Jeden vierten Tag! Kindsentführungen in der Schweiz nehmen zu
Seit 2022 steigt die Anzahl der registrierten Kindesentführungen in der Schweiz besonders an. Die Gründe dafür sind vielfältig – die Warnsignale auch.

Das Wichtigste in Kürze
- Jeden vierten Tag wird in der Schweiz ein Kind entführt – die Dunkelziffer dürfte höher sein.
- Begrenzte Mittel der Behörden und immer mehr binationale Paare sorgen für einen Anstieg.
- Warnsignale sind oft Andeutungen eines Elternteils über längere Reisen oder direkte Drohungen.
In der Schweiz wird statistisch gesehen alle vier Tage ein Kind entführt. Vom eigenen Vater oder der eigenen Mutter. Die Zahl solcher Fälle steigt seit 20 Jahren an. Besonders stark ist der Anstieg seit 2022.
Das zeigen Daten des Bundesamts für Justiz (BJ), Der zuständigen Bundesbehörde. Die Dunkelziffer, also die nicht gemeldeten Fälle, dürften deutlich höher liegen.

Auch die Zahl der Kinder, bei denen eine Entführung befürchtet wird, nimmt zu. Laut der Bundespolizei Fedpol wurden letztes Jahr 734 Kinder im Polizeisystem als entführungsgefährdet gemeldet. Das ist fast dreimal mehr als noch im Jahr 2019.
Binationale Paare stehen häufiger im Mittelpunkt
Einen Grund für den Anstieg sehen Fachleute in der wachsenden Zahl binationaler Paare. Also Paare, bei denen die Partner verschiedene Nationalitäten haben.
Ein weiteres Problem sind fehlende Ressourcen bei den Behörden. Das BJ erklärt gegenüber SRF, dass die Fallzahlen weiter steigen. Deshalb braucht es zusätzliche Mittel. Dazu kommt, dass internationale Vereinbarungen nicht immer wirksam durchgesetzt werden.

Das zeigen zwei konkrete Fälle mit Ländern wie Nordmazedonien oder Tunesien: In beiden Fällen haben die Mütter die Kinder ausser Land geschafft – ohne dass der Vater Bescheid wusste. Beide Länder sind zwar Teil des Haager Übereinkommens, aber die Umsetzung bleibt laut Beobachtern oft mangelhaft.
Fachleute fordern spezialisierte Behörden
Rechtsanwältin Anna Hofer beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Kindesentführung. Für sie ist klar: Solche Fälle müssen verhindert werden, bevor sie überhaupt eintreten. «Bei hoch-eskalativen Trennungen von binationalen Paaren müssten die Behörden standardmässig Massnahmen ergreifen», sagt sie gegenüber SRF.
Hofer kritisiert, dass Kinderschutzbehörden, die sogenannten KESB, oft kommunal oder regional organisiert seien. Dies führe dazu, dass juristische Laien über hochkomplexe Fälle entscheiden.
Einzelne KESB-Mitarbeitende hätten in ihrer gesamten Berufskarriere vielleicht erst eine einzige Kindesentführung erlebt, kritisiert die Anwältin.
Das Bundesamt für Justiz reagiert auf die Kritik
Das Bundesamt für Justiz verfügt über eine eigene Abteilung für internationalen Kinderschutz. Das Amt betont: «Für den Erfolg von internationalen Abkommen ist es wichtig, dass sich die Vertragspartner daranhalten.»
Gleichzeitig verweist das BJ auf Verbesserungen der letzten Jahre. Die Behörde erklärt: «Für die Kinder ist dies entscheidend, weil damit ihre ungewisse Situation verkürzt wird. Ausserdem fördert das Gesetz Mediationen.»
Mediation bedeutet, dass ein neutraler Vermittler versucht, eine Einigung zwischen den streitenden Parteien zu erzielen.
Experten und Fachleute sind sich einig: Ohne mehr Ressourcen und spezialisiertes Wissen der Behörden wird sich die Lage kaum verbessern.
So erkennt man Warnsignale einer Entführung
Fachleute haben typische Warnsignale identifiziert, die auf eine drohende Kindesentführung hinweisen können. Dazu gehören etwa Andeutungen eines Elternteils über längere Reisen – oder direkte Drohungen.
Eine abrupte Kündigung der Arbeitsstelle oder das Erneuern der Ausweisdokumente der Kinder kann ebenfalls ein Signal sein.
Zuletzt gab es in Deutschland einen prominenten Fall: Christina Block (53). Die Staatsanwaltschaft wirft der Unternehmerin vor, die Entführung ihrer beiden Kinder aus Dänemark nach Deutschland organisiert zu haben.

Die 53-Jährige bestreitet die Vorwürfe. Hintergrund ist ein jahrelanger Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann.








