Sexismus

«Einmalige Chance»: Militär soll jungen Männern Sexismus austreiben

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Luzern,

«Alle 18-Jährigen gehen in die RS.» Für einen Tiktoker bietet das Militär eine «einmalige Chance» zur Aufklärung. Mit einer Ausstrahlung übers Militär hinaus.

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Cyrill Carter sieht in der RS eine «einmalige Chance», um bezüglich Rassismus, Sexismus oder Homophobie zu sensibilisieren. - instagram/@kweer.podcast

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Ex-Rekrut sieht die Armee als Hebel gegen Vorurteile bei jungen Männern.
  • Die Armee setzt auf Nulltoleranz und schulte bereits 25'000 Angehörige digital.
  • Auch ein Männerverband fordert Vorbilder im Kader, damit Workshops gegen Sexismus wirken.

Cyrill Carter erlebte während seines Militärdienstes mehrfach homophobe Sprüche. «Gewisse Wachtmeister reagierten nicht auf homophobe Äusserungen, andere machten sie sogar selbst», sagte er 2024 zu Nau.ch.

Gleichzeitig betonte er rückblickend, dass seine Zeit als Durchdiener-Soldat nicht nur negative Seiten hatte: «Es war nicht alles schlecht.» Er habe dort viel gelernt und sei mit «reifen, erwachsenen Personen» in Kontakt gekommen.

Der heute 24-jährige Luzerner hat seinen Dienst inzwischen abgeschlossen, beschäftigt sich aber weiterhin mit der Armee. Und nicht nur das: Er sieht in der Institution sogar einen entscheidenden Hebel für eine aufgeklärtere Gesellschaft.

«Das Militär ist der Spiegel der Gesellschaft, ganz klar», sagt er im Podcast «kweer durch d’Schwiiz».

Der 24-jährige Tiktoker spricht darin auch über seine Social-Media-Präsenz und deren Entstehung. Die Armee bleibt für ihn jedoch ein zentrales Thema – besonders mit Blick auf mögliche Veränderungen.

«Alle 18-Jährigen Boys gehen in die RS», erklärt er. Das Militär habe deshalb «so eine Macht», um klar Stellung gegen Homophobie, Sexismus oder Rassismus zu beziehen.

«Dieser Impact würde über das Militär hinausstrahlen», ist Der Ex-Rekrut überzeugt.

«RS soll Schweizer Werte mitgeben»

Gegenüber Nau.ch führt Carter aus: «Das Militär ist eine staatliche Institution mit besonderer Verantwortung. Es sollte unser Land repräsentieren – mit zentralen Werten wie Respekt, Gleichbehandlung und Zusammenhalt.»

Deshalb soll das Militär diese Werte «aktiv vorleben und fördern». Aus einem einfachen Grund: «Jeder kommt aus einem anderen Elternhaus und übernimmt die Werte der Eltern, die vorgelebt werden», sagt er.

Rekrutenschule
Die Rekrutenschule ist ein Spiegel der Gesellschaft. - keystone

Nur: Je nach Elternhaus passten diese Werte nicht mehr in die heutige Zeit. «Für einen 18-Jährigen, der mit dem zu Hause aufgewachsen ist, scheint die Ansicht der Eltern ganz normal.»

Und genau hier sieht er die «einmalige Chance» der Armee: «Die Schweizer Armee hat während der ganzen RS die Möglichkeit, die schweizerischen Werte zu zeigen, vorzuleben und mitzugeben.»

Carter ist überzeugt: «Wenn man in die RS einrückt, ist man neugierig, ein bisschen verängstigt und nervös. Man hat grundsätzlich keine Ahnung, was als nächstes passiert – entsprechend offen ist man.»

Kader soll mit gutem Beispiel vorangehen

Denn: «Viele sind das erste Mal wirklich weg von zu Hause und erleben durch die Armee einen ganz anderen Alltag. Genau hier könnte man doch eine Ansicht mitgeben, die dazu beiträgt, umzudenken.»

Wichtig sei, dass die Führungskräfte Vorbilder seien. Deshalb brauche es Weiterbildungen beim Kader. «Ein Rekrut/Soldat übernimmt das Verhalten seines Wachtmeisters. Und der Wachtmeister seines Leutnants.»

Carter betont: «Alle Schulungen, Workshops und offenen Gesprächsformate bringen gar nichts, wenn man dies nicht vorlebt.»

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Und: «Wie soll ein Rekrut so bei einem Workshop aktiv zuhören, wenn er sowieso müde ist? Und wie soll er dies ernst nehmen, wenn selbst Wachtmeister danach über die besprochenen Themen lachen?»

Unterstützung erhält Carter von Thomas Neumeyer vom Männerverband «Männer.ch».

Das Anti-Diskriminierungsgebot der Verfassung dürfe nicht nur auf dem Papier gelten. «Sondern es muss auch vorgelebt werden», sagt er zu Nau.ch.

Das sei nicht nur eine Frage des Anstands. «Im Militär müssen sehr unterschiedliche Menschen koordiniert, schnell und sicher zusammenarbeiten. Diskriminierung und Sexismus schaffen Angst und Misstrauen – sie beeinträchtigen so das Zusammenspiel.»

Militär «guter Ort für korrigierende Erfahrungen»

Mit der Wehrpflicht stehe auch der Staat in der Pflicht, so Neumeyer. «Die Wehrpflichtigen müssen ihren Dienst leisten können, ohne von den Kameraden angefeindet zu werden.»

