Stadt Zürich

    Der «da Vinci» von Zürich

    Christian Saggese
    Christian Saggese

    Zürich,

    Er war Glasmaler, Dichter, Dramatiker und Ratsherr. 1576 schuf Jos Murer den ersten detaillierten Stadtplan Zürichs – ein Genie der Renaissance, das heute kaum jemand kennt.

    Murerplan Hofmeister (farbig) 1766 editted
    Murerplan Hofmeister (farbig) 1766 editted - pd

    Zürich, 1573. Ein Mann steigt 162 Stufen auf den Turm von St. Peter. Durch die vier Erker der Turm- stube, 47 Meter über der Limmat, eröffnet sich ihm ein prächtiger Blick auf die Stadt.

    Unter ihm drängen sich die Häuser in verwinkelten Gassen, dahinter erstrecken sich Gärten, Rebberge und Wiesen. Mächtige Stadtmauern mit trutzigen Wehrtürmen umschliessen das mittelalterliche Zürich. Der Mann heisst Jos Murer, ist 43 Jahre alt und hat ein ehrgeiziges Vorhaben: Er will seine Heimatstadt so zeigen, wie es noch niemand vor ihm getan hat: Aus der Vogelschau, exakt vermessen und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet.

    Wie Murer dabei tatsächlich vorging, ist nicht vollständig überliefert. Skizzen oder Aufzeichnungen zu seiner Arbeit an der sogenannten Planvedute hat er keine hinterlassen. Doch der Aufstieg auf Zürichs älteste Pfarrkirche ist eine plausible Rekonstruktion des Historikers Martin Weiss.

    In seinem neuen Buch «Jos Murer und der Murerplan» folgt er dem Kartographen durch das Zürich des 16. Jahrhunderts. Dabei verbindet er historische Fakten mit erzählerischer Freiheit. So begleitet der Leser Murer und seinen Sohn Christoph bei der Vermessung der Stadt, sieht ihnen beim Hantieren mit Graphometer und Jakobsstab zu und schaut dem Künstler über die Schulter, wenn er Gebäude, Gassen und Bäume auf die Leinwand überträgt.

    Am 27. Dezember 1574 legt Murer dem Natalrat ein fast zwei Meter langes Ölgemälde vor und bittet um finanzielle Unterstützung. Sein stärkstes Argument: Sogar Basel besitze bereits einen solchen Plan. Zürich dürfe doch nicht nachstehen.

    Der patriotische Seitenhieb wirkt. Prompt erhält er 100 Gulden, ungefähr zwei Jahreslöhne eines Handwerksmeisters. In filigraner Kleinarbeit wird die Vorlage seitenverkehrt auf sechs quadratische Holzplatten übertragen.

    Weil ausgerechnet das Grossmünster an der Schnittstelle von vier Platten liegt, erhält es ein separates Puzzle-Stück. Gedruckt wird das Werk bei Christoph Froschauer dem Jüngeren. Dessen Onkel hatte 1522 mit dem berühmten Wurstessen im Beisein Zwinglis einen Skandal ausgelöst, der zum Symbol der Zürcher Reformation wurde.

    Der «da Vinci» von Zürich
    Der «da Vinci» von Zürich. - pd

    Google-Earth-Effekt

    Als das Meisterwerk 1576 endlich erscheint, ist das Staunen gross. Hätte es damals schon Social Media gegeben, der Murerplan hätte Tausende von Klicks generiert. Erstmals sehen die Zürcher ihre Stadt als Ganzes, aus einer Perspektive, die ihnen bisher verwehrt geblieben war.

    Jedes Gässchen, jedes Wohnhaus, jeder Platz: Alles liegt plötzlich vor ihnen ausgebreitet. «Man könnte in heutiger Sprachregelung vom Google-Earth-Effekt sprechen», erklärt Historiker Martin Weiss. «Kaum jemand, der nach Erscheinen dieser digitalen Darreichung im Jahr 2005 nicht heruntergezoomt hat zu seinem Wohnhaus und mit einem metaphysischen Schaudern wieder zurück in die Weiten des Kosmos: Ich, der kleine Punkt im Universum!»

