«Haben Egge ab»: Zoff um Theater über Menschen mit Behinderung
Das Freie Theater Oberwallis zeigte ein Stück, in dem ein Mann mit geistiger Behinderung vorkommt. Inklusions-Aktivistin Vanessa Grand hat im Publikum gelitten.

Das Wichtigste in Kürze
- Das Freie Theater Oberwallis führte die Tragikomödie «Silvester» auf.
- «Menschen mit Behinderung wurden verheizt», sagt Inklusions-Aktivistin Vanessa Grand.
- Der Zentralverband Schweizer Volkstheater spricht von einem ernstzunehmenden Signal.
Fünf Minuten nachdem die Vorhänge geschlossen haben, sucht Vanessa Grand das Weite. «Ich hätte gerne noch etwas getrunken, aber das war einfach zu viel», sagt sie zu Nau.ch.
Im Januar besucht sie in Brig eine Aufführung des Freien Theaters Oberwallis. Die Gruppe spielt die Komödie «Silvester».
Rund zwei Stunden dauert die Aufführung. Vanessa Grand bekommt «alle fünf Minuten einen Schlag in die Magengegend».
«Im Theater wurden Menschen mit Behinderung verheizt», sagt die Parlamentarierin der Behindertensession und Vertreterin für Inklusion und Hindernisfreiheit.
Das Stück handelt von einem Rentner, der Silvester nicht alleine verbringen will. In einem Flyer liest er, dass das Hilfswerk Caritas für Heimbewohner mit Behinderung Familienanschluss sucht.
Die Schlagersängerin, die er gebucht hat, storniert er und lädt Herbert ein. Dieser hat eine kognitive Behinderung. Im echten Leben trifft dies nicht auf den Schauspieler zu.
Herbert sei verspottet worden
«Das Verhalten von Menschen mit Behinderung wurde überspitzt und stigmatisierend dargestellt», kritisiert Vanessa Grand. Eine Protagonistin habe auch gesagt: «Die haben sowieso alle ‹einen Egge ab›.»
Besonders verletzend fand Grand eine Szene mit einem Plüschtier.
«Eine Protagonistin sagte: ‹Gib ihm die Biene Maja, dann gibt er Ruhe›.» Damit sei Herbert verspottet worden.
Sie kenne kognitiv beeinträchtigte Personen, denen ihr Plüschtier viel bedeute. «Es ist, als würde man andere Menschen lächerlich machen, wenn ihnen ein Foto oder ein Schlüsselanhänger viel bedeutet.»
Zudem habe der Rentner Herbert herumkommandiert, sagt Grand. «Als könnten Menschen mit Behinderung nichts selber entscheiden.»
Einen weiteren Box in die Magengegend gab ihr der Kommentar der Schlagersängerin. «Andreas Gabalier habe auch wie behindert ausgesehen, bevor er berühmt geworden sei», habe diese gesagt.
Psychologin soll beraten haben
Der österreichische Dramatiker Peter Turrini hat die Tragikomödie Silvester geschrieben. Hermann Anthamatten, Regisseur des Freien Theaters Oberwallis, hat das Stück inszeniert.
Vanessa Grand hat ihrem Unmut über das Theater auch in einer Kolumne im «Walliser Bote» Luft gemacht.

Er sei sich bewusst gewesen, dass die Darstellung eines Menschen mit Behinderungen eine hohe Sensibilität verlange, sagte Hermann Anthamatten. Im Vorfeld des Stücks habe er mit einer Psychologin die Herangehensweise intensiv besprochen.
Er habe viele positive Rückmeldungen auf das Stück erhalten. Darunter seien auch Heilpädagogen, Sozialarbeiterinnen und ein Theatermacher aus München gewesen.
Diskriminierung existiere
Der Regisseur betont, dass keine der Figuren auf der Bühne lächerlich gemacht worden seien. Dazu zitiert er Peter Turrini. «Die Wirklichkeit ist schlimmer als mein Theaterstück», habe dieser gesagt.
Anthamatten macht darauf aufmerksam, dass Missbrauch, Einsamkeit, Homophobie und Diskriminierung existierten. Das Theater müsse sich hart an dieser Grenze bewegen.
Die Zuschauer seien gefordert, weiterzudenken. Wenn jedoch Ideologie wichtiger werde als Denken, sei echte Kommunikation nicht mehr möglich. «Und schnell wird jeder zum Feind, der es wagt, etwas darzustellen, das zwar existiert, aber nicht existieren dürfte.»
Kunst dürfe unbequem sein
Lukas Lewicki, Zentralpräsident des Zentralverbands Schweizer Volkstheater, hat das Stück nicht gesehen. Er nehme aber zur grundsätzlichen Haltung Stellung, sagt er.
Kunst dürfe unbequem sein und auch harte Realitäten zeigen, sagt Lewicki. «Gleichzeitig ist es ein ernstzunehmendes Signal, wenn Betroffene eine Darstellung als entwürdigend oder stigmatisierend erleben.»
Entscheidend sei aus seiner Sicht, wie eine Theatergesellschaft mit der Resonanz umgehe, die sie auslöse. «Ob sie zuhört, reflektiert, einordnet, dazulernt – und Betroffene ernst nimmt.»
Theater bekommt 8000 Franken
Der Kanton Wallis unterstützt das Freie Theater Oberwallis finanziell. Im Falle der Produktion von Silvester belief sich der Betrag auf 8000 Franken.
«Bevor der Kanton Gelder für Theater mit sensiblen Inhalten spricht, sollte der Kanton die Inszenierung prüfen», fordert Vanessa Grand. Zum Beispiel könnten die Verantwortlichen vorgängig eine Probe besuchen.
Probebesuche stossen auf Widerstand
Alain Dubois ist Chef der Dienststelle für Kultur des Kantons Wallis. Er hält auf Anfrage fest, dass der Kanton Wallis grundsätzlich nicht in die inhaltliche Ausgestaltung von Werken eingreife.
Die Unterstützung erfolge auf der Grundlage eingereichter Dossiers. Diese würden nach klar definierten Kriterien wie Qualität, Professionalität, Machbarkeit und regionaler Verankerung geprüft. Eine inhaltliche Vorzensur findet nicht statt.
«Eine vorgängige inhaltliche Prüfung, etwa durch systematische Probenbesuche, wäre mit dem Grundsatz der Kunstfreiheit nicht vereinbar», sagt Dubois. Zudem sei eine solche Praxis angesichts der Vielzahl jährlich realisierter Produktionen weder praktikabel noch vorgesehen.



















