Blinder läuft am Bahnhof Bern in Wand – weil Hilfslinie da endet
Der Anblick kann verwirren: Am Bahnhof Bern führt eine Hilfslinie für blinde oder sehbehinderte Menschen direkt in eine Wand. Doch es soll so sein.

Das Wichtigste in Kürze
- Am Bahnhof Bern wurden die Blinden-Hilfslinien aufgrund der Baustelle angepasst.
- Eine Linie führt jedoch direkt in eine temporäre Wand.
- Der Blinden- und Sehbehindertenverband erklärt, weshalb dies mit Absicht so gelöst ist.
Wer in Bern unterwegs ist, braucht derzeit Geduld. An allen Enden und Ecken wird am Bahnhof gebaut und saniert. Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen stellen die Bauarbeiten eine besondere Herausforderung dar.
Erst kürzlich beobachtete eine Nau.ch-Reporterin, wie ein Mann mit seinem Stock einer Blindenleitlinie folgt – und schliesