Drei Tragödien in drei Monaten: Wie sicher ist die Schweiz?
Brandkatastrophe, Postautobrand und jetzt noch ein Gondelunglück – die Menschen zweifeln an der Sicherheit in der Schweiz. Ein Sicherheitspsychologe klärt auf.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Gondelabsturz in Engelberg ist für einige Menschen ein Unglück zu viel in der Schweiz.
- «In der Schweiz ist wirklich nichts sicher», warnt eine Französin.
- Sicherheitspsychologe Simon Carl Hardegger spricht von «statistischem Zufall».
Eine Tragödie jagt die nächste. Am Mittwochvormittag stürzt eine Gondel der Titlis Bergbahnen ab. Eine 61-jährige Frau befindet sich in der Kabine und erleidet tödliche Verletzungen.
Kaum eine Woche zuvor sterben in einem Postauto in Kerzers FR sechs Personen. Ein Passagier hat sich dort aus dem Nichts mit Benzin übergossen und angezündet.
Die grösste Tragödie ereignet sich Anfang Jahr in Crans-Montana VS. In der Neujahrsnacht bricht in der Bar «Le Constellation» ein Brand aus – 40 Menschen kommen ums Leben.
Das Gondelunglück in Engelberg ist für einige Menschen ein Unglück zu viel in der Schweiz.
«Das sollte nie passieren»
«Was in der Schweiz in letzter Zeit passiert, kann ich nicht begreifen», schreibt eine Userin auf Facebook.
Eine Philippinerin bezeichnet sich in ihrem Profil als «Filipina in Switzerland». Ihre Follower füttert sie auf ihrem Vlog regelmässig mit schönen Posts aus der Schweiz. Das Unglück in Engelberg hat ihr idyllisches Bild des Landes getrübt.
«What is happening in Switzerland. This is not supposed to happen», schreibt sie in einer Story auf Facebook. Was in der Schweiz passiere, hätte nicht passieren sollen, findet sie also.

Eine Britin sieht es ähnlich.
«Schrecklich, aber natürlich inakzeptabel!», kommentiert sie eine Meldung über den Gondelsturz in der «Daily Mail». «Das sollte nie passieren. Der Schweiz mangelt es ja kaum an Geld.»
Eine Deutsche fragt auf Facebook: «Was ist denn da los?» Seit dem ersten Januar 2026 habe sie «noch nie so viele schreckliche Nachrichten aus der Schweiz» gehört.
Es erschüttere ihn zutiefst, schreibt ein weiterer Deutscher. «Dass in der Schweiz mit meiner Meinung nach den höchsten technischen Standards so etwas passieren kann.»
«Perfekte und unfehlbare Schweiz»
Italienerinnen und Italiener reagieren besonders emotional auf das bereits dritte Unglück innert kurzer Frist in ihrem Nachbarland. Bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana starben auch sechs Italienerinnen und Italiener.
14 wurden verletzt. Immer wieder kritisieren Politiker das Vorgehen der Schweizer Justiz im Fall Crans-Montana als ineffizient.
«Aber wie ist sowas in der perfekten und unfehlbaren Schweiz möglich?», kommentiert jemand zynisch. Einst sei die Schweiz sicher gewesen, findet ein User. «Jetzt ist auch die Schweiz am Ende.»
In Crans-Montana verloren auch Franzosen ihr Leben. «Sie sind diesen Winter in der Schweiz verflucht, das ist nicht möglich», schreibt eine Französin mit Blick auf die Schweiz. Eine weitere Französin warnt: «In der Schweiz ist wirklich nichts sicher.»
«Tragödien haben aufgerüttelt»
Simon Carl Hardegger ist leitender Sicherheitspsychologe am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW. «Die Schweiz ist weder weniger noch mehr sicher als vor diesem Gondelunglück», sagt Hardegger zu Nau.ch.
Dabei bezieht er sich auf die objektive Sicherheit. Diese basiert auf Fakten und ist messbar.
Als Beispiel erinnert er an den Bergsturz von Blatten VS im Frühling 2025 oder den Bergsturz in Brienz GR 2023. «Das sind auch Katastrophen – nur passierten sie nicht so kurz nacheinander.»

Die Ermittlungen zur Brandkatastrophe im Wallis, dem Postautobrand in Kerzers und dem Gondelunglück in Engelberg laufen.
Diese Ereignisse haben laut Hardegger nichts miteinander zu tun. «Dass es in der Schweiz in einem Vierteljahr zu gleich drei tragischen Ereignissen kam, ist ein statistischer Zufall.»
Im Grossen und Ganzen leben wir in einem sicheren Land. «Die Sicherheit wird ständig ausgebaut. Man akzeptiert Verletzte und Tote immer weniger», sagt der Sicherheitspsychologe. «Auch haben die Tragödien aufgerüttelt, sodass man noch mehr auf Sicherheit achtet.»
Frage nach Sicherheitsgefühl
Anders sieht es bei der subjektiven Sicherheit aus.
Bei dieser geht es um das persönliche Empfinden von Sicherheit. Es habe eine gewisse Häufung von Unglücken gegeben, sagt Simon Carl Hardegger.
«Darum denken einige schnell, dass jetzt alles den Bach runtergeht.» Deshalb habe die Schweiz möglicherweise an Ruf als sicheres Land eingebüsst.
Dies sei unmittelbar nach dem Gondelunglück auch der Fall. «Ob dies das Sicherheitsgefühl der breiten Bevölkerung effektiv beeinträchtigt, ist jedoch unklar, eher unwahrscheinlich.»
Vermeiden sei in Ordnung
Für möglich hält Hardegger, dass einige Menschen nun Vermeidungsstrategien entwickeln.
«Wenn jemand zum Beispiel jetzt nicht mehr in eine Gondel steigen will, ist dies völlig in Ordnung», sagt Hardegger. Alles, was persönliche Entspannung bringe, sei gut. «Traut sich jemand am Schluss aber nicht mehr aus dem Haus, ist Hilfe angezeigt.»
Genauso problematisch sei auch ein übersteigertes Sicherheitsgefühl. Wenn jemand im Stil von «mir kann nichts passieren» unaufmerksam durch ein gefährliches Viertel spaziere, nennt er als Beispiel.













