte jedoch auch eine Art Ausdruck von fehlendem politischen Antrieb sein.
Maas gibt zu bedenken, dass es viele Eltern gibt, die ihre Kinder bis ins Erwachsenenalter finanzieren. Diese Kinder hätten oft nur gelernt, «zu konsumieren».
Sprich: «Wenn man nur gelernt hat, zu konsumieren, ist man eben nicht sehr aktiv und kreativ beim Protestieren.»
Allgemein habe sich die Haltung gegenüber der Politik in den letzten Jahren verändert. «Man erwartet immer mehr von der Politik. Das ist ebenfalls eine Folge davon, dass auch immer mehr gemacht wird für junge Leute.»
Sein Fazit: Positiv betrachtet kann «Frugal-Living» als Art von Selbstbestimmung, finanzieller Vorsorge oder auch bewusste Konsumkritik verstanden werden.

Blicke man sozialpolitisch auf das Phänomen, könne es auch auf Einschränkungen hinweisen, die Menschen hinnehmen müssten. «Weil ihnen andere Handlungsmöglichkeiten fehlen.»
Politisches Engagement kann Maas daraus aber nicht ablesen.


















