Kunst

Diese Gossauerin macht aus Waldholz tierische Holzskulpturen

Benjamin Schmid
Benjamin Schmid

Gossau,

Ursi Holenstein erschafft aus Waldholz und Brockenhaus-Fundstücken einzigartige Tierfiguren – und erweckt die Geschichten dahinter zum Leben.

Fundstücke
Mit viel Gespür für besondere Fundstücke: Ursi Holenstein verwandelt altes Holz und ausrangierte Gegenstände in einzigartige Tierfiguren. - pd

Wer das Reich von Ursi Holenstein betritt, taucht ein in eine Welt voller vergessener Geschichten und verborgener Schätze. Die 1969 geborene Gossauerin ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und arbeitet im Hauptberuf als Nanny.

Doch sobald es ihre Zeit und ihre Gesundheit erlauben, verwandelt sich die gelernte Kleinkinderzieherin in eine leidenschaftliche Kunsthandwerkerin. Sie erschafft tierische Holzskulpturen, die weit mehr sind als blosse Dekoration.

Ihre tiefe Verbundenheit zur Natur entwickelte sich über viele Jahre hinweg durch eine ganz besondere Begleitung. «12 Jahre lang begleitete mich mein Hund Marley in der Natur. Durch ihn lernte ich, die Natur zu beobachten und zu geniessen», erzählt die Ostschweizerin mit einem Lächeln.

Diese Beobachtungsgabe fliesst heute eins zu eins in ihre kreative Arbeit ein, bei der sie Altes für die nächste Generation bewahren möchte.

Vom Backofen auf die Werkbank

Der Entstehungsprozess einer jeden Figur beginnt mitten im Wald. Dort, wo frisch geholzt oder Bäume gefällt wurden, hält sie gezielt Ausschau nach speziellem Kleinholz. Sie nimmt nicht einfach jedes Stück mit.

Es muss eine Form haben, die ihre Fantasie anregt. Zu Hause angekommen, wartet auf die Fundstücke jedoch erst einmal eine ungewöhnliche Prozedur, die für das spätere Kunstwerk unerlässlich ist.

Wald
Der Entstehungsprozess einer jeden Figur beginnt mitten im Wald. (Symbolbild) - keystone

Das Holz wandert nach dem Putzen direkt in den Backofen. «Damit im Holz kein Ungeziefer ist und damit ich das Holz trocken in meinen Kisten lagern kann», erklärt Holenstein.

Die Ideen für ihre tierischen Holzskulpturen entstehen meistens spontan und hängen stark von der individuellen Form der Holzteile oder der alten Gegenstände ab, die sie in Brockenhäusern aufspürt.

Sie kombiniert die Naturmaterialien mit den historischen Fundstücken und haucht ihnen neues Leben ein, indem beispielsweise eine alte Gartenhacke kurzerhand zu charakteristischen Vogelfüssen umfunktioniert wird.

Ihr Werkzeugkasten bleibt dabei überschaubar. Handbohrer, eine kleine Säge, die Heissleimpistole und Acrylfarbe reichen ihr völlig aus, um den Figuren den entscheidenden Ausdruck zu verleihen. Der wichtigste Moment ist für sie das Finale.

«Vor allem der Gesichtsausdruck entscheidet, ob etwas geglückt ist», beschreibt sie das glückliche Gefühl nach der Fertigstellung.

Ein Atelier voller Schätze

Aktuell lagern rund 45 fertige Skulpturen in ihrer Wohnung und im Bastelkeller, weshalb der Platz in den eigenen vier Wänden langsam merklich knapp wird. Ihre Familie unterstützt und belächelt sie gleichermassen für diese intensive Sammelleidenschaft.

Da sie alleine wohnt, kann sie sich im Alltag kreativ völlig ausleben. Sie schätzt sich glücklich, nach ihrer Scheidung finanziell gut abgesichert zu sein, was ihr den nötigen Freiraum gibt.

Trotz des grossen Interesses bei Kreativmärkten und Ausstellungen in Gossauer Schaufenstern gestaltet sich der Verkauf der Unikate in der heutigen Zeit oft schwierig. «Die Menschen bestellen lieber schnell und günstig im Internet, wodurch echte Handarbeit und Kunst leider viel zu wenig geschätzt werden», offenbart sie.

Dennoch fällt es ihr überhaupt nicht schwer, sich von ihren Werken zu trennen, da sie sich für jede Holzskulptur freut, die ein schönes neues Zuhause findet. Nur zwei absolute Lieblinge würde sie niemals hergeben: ihren Hirsch und ihren Pelikan.

Jagd nach alten Postkarten

Neben der Holzkunst schlägt das Herz der Gossauerin für die Erforschung echter Antiquitäten. Sie liebt alte Sachen, weil diese eine spannende Geschichte zu erzählen haben.

Bist du eine kreative Person?

Ihr grösster historischer Coup war die Entdeckung der zweiten originalen Daguerreotypie von Franziska Möllinger, einer fotohistorischen Seltenheit, die sie der Zentralbibliothek Solothurn übergab. Für die Recherche nutzt sie Google-Fotos und spezialisierte Facebook-Gruppen.

Zudem sammelt sie mit grosser Begeisterung historische Postkarten aus der ganzen Schweiz. «Was einst begann, um meinen Kindern und Grosskindern das Wachstum von Gossau zu zeigen, ist heute eine grosse Sammlung, die sogar Dokumente aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg umfasst», verrät sie.

Das Entziffern der alten Schrift bereitet ihr grosses Vergnügen. Besonders berühren sie die Zeilen, in denen die Menschen damals über Krankheiten, Flucht und die nackte Angst schrieben. Ihr nächstes grosses Projekt wartet bereits in einer ihrer Boxen unter dem Bett.

Ein alter Briefumschlag von Porsche Konstruktionen aus dem Jahr 1948 soll von ihr entschlüsselt werden. Für alle, die selbst auf Schatzsuche gehen wollen, hat sie einen simplen Tipp parat: «Man sollte am besten alleine oder nur mit Gleichgesinnten ins Brockenhaus gehen, um die Magie der alten Dinge ungestört aufsaugen zu können.»

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Gossauer Nachrichten» erschienen.

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