Darum seien Sensibilisierung sowie auf allen Ebenen gelebter Respekt und Gleichbehandlung wichtig.

Zugleich bestätigt er die These, dass das Militär zur Sensibilisierung eine einmalige Chance bietet.

Thomas Neumeyer
Thomas Neumeyer vom Männerverband «Männer.ch» sieht in der RS ebenfalls eine einmalige Chance. - zvg

«Im Militär treffen eigene Vorstellungen und Vorurteile auf reale Menschen. Damit ist es tatsächlich ein guter Ort für korrigierende Erfahrungen. Alle sitzen im gleichen Boot und müssen zusammenarbeiten», so Neumeyer.

«Da lernt man sich kennen und hinterfragt im besten Fall Vorurteile. Aber natürlich gibt es auch Probleme wie Abwertung, sexistische Gruppendynamiken und Machtdemonstrationen.»

Deshalb brauche es vonseiten der Führung «eine klare Wertehaltung und glaubwürdige Vorbilder».

Das Ziel müsse sein: «Weg vom Männerbund, der über Dominanz, abwertende Rituale und Sexismus als verbindende Praxis funktioniert. Hin zu einer Organisation, wo man gemeinsame Ziele erreicht dank Teamwork, gelebter Solidarität und Respekt.»

Diversität seit 2023 Bestandteil der Armee-Ausbildung

Auch die Schweizer Armee betont ihre Verantwortung. «Es braucht eine Kultur der Offenheit und Inklusion, in der die Angehörigen der Armee respektvoll miteinander umgehen.» Das sagt Armeesprecher Stefan Hofer zu Nau.ch.

Die Armeeführung habe diesen Anspruch 2024 bekräftigt und eine «Nulltoleranz» gegenüber diskriminierendem Verhalten festgeschrieben.

Die Haltung soll nicht nur auf dem Papier gelten. Die Armee verfügt über die Fachstelle Frauen in der Armee und Diversity. Sie bietet Ausbildungen und Sensibilisierungen zu Diversitätsthemen an und schult auch Kader.

«Das Thema Diversität ist seit 2023 Bestandteil der Ausbildung und an allen Schulen vorgegeben», so Hofer.

Behandelt werden verschiedene Dimensionen von Vielfalt – darunter Geschlecht, sexuelle Orientierung, Herkunft, Sprache, Religion sowie körperliche und psychische Aspekte.

25’000 Armee-Angehörige absolvierten Diversity-Ausbildung

Zusätzlich wurde 2024 ein Sondermassnahmenplan lanciert. Er umfasst Prävention, Opferschutz, Verfahrensverbesserungen und den Dialog mit der Gesellschaft.

Zum Paket gehören Basistrainings für alle Armeeangehörigen, zusätzliche Kader-Schulungen sowie das Prinzip «Erkennen, Beurteilen, Handeln». Auch ein neuer Verhaltenskodex wird flächendeckend eingeführt. Ein digitales Lernmodul haben bereits mehr als 25'000 Angehörige der Armee absolviert.

Schweizer Armee
Diversity ist der Schweizer Armee wichtig. - Schweizer Armee

Laut Armee zeigen die Massnahmen erste Wirkung. «Die Sensibilität für das Thema wurde erhöht. Die Armee ist auf dem Weg. Und die verschiedenen Funktionen in der Organisation lernen und verbessern sich im Umgang mit diskriminierendem Verhalten.»

Auch die Melde- und Beratungsstelle der Fachstelle Frauen in der Armee und Diversity wird häufiger kontaktiert. Insbesondere von militärischen Vorgesetzten nach Vorfällen in ihren Truppen.

Zudem habe sich die Themenpalette der Meldungen erweitert. Neben Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gehe es vermehrt auch um Sprache, Herkunft, Alter oder Religion. Strafrechtlich relevante Fälle seien weiterhin die Ausnahme.

Parallel dazu wurde der Austausch mit anderen Bundesstellen ausgebaut.

«Nicht alleinige Aufgabe der Armee»

Die Armee sieht ihre Rolle dabei jedoch nicht als allein entscheidend. «Es ist nicht die alleinige Aufgabe der Armee, junge Erwachsene mit vorbestehenden Wertesystemen innerhalb von 18 Wochen Rekrutenschule in ihren privaten Auffassungen neu zu prägen.»

Im Zentrum stehe weiterhin der militärische Auftrag. Dafür brauche es jedoch ein Klima von Vertrauen, Respekt und psychologischer Sicherheit.

Macht die Armee genug gegen Sexismus und Co.?

Gleichzeitig verweist die Armee auf die gesellschaftliche Dimension des Problems. Als Milizarmee sei sie eng mit der Bevölkerung verbunden. Diskriminierung und sexualisierte Gewalt seien kein exklusives Armeeproblem.

«Sexualisierte Gewalt und Diskriminierung zeigen sich überall in der Gesellschaft und in allen Sozialisationsinstanzen: In Familien, Schulen, Berufsgruppen, Freizeitgruppen, Massenmedien und auch in der Schweizer Armee», so Hofer.

Kommentare

User #2036 (nicht angemeldet)

Machen Flamigos auch Militär?

User #5787 (nicht angemeldet)

"Cis-Männer unerwünscht" zeugt von unglaublicher Toleranz!

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