Hier muss man sogar in der Gelateria am Bildschirm bestellen
Glacé per Touchscreen bestellen ist im Nachbarland Frankreich bereits gang und gäbe. Kommt der Trend jetzt auch in die Schweiz?

Das Wichtigste in Kürze
- In Frankreich gehören Bestellterminals in manchen Gelaterias bereits zum Alltag.
- Schweizer Glacé-Verkäufer wollen davon jedoch nichts wissen.
- Manche Betreiber stellen infrage, ob die Bildschirme die Wartezeiten tatsächlich verkürzen.
Ein Glacé bestellen wie einen Big Mac? Für den Schweizer Touristen Matteo* war das Ferienerlebnis in Südfrankreich alles andere als süss.
In einer Gelateria in Montpellier steht er plötzlich nicht vor einer Verkäuferin, sondern vor einem Bildschirm. Dort muss er seine Bestellung selbst eintippen.
Glacé-Bildschirm soll zu teurerer Bestellung verleiten
«Am Bildschirm war ich erst einmal überfordert: Ich konnte zwischen so vielen verschiedenen Glacésorten und Cornet-Varianten auswählen», berichtet er. «Wirklich schneller ging es nicht.»
Kaum hat er sich durch die Auswahl geklickt, will das System noch mehr verkaufen. Immer wieder fragt der Bildschirm nach, ob er nicht noch ein Macaron oder einen Kaffee zur Glace bestellen möchte. «Verkaufstaktik pur.»
Droht dieses Fastfood-Prinzip nun auch Schweizer Glacéläden?
Eine Umfrage von Nau.ch zeigt: Eher nicht.
Für Hansmartin Amrein, Gründer der mittlerweile schweizweit tätigen Gelateria di Berna, haben Bestellterminals zwar durchaus ihren Reiz. Er findet sie «eigentlich grossartig». Gäste könnten schneller bedient werden, Wartezeiten würden kürzer.
Doch der Preis dafür sei hoch.
«Oft gehen Verschlankungen von Prozessen Hand in Hand mit einem Verlust an Romantik und Erlebnis.»
Glacé ist «analoges Produkt»
Schliesslich verkauft eine Gelateria nicht einfach ein Produkt. «Als Gelateria stehe man für ein «zutiefst analoges Produkt», bei dem das klassische Kauferlebnis dazugehöre. «Unsere Gäste wollen das Angebot in real sehen, einen Löffel versuchen und dann erst entscheiden».»
Auch der Betrieb wäre aufwendiger als viele denken. «Das Terminal muss bei Gusti-Wechseln laufend aktualisiert werden, was wiederum Personalaufwand bedeutet», so Amrein.
«Der Druck wäre gross, die verspielte und auch abwechslungsreiche Vitrine zu standardisieren – damit würden wir an Zauber verlieren.»
Hinzu kommen hohe Anschaffungs- und Lizenzkosten.
Ähnlich sieht man das bei der Gelati Kissling GmbH in Zürich.
«Ehrlich gesagt sehen wir persönlich keinen echten Vorteil. Bei uns steht das ganze Erlebnis im Vordergrund, nicht nur die Schnelligkeit.»
«Lächeln geht verloren»
Zwar könnten Terminals die Wartezeit verkürzen. Doch genau diese Momente an der Theke seien wertvoll. «Die kurze Zeit an der Theke nutzen wir gerne für ein freundliches Gespräch und eine persönliche Beratung.»
Mit dem Bestellautomaten geht genau das verloren. «Genau dieser Austausch, das Lächeln und die Beratung machen das Gelato-Erlebnis für uns und unsere Gäste so besonders und wertvoll.»

Auch die Berner Gelateria La Golosa mit ihren zwei Filialen hält wenig von den digitalen Helfern.
«Da fehlt der Kundenkontakt: Es wird unpersönlich, da der Beratungsteil wegfällt», sagt Inhaber Domenico Di Gregorio.
Deshalb gebe es auch keinerlei Pläne, solche Systeme einzuführen. «Wir legen Wert auf gute Beratung und Kundenservice.»
Schweizer Gelateria-Inhaber findet Terminals nicht effizient
Seine Erfahrungen mit Gelaterias, die bereits auf Terminals setzen, sind ernüchternd: «Da stehen oft drei bis vier Mitarbeiter da, ohne zu bedienen, die darauf warten, bis die Bestellung kommt.»
Für Di Gregorio ist deshalb klar: Die Bildschirme würden die Wartezeit kaum verkürzen. Eher das Gegenteil sei der Fall.
«Die Schlange würde sich auf die Terminals verlagern und den Bestellprozess massiv verlangsamen.»
Und er wagt bereits einen Blick in die Zukunft: «Falls eine Maschine bedienen soll, warum nicht direkt einen Roboter bedienen lassen? Das gibt es in ein paar Jahren sicher ...», sagt er vielsagend.
* Name der Redaktion bekannt.