    Auch das alltägliche Leben hat Murer mit verblüffender Genauigkeit festgehalten: Auf dem Predigerplatz frisst ein Schwein, zwei Frauen tragen Wäschekörbe auf dem Kopf, und ein Verurteilter wird im Weidling zum Gefängnisturm Wellenberg gebracht. Selbst ein Plumpsklo mit Abflussrohr an der Neumarktgasse ist zu entdecken. Das Werk ist eine technische und künstlerische Meisterleistung, die noch 450 Jahre später verblüfft.

    Sein Schöpfer, Jos Murer, 1530 geboren, gehört zu den vielseitigsten Persönlichkeiten der Zürcher Renaissance.

    Er ist Glasmaler, Zeichner, Holzschnittkünstler, Dichter, Dramatiker, Kartograf und später sogar Ratsherr. Weiss nennt ihn den «da Vinci von Zürich». Zu Lebzeiten ist Murer ein gefeierter Star.

    Sein Vater Hans, ein aus Grüningen zugewanderter Gürtler, gehört zum Handwerkerstand. Wo Jos seine Kindheit verbrachte, bleibt ungewiss. Weiss vermutet sein Geburtshaus im Haus «Zum Mohrenkopf» an der Neumarktgasse 13, dessen historische Inschrift heute abgedeckt ist.

    Gesichert ist seine Taufe am 5. September 1530 im Grossmünster. Murer wächst in einer Stadt auf, in der die Reformation das Leben grundlegend verändert hat. Die Obrigkeit wacht streng über Sitte und Moral.

    Sie regelt Hochzeitsfeiern, Kleidung und Wirtshausbesuche. Wer nach der Sperrstunde weiterzecht, riskiert eine Busse, im Wiederholungsfall sogar Gefängnis. In den Gassen türmen sich Misthaufen, Krankheiten grassieren, und die Pest fordert zahlreiche Opfer.

    Mit 15 Jahren beginnt Jos eine Glasmalerlehre, später zieht er nach Basel und Strassburg. Zurück in Zürich illustriert er Bücher, entwirft Glasgemälde und konstruiert Sonnenuhren. Seine Kunstfertigkeit ist legendär: Eine Fliege soll er so täuschend echt auf ein Glasgemälde gemalt haben, dass ein Betrachter sie verscheuchen wollte.

    Als er sich in Barbara Schön, die Tochter eines Holzschnitzers, verliebt, entdeckt er auch seine dramatische Ader. Er schreibt Theaterstücke, deren Aufführungen auf dem Münsterhof zu gesellschaftlichen Grossereignissen werden. Murer verfasst die Texte, führt Regie und entwirft Kulissen und Kostüme.

    Gaukler, Marktstände und Verpflegung machen die Aufführungen zu regelrechten Volksfesten. Sein biblisches Drama «Naboth», 1556 uraufgeführt, kehrt in den 1970er-Jahren sogar auf die Bühne zurück, unter freiem Himmel auf dem St.-Peter-Platz. 1556 heiratet Murer seine Barbara und gründet eine eigene Glasmalerwerkstatt. Zwölf Kinder bringt seine Frau zur Welt, elf überleben.

    Später steigt er in die Politik auf und wird Mitglied des Grossen Rats. 1578 übernimmt er das Amt des Amtmanns in Winterthur, den Nachruhm seines Meisterwerks erlebt er kaum: Zwei Jahre später stirbt er im Alter von nur 50 Jahren. Das grosse Ölgemälde, das Murer einst dem Rat vorlegte, ist verschollen. Auch von der ersten gedruckten Auflage seines Stadtplans blieb kein Exemplar erhalten.

    Der früheste bekannte Nachdruck stammt aus der Zeit um 1700. Besichtigen lässt sich der prächtige kolorierte Murer- Plan im Stadtarchiv Zürich am Neumarkt 4. Martin Weiss: «Jos Murer und der Murerplan – Ein künstlerisches Multitalent im Zürich des 16. Jahrhunderts», Verlag Hier und Jetzt, Okt. 2026, ISBN 978-3-03919-671-5

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in den «Tagblatt Zürich» erschienen.

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