Bern: Warum schliessen in der Altstadt so viele Antiquitäten-Lädeli?

Mathias Steger
Mathias Steger

Bern,

Vor 20 Jahren gab es in der Berner Altstadt zahlreiche Antiquitätengeschäfte, heute nur noch wenige. Branchenkenner Matthias Ritschard (71) ordnet die Lage ein.

Antiquitätenladen
In der Berner Altstadt sind in den vergangenen 20 Jahre etliche Antiquitätenläden verschwunden. - Mathias Steger

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor 20 Jahren gab es in der Berner Altstadt noch mindestens 20 Antiquitätengeschäfte.
  • Heute sind nur noch wenige davon übrig – und auch diese kämpfen ums Überleben.
  • Matthias Ritschard führte 30 Jahre lang ein Antiquitätengeschäft an der Berner Kramgasse.
  • 2025 musste er es schliessen.

BärnerBär: Wie kamen Sie persönlich in die Antiquitätenbranche?

Matthias Ritschard: Ich finanzierte mein Jusstudium mit der Reparatur alter Taschenuhren und später auch von Grossuhren sowie mechanischen Musikautomaten und dem Antiquitätenhandel.

Nach Abschluss meines Studiums blieb ich dem Antiquitätenhandel treu. Ich kaufte regelmässig auf den Brocantes in Paris ein und verkaufte die Stücke auf Märkten in der Schweiz sowie in Kellerlokalen der Berner Altstadt.

BärnerBär: Warum wurde Ihr Laden in der Berner Altstadt nach 30 Jahren geschlossen?

Ritschard: Ich war 2025 bereits 70 Jahre alt. Da der persönliche Aufwand immer grösser wurde, während die Erträge stetig zurückgingen, entschied ich mich, den Laden zu schliessen.

Aufgrund der schwierigen Lage in der Branche war nicht daran zu denken, einen Nachfolger zu finden. An meinem früheren Standort an der Kramgasse befindet sich heute ein Fachgeschäft für Laufschuhe.

BärnerBär: Wie hat sich das Geschäft über die Jahre entwickelt?

Ritschard: Bereits bei meinem Einstieg Mitte der 1980er-Jahre merkte ich, dass der Zenit des Antiquitätenhandels überschritten war. Die Preise begannen zu sinken – zunächst fast unmerklich.

Die Händlergeneration vor mir hatte in den 1970er-Jahren noch ausserordentlich gut verdient. Davon konnte ich nicht mehr profitieren. Mein Startkapital betrug gerade einmal 300 Franken. Damit kaufte ich einige defekte Taschenuhren.

BärnerBär: Wie ist es Ihnen gelungen, mit dem Laden so lange Zeit zu überleben?

Ritschard: Mit Herzblut, Überzeugung und der Bereitschaft, ständig dazuzulernen. Ich habe den Markt laufend beobachtet und Auktionskataloge studiert.

Mein Drang nach Bildung und meine Sprachkenntnisse haben mich dabei unterstützt. Zudem hatte ich nie ein grosses Warenlager, was das Risiko kontrollierbar machte.

Matthias Ritschard
Matthias Ritschard führte einst selbst einen Antiquitätenladen in Bern. - Mathias Steger

BärnerBär: Sind Sie weiterhin mit der Branche verbunden?

Ritschard: Meine Frau und ich besuchen weiterhin Antikmärkte und Brocantes und treffen dort unsere Kolleginnen und Kollegen. Wichtig bleibt für uns die Brocante in Le Landeron Ende September, an der wir immer noch teilnehmen.

Zudem erhalte ich nach wie vor Aufträge als Gutachter und führe Reparaturen aus.

BärnerBär: Wie hat sich die Branche in den letzten Jahren entwickelt?

Ritschard: Die alten Sammler sind heute weitgehend verschwunden. Heute handelt es sich eher um Gelegenheitskäufer, die Freude an etwas Schönem oder Aussergewöhnlichem haben. Ob ein Stück tatsächlich «antik» oder echt ist, spielt dabei oft keine entscheidende Rolle mehr – häufig geht es vor allem um die Optik.

Die Auktionshäuser sind im Laufe der Zeit zunehmend zur Konkurrenz für den gehobenen Handel geworden: Sie sind bei der Akquisition sehr aktiv und verkaufen ihre Objekte mittlerweile mehrheitlich über das Internet.

BärnerBär: Was sind die Gründe, warum immer mehr Antiquitätsläden in der Berner Altstadt schliessen müssen?

Ritschard: Neben den immer weniger werdenden Sammlern sind die hohen Mieten ein Hauptproblem. Gleichzeitig sind die Preise für Antiquitäten um 50 bis 95 Prozent gesunken – und damit auch die Renditen.

Heute kann man vom reinen Antiquitätenhandel nicht mehr leben. Eine wichtige Voraussetzung fürs Überleben sind deshalb zusätzliche Standbeine wie Restaurationsarbeiten oder ein externer Nebenjob.

Hast du Freude an Antiquitäten?

BärnerBär: Hat sich der Markt ins Internet verlagert?

Ritschard: Ja. Die Aktivitäten haben sich heute weitgehend mit verschiedenen Handelsplattformen ins Internet verlagert. Es gibt nur noch wenige Messen, dafür viele Flohmärkte. Diese sind in meinen Augen ein Ausdruck dafür, dass viele Menschen weiterhin den persönlichen Kontakt mit den Dingen und den direkten Austausch mit anderen suchen.

BärnerBär: Welche Auswirkungen hat das Antiquitätensterben Ihrer Meinung nach auf die Altstadt?

Ritschard: Es fehlen damit weitere Farbtupfer unter den Geschäften. So gehen meiner Meinung nach Romantik und viel Sinnliches verloren. Es ist schade und stört mich, wenn die historische Bausubstanz und die Art der Nutzung nicht mehr zusammenpassen.

Unsere Altstädte laufen Gefahr, ihre Authentizität zu verlieren. Aber letztlich bestimmt hier weitgehend die Wirtschaftlichkeit.

BärnerBär: Soll die Stadt mehr tun, um den Erhalt solcher Spezialgeschäfte zu fördern?

Ritschard: Es braucht mehr Kulturförderung und eine gezielte Unterstützung für kleine, eigenständige Geschäfte. Gerade diese Vielfalt macht die Altstadt attraktiv.

Ich appelliere aber auch an die Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer der Altstadt, mit fairen Mietpreisen einen Beitrag zum Erhalt dieser Vielfalt zu leisten.

BärnerBär: Können in der Zukunft wieder neue Antiquitätenläden in der Berner Innenstadt öffnen?

Ritschard: Nein, ich glaube nicht an neue Läden – zumindest nicht in Ballungszentren mit teuren Standorten. Auf dem Land hingegen fehlt es an genügend Kundschaft.

Zukunft haben meiner Meinung nach eher die Antiquitäten- und Flohmärkte – allerdings wohl auf einem qualitativ bescheideneren Niveau. Vielleicht sind sie aber der Ausgangspunkt für eine neue Entwicklung.

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