Coronavirus

    Coronavirus: Was können wir von der Spanischen Grippe lernen?

    Jochen Tempelmann
    Jochen Tempelmann

    Zürich,

    Rund drei Monate nach der ersten Welle ist die zweite Welle des Coronavirus da. Das war bereits vor 100 Jahren bei der Spanischen Grippe so – nur ein Zufall?

    coronavirus Spanische Grippe
    Eine Notfall-Station für die Spanische Grippe. Hundert Jahre später sieht die Vorbereitung kaum anders aus (Bild aus dem Frühling). - Keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Spanische Grippe verlief ebenfalls in Wellen – im gleichen Abstand wie bei Corona.
    • Bei Vergleichen müsse man jedoch vorsichtig sein, warnt Medizinhistoriker Flurin Condrau.

    Auch wenn die Coronavirus-Situation für uns alle unbekannt ist – Epidemien sind keinesfalls ein neues Phänomen. Zeitzeugnisse von schweren Krankheitsausbrüchen finden sich durch die ganze Neuzeit, das Mittelalter und die Antike. Keine Epidemie dürfte dabei bis heute so bekannt sein wie die Spanische Grippe. Hilft uns die Pandemie, unsere aktuelle Situation besser zu verstehen?

    1918 starben schätzungsweise zwischen 20 und 100 Millionen Menschen weltweit an einem neuartigen Influenza-Grippevirus. Die Sterblichkeit wie auch die Vorbedingungen der Epidemie lassen sich keinesfalls mit dem aktuell grassierenden Coronavirus vergleichen. Dennoch finden sich erstaunliche Parallelen. Ist alles Zufall oder können wir von der Spanischen Grippe lernen?

    Coronavirus Spanische Grippe
    Betten in einem US-Amerikanischen Notlazarett stehen für die Aufnahme von Patienten bereit. Bilder wie dieses kennen wir auch vom Coronavirus. - Keystone

    Nau.ch hat Flurin Condrau gefragt, Professor am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich.

    Vergleiche naheliegend, aber nicht unbedingt schlüssig

    Dass man versucht, die Spanische Grippe mit dem Coronavirus zu vergleichen, liege nahe, findet Condrau. «Die Spanische Grippe war die letzte Pandemie, die in der Schweiz Spuren hinterlassen hat.» Grippe- und Coronaviren seien schliesslich recht nahe Verwandte. Bei beiden gilt beispielsweise die Tröpfcheninfektion als primärer Übertragungsweg.

    Doch darüber hinaus überwiegen die Unterschiede. «Eine Meldepflicht gab es in der Schweiz erst ab Oktober 1918, darum hat man auch ganz schlechte Erkrankungszahlen. Eine Möglichkeit, Menschen etwa auf Intensivstationen am Leben zu erhalten, gab es nicht, ebenso fehlten Beatmungsgeräte.»

    Coronavirus Spanische Grippe Vergleich
    Ein Schweizer Truppenarzt untersucht einen Armeeangehörigen während dem Ersten Weltkrieg. - Keystone

    Der Umgang mit der Pandemie während des Ersten Weltkriegs war also ein ganz anderer: «Das in der Schweiz damals schlecht ausgebaute öffentliche Gesundheitswesen war von der Pandemie klar und eindeutig überfordert», so Condrau.

    Coronavirus: Keine zweite Welle wie bei der Spanischen Grippe

    Für Aufsehen sorgte jüngst eine grafische Darstellung aus einem Artikel der Fachzeitschrift «Emerging Infectious Diseases». Darin wird die Sterberate in Grossbritannien während der Pandemiejahre 1918 und 1919 dargestellt.

    Coronavirus Spanische Grippe
    Die Sterblichkeit durch Lungenentzündungen in Grossbritannien während der Spanischen Grippe. Das Bild von erster und zweiter Welle wirkt vertraut. - Keystone

    Das Bild von erster und zweiter Welle scheint uns nur zu vertraut: Selbst der Abstand dazwischen gleicht den Wellen des Coronavirus. Doch Condrau hält es für falsch, Parallelen zu ziehen: «Offengestanden halte ich das für ein Artefakt der Berichterstattung.»

    Der bedeutendste Unterschied sei, dass während der ersten Welle der Spanischen Grippe kaum Massnahmen ergriffen wurden. Im Gegensatz dazu wurde in der ersten Welle der aktuellen Pandemie deutlich eingegriffen. «Die Frage stellt sich, was ohne Lockdown im Frühjahr passiert wäre», gibt Condrau zu bedenken.

    Coronavirus Spanische Grippe Vergleich
    Eine Not-Station für Patienten mit der Spanischen Grippe im US-Bundesstaat New York. - Keystone

    Dass beide Epidemien im Herbst erneut besonders schwer grassierten, überrascht Condrau hingegen nicht. «Die Saisonalität hingegen ist unbestritten. Allein schon aufgrund des Übertragungsweges führt der Herbst heute wie damals zu einer Zunahme der Ansteckungsfälle.»

    Grippeerkrankungen, wie auch Viren aus der Coronavirus-Familie, treten vermehrt im Winter auf.

    Coronavirus: Ende der Pandemie nach drei Wellen?

    Die Spanische Grippe verschwand Mitte des Jahres 1919 – etwas mehr als ein Jahr nach ihrem ersten Auftreten. Könnte dies auch beim Coronavirus der Fall sein?

    Coronavirus Spanische Grippe Vergleich
    Patienten der Spanischen Grippe in Fort Riley in den Vereinigten Staaten. - Keystone

    «Das ist natürlich die Preisfrage, auf die es für mich keine Antwort gibt. Das Ende von Pandemien folgt keinem Automatismus», erklärt Condrau.

    Auch hierbei sieht der Medizinhistoriker mehr Unterschiede als Parallelen: «Warum sich die Spanische Grippe veränderte, ist meines Wissens in der Forschung umstritten und nicht einfach erklärbar. Bis jetzt scheint Covid da anders, weil stabiler zu sein.»

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