«Hitze ist in Zug kein Zukunftsszenario, sondern Realität»
Nach knapp einem Jahr Thermal-Mapping zieht Stadträtin Barbara Gysel Bilanz und erklärt, wie die gewonnenen Daten künftig helfen sollen.

Heisse Tage und tropische Nächte sind auch in Zug keine Seltenheit mehr. Seit rund einem Jahr misst die Stadt mit einem schweizweit einzigartigen Netz von rund 300 Temperatursensoren.
Die Daten sollen helfen, Hitzeinseln zu erkennen und künftige Massnahmen gezielt dort umzusetzen, wo sie den grössten Nutzen bringen.
Wie stark sich einzelne Stadtteile aufheizen, lässt sich heute nicht mehr nur erahnen – die Stadt Zug kann es messen.
Das sogenannte Thermal-Mapping liefert laufend Daten zur lokalen Hitzebelastung und schafft damit eine wichtige Grundlage für die Stadtplanung.
Die «Zuger Woche» wollte von Stadträtin Barbara Gysel wissen, welche Erkenntnisse bisher gewonnen wurden und welche konkreten Massnahmen sich daraus für die Zukunft ableiten lassen.

Redaktion: Die Temperatursensoren sind seit rund einem Jahr in Betrieb. Welche wichtigsten Erkenntnisse konnten bisher gewonnen werden?
Barbara Gysel: Die wichtigste Erkenntnis lautet: Hitze ist in der Stadt kein flächendeckend gleiches Phänomen, sondern sehr lokal. Unsere rund 300 Sensoren zeigen, dass sich einzelne Strassenräume und Quartiere deutlich unterschiedlich erwärmen.
Die Messungen bestätigen, dass lokale Temperaturen erheblich von offiziellen Wetterdaten abweichen können. In den Jahren 2024 und 2025 wurden an der Mehrheit der Messstandorte rund 60 bis 70 Hitzetage pro Jahr registriert.
An einzelnen Standorten wurden sogar Temperaturen von über 40 Grad gemessen, die teilweise bis in die Abendstunden anhielten.
Nach unserem Kenntnisstand verfügt keine andere Schweizer Stadt über ein vergleichbares, flächendeckendes Messnetz mit rund 300 Temperatursensoren in Echtzeit. Das macht Zug zu einem Pionier im datenbasierten Hitzemonitoring.
Redaktion: Welche Gebiete oder Standorte in der Stadt Zug haben sich als besonders starke Hitze-Hotspots erwiesen?
Gysel: Die höchsten Temperaturen treten dort auf, wo viele versiegelte Flächen, wenig Schatten und ein eingeschränkter Luftaustausch zusammentreffen. Umgekehrt zeigen Grünflächen, Parks und gut durchlüftete Lagen eine deutlich kühlende Wirkung.
Genau diese Unterschiede sichtbar zu machen, ist der grosse Nutzen des Thermal-Mappings.
Redaktion: Gab es Ergebnisse, die die Fachleute überrascht haben?
Gysel: Überraschend ist weniger das «Ob», sondern die Deutlichkeit der Unterschiede. Die Messungen bestätigen sehr eindrücklich, wie stark Begrünung, Beschattung und Luftzirkulation das lokale Klima beeinflussen.
Für vertiefte Erkenntnisse werden wir die umfangreiche Datengrundlage nun weiter auswerten.

Redaktion: Wie profitieren die Stadt Zug und die Bevölkerung konkret von den erhobenen Daten?
Gysel: Die Daten sind öffentlich zugänglich und schaffen Transparenz für die Bevölkerung. Das ist neu. Wer an einem heissen Tag unterwegs ist, kann nachvollziehen, wo sich besonders heisse Bereiche befinden und wo kühlere Aufenthaltsorte liegen.
Für die Stadt sind sie ein Planungsinstrument. Sie helfen beispielsweise bei der Standortwahl von Bäumen, bei Begrünungsprojekten oder bei der Gestaltung von Freiräumen.
Statt Massnahmen nach Bauchgefühl umzusetzen, können wir gezielt dort investieren, wo die Belastung besonders hoch ist.
Redaktion: Welche Massnahmen lassen sich aus den bisherigen Erkenntnissen ableiten, beispielsweise hinsichtlich Begrünung, zusätzlicher Bäume oder der Entsiegelung von Flächen?
Gysel: Grün und Blau statt Grau und Schwarz. Die Daten bestätigen eine einfache Regel: Grünflächen, Bäume, Schatten und Wasser sind die wirksamsten natürlichen Mittel gegen sommerliche Überhitzung.
Das Thermal-Mapping hilft uns, solche Massnahmen gezielt dort einzusetzen, wo sie den grössten Nutzen für die Bevölkerung bringen.
Dort, wo sich Flächen besonders stark aufheizen, können zusätzliche Bäume, entsiegelte Flächen, begrünte Fassaden und Dächer, Brunnen, Wasserflächen oder attraktive Grünräume einen wichtigen Beitrag leisten.
Oft ist es sinnvoller, zuerst das unmittelbare Umfeld von Gebäuden zu kühlen, bevor energieintensive Gebäudekühlungen eingesetzt werden.
Redaktion: Welche Rolle spielen Konzepte wie die Schwammstadt oder klimaangepasste Bauweisen bei zukünftigen Projekten?
Gysel: Solche Konzepte spielen bereits heute eine wichtige Rolle (Beispiele sind die Gestaltung der Alpenstrasse und der General-Guisan-Strasse). Eine klimaangepasste Siedlungsentwicklung verfolgt das Ziel, Hitzeinseln zu reduzieren, Regenwasser möglichst vor Ort zurückzuhalten und die Verdunstung zu fördern.
Das Thermal-Mapping liefert eine zusätzliche Datengrundlage, um entsprechende Massnahmen gezielt dort einzusetzen, wo sie den grössten Nutzen bringen.
Redaktion: Fliessen die Erkenntnisse des Thermal-Mappings bereits heute in die Planung von Bauprojekten oder öffentlichen Räumen ein?
Gysel: Ja. Das Thermal-Mapping steht öffentlich zur Verfügung und kann sowohl von der öffentlichen Hand als auch von privaten Bauherrschaften genutzt werden.
Nach unserem Kenntnisstand verfügt keine andere Schweizer Stadt über eine vergleichbare Datengrundlage in dieser räumlichen Dichte und in Echtzeit. Das ermöglicht eine präzisere und wirkungsorientierte Klimaanpassung.

Redaktion: Welche konkreten Veränderungen oder Massnahmen könnten die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Zug in den kommenden Jahren aufgrund dieser Daten erwarten?
Gysel: Die Bevölkerung wird schrittweise mehr klimaangepasste Stadträume erleben – mit mehr Schatten, mehr Grün, attraktiveren Aufenthaltsorten und einer besseren Anpassung an zunehmende Hitzebelastungen.
Gleichzeitig hat der Stadtrat dem Grossen Gemeinderat neu einen Hitzemassnahmenplan vorgelegt. Darin wird aufgezeigt, wie die Stadt die Bevölkerung künftig noch besser informieren und besonders gefährdete Personen unterstützen kann.
Geprüft werden beispielsweise eine Informationsplattform zum Thema Hitze, ein «Coolmapping» mit kühlen Aufenthaltsorten oder gezielte Informations- und Sensibilisierungsangebote für ältere Menschen und weitere Risikogruppen.
Das ist wichtig, denn Hitze ist in Zug kein Zukunftsszenario mehr, sondern messbare Realität.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Zuger Woche» erschienen.








