Darum sollten Kinder nicht lange am Bildschirm sein
Sowohl Eltern als auch ihre Kinder verbringen heutzutage mehr Zeit an Bildschirmen als früher. Experten erklären, wie das den Sprachlernprozess beeinflusst.

Das Wichtigste in Kürze
- Heutzutage verbringen Menschen immer mehr Zeit vor dem Bildschirm.
- Welchen Einfluss hat das auf den Sprachlernprozess bei Kindern?
- Nau.ch hat bei Experten nachgefragt.
Fachleute für Sprachstörungen (Logopädinnen und Logopäden) haben aktuell alle Hände voll zu tun. Ein möglicher Grund: Die Welt, in der wir heute leben, ist digitaler denn je. Sowohl Kinder als auch ihr Umfeld verbringen immer mehr Zeit vor Bildschirmen.
Lernen Kinder darum schlechter sprechen? Nau.ch hat nachgefragt.
«Logopädinnen und Logopäden sind tatsächlich sehr gefragte Fachkräfte – sowohl im Bildungswesen als auch im Gesundheitswesen», sagt Edith Bohli. Sie ist Geschäftsleiterin des Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbands (DLV).
Ob es aktuell mehr Kinder mit Sprach- oder Sprechstörungen gibt als früher, ist schwierig zu sagen: «Die Erhebung umfangreicher statistischer Daten für solche Fragestellungen fehlt leider bis heute», so Bohli.

Deshalb sei es auch schwer zu sagen, welche Sprachprobleme am häufigsten auftreten. Bohli betont zudem, dass es keine Studien gibt, die belegen, dass erhöhter Medienkonsum zu einer Zunahme an Sprachstörungen führt.
Kaum Daten vorhanden
Grundsätzlich ist die Datenlage zu Problemen beim Spracherwerb gering. Das bestätigt auch Prof. Dr. Claudia Roebers, Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Bern.
Sie erklärt: «Die Mechanismen, wie Kinder Sprachen erlernen, haben sich nicht verändert.» Die Sprache sei biologisch bedingt und das menschliche Gehirn sei darauf vorbereitet, Sprache zu lernen.
Kinder erlernen laut Claudia Roebers Sprache grösstenteils dadurch, dass Menschen aus ihrem Umfeld mit ihnen sprechen.
Die Art und Weise, wie die Sprache durch das Umfeld für die Kinder aufbereitet werde, habe dabei einen grossen Einfluss. Beispielsweise helfe es dem Kind, wenn Erwachsene aus Fragmenten, die das Kind äussert, ganze Sätze bilden.
Bildschirmzeit schadet dem Spracherwerb nur indirekt
Die Entwicklungspsychologin erklärt, warum erhöhte Bildschirmzeit dem Spracherwerb bei Kindern nur indirekt schadet: «Bildschirmzeit verringert die Zeit, in der die Eltern, Geschwister und andere Personen aus dem Umfeld mit dem Kind sprechen.»

Dabei betont Claudia Roebers: «Die Verdrängung wird erst dann relevant, wenn sie über ein gewisses Ausmass von Bildschirmzeit hinausgeht.»
Sowohl übermässige Bildschirmzeit des Kindes als auch der Eltern sei ein Problem. In beiden Fällen werde die Zeit verdrängt oder verringert, in der mit dem Kind gesprochen wird.
Früherziehungsdienst beobachtet Auffälligkeiten
Das merkt man auch im Früherziehungsdienst des Kantons Bern (FED): «Wir begleiten vermehrt Kinder, bei deren Anmeldung bzw. im Verlauf der Begleitung von einer hohen Bildschirmzeit im Alltag berichtet wird», sagt die heilpädagogische Früherzieherin Simone Kapp.
Bei einem Teil dieser Kinder beobachte der FED Auffälligkeiten in der Kommunikation und Sprachentwicklung. «Dazu gehören beispielsweise wenig oder fehlender Blickkontakt, Schwierigkeiten in der gemeinsamen Aufmerksamkeitsausrichtung sowie eine verzögerte oder auffällige Sprachentwicklung.»
Für die Sprachentwicklung sei es wichtig, von Geburt an Blickkontakt aufzunehmen und feinfühlig auf die Signale des Kindes zu reagieren. Eltern sollten laut Kapp viel mit ihrem Kind sprechen, besonders über Dinge, die sie gemeinsam sehen oder erleben.
Mit den Kindern zu sprechen ist das A und O
Edith Bohli vom Logopädinnen- und Logopädenverband gibt weitere Empfehlungen für Eltern ab: «Unterstützen Sie Ihre Sprache mit Gesten, Gebärden, Bildern oder Zeigen. So versteht Ihr Kind schneller und kann sich früher mitteilen.»
Eltern sollen zudem beschreiben, was sie sehen, wenn sie mit ihrem Kind unterwegs sind. Grundsätzlich rät Bohli, Alltagsaktivitäten zu versprachlichen und auf Blicke, Zeigen, Laute oder Gebärden des Kindes eine sprachliche Antwort zu geben.












