Jetzt kommen die KI-Veganer – und müssen um Job fürchten
Mitten im KI-Boom lassen junge Menschen von der Technologie bewusst die Finger. Auf dem Arbeitsmarkt riskieren sie, den Anschluss zu verlieren.

Das Wichtigste in Kürze
- Wegen des Klimas oder aus Angst vor Verdummung nutzen einige Menschen bewusst keine KI.
- «Komplette Verweigerung ist riskant», sagt der Präsident von Angestellte Schweiz.
- «Wir laufen Gefahr, eine geistige Prothese zu entwickeln», warnt eine Ethikerin.
Veganer essen weder Fleisch noch Eier. Genauso tabu sind für sie Produkte aus Wolle oder Leder. Eine neue Gruppe vertritt eine ähnliche Lebensweise des bewussten Verzichts – allerdings auf technologischer Ebene. Jetzt kommen die KI-Veganer.
Sie sträuben sich dagegen, künstliche Intelligenz zu nutzen. «Ich hasse AI (Englisch für KI, Anm. d. Red.) so sehr», schreibt eine Bernerin auf Instagram. Sie wünschte, sie könnte jede Form von «Kunst» melden, die mit KI generiert worden sei.
Sie kritisiert, dass KI viel Wasser verschwende. Dies, weil sich Leute «nicht Gedanken machen mögen», wie sie «einen Satz umformulieren oder ein Bild bearbeiten» sollten. Tatsächlich frisst eine einfache Eingabe in Chat GPT bereits 0,3 Wattstunden.
«Verlerne, zu überlegen»
Bei einer Zürcherin sträubten sich im Malkurs die Haare. «Die Kursleiterin bot uns als Vorlage unter anderem eine mit KI erstellte Landschaft an», sagt die Teilnehmerin zu Nau.ch. Doch KI-Bilder kämen für sie nicht infrage, sähen diese noch so toll aus.
Einen 23-jährigen Verkaufsberater aus Frankreich schreckt die Einfachheit des Tools ab. «KI ermöglicht den Menschen, sich nicht mehr anzustrengen», sagt er zur Zeitung «Le Monde».
Eine Übersetzerin fürchtet um ihre eigenen Fähigkeiten. «Dass ich verlerne, zu schreiben, zu recherchieren und zu überlegen», sagt sie.
Théophile Fenal, der als Auktionator arbeitet, sieht in KI vor allem Entfremdungs- und Verdummungspotenzial. Deshalb hat sich der 30-Jährige vorgenommen, keine KI mehr zu nutzen.
KI-Skills zählten mehr als Erfahrung
Der Arbeitsmarkt rüstet sich derweil für den Einsatz von KI.
Der Arbeitnehmerverband Angestellte Schweiz hat deshalb die Denkfabrik «einstAIn» gegründet. Ihr Report dazu kommt zum Schluss: «Für die Schweiz ist Künstliche Intelligenz kein Zukunftsversprechen, sondern ein Prüfstein für ihren Wohlstand.»
Sollen sich die KI-Veganer demnach schon mal bei der Arbeitslosenkasse anmelden?
Angestellte Schweiz zeigt für die KI-Veganer ein gewisses Verständnis. Aus ihrer Sicht sei eine bewusste, vielleicht auch kritische Haltung verständlich, sagt Alexander Bélaz. Er ist Präsident des Verbands. «Aber komplette Verweigerung ist riskant.»
Wer KI kategorisch ablehnt, riskiert laut Bélaz, den Anschluss im eigenen Berufsfeld zu verlieren und weniger produktiv zu sein. «Auch riskiert man mittelfristig in Berufen zu landen, deren Wert sinkt.»
Auch Angestellte mit einem grossen Rucksack können sich vor dem Einsatz von KI nicht drücken. Eine Mehrheit der Führungskräfte würde heute weniger erfahrene Personen jedoch mit starken KI-Skills vorziehen, sagt Alexander Bélaz.
Arbeitserleichterung sei nicht Ziel
Menschen, die sich gegen den Einsatz von KI sträuben, sind keine verschrobenen Technologieverweigerer. Die Sorge vor einem Verlust eigener kognitiver Fähigkeiten sei nicht unberechtigt, sagt Alexandra Kaiser-Duliba. Sie ist Ethikerin an der Universität Luzern. «Wir laufen Gefahr, eine geistige Prothese zu entwickeln», warnt sie.
Diese drohe, wenn datenbasierte Systeme weitgehend unreflektiert genutzt würden, sagt die Ethikerin. Diese Prothese wirke sich negativ auf das Denkvermögen aus, weil wir unsere Intelligenz zunehmend an Maschinen auslagerten. «Um den Verlust kognitiver Autonomie zu verhindern, müssen Menschen lernen, angemessen mit datenbasierten Systemen umzugehen.»

Im Gegensatz zu früheren technologischen Revolutionen zielt KI laut Kaiser-Duliba nicht darauf ab, dem Menschen die Arbeit zu erleichtern. «Sondern ihn aus Gründen der Kosteneffizienz in der Wertschöpfungskette durch selbstlernende Systeme zu ersetzen.» Dies führe voraussichtlich zu einer massiven Reduktion bezahlter beruflicher Aufgaben über alle Berufsgruppen hinweg.
«Ende der menschlichen Autonomie»
Horrorszenarien zeigen Roboter, die den Menschen die Jobs wegnehmen und sie am Ende sogar umbringen. Warum reissen die Menschen keinen Stopp, bevor sie sich selbst abschaffen?
Die Ethikerin erwähnt die Idee, die menschliche Intelligenz in ein globales Computerbewusstsein hochzuladen. «Dies würde das Ende der menschlichen Autonomie bedeuten.»
Den Grund dafür, dass die Gesellschaft bei KI nicht die Notbremse zieht, sieht sie im Zwang des Machbaren. «Denn die blosse Existenz einer technologischen Innovation erzeugt den sozialen und gesellschaftlichen Druck, sie auch anzuwenden.»
Multinationale Technologiekonzerne befeuerten den unaufhaltsamen Drang massiv, sagt Kaiser-Duliba. Diese strebten nach Datenextraktion und Profitmaximierung.
Dabei werde eine Alternativlosigkeit propagiert. «Diese suggeriert, ständige technologische Durchdringung sei der einzig mögliche und unausweichliche Weg in die Zukunft.»
Anstatt sich der Technologie jedoch komplett zu verweigern, sollte das Wirtschaftssystem laut der Ethikerin auf den gesellschaftlichen Wandel vorbereitet werden. Sie schlägt ein hohes Grundeinkommen gekoppelt mit gesellschaftlichem Engagement vor: «Um dem technologiebedingten Jobverlust gerecht und menschenwürdig zu begegnen.»
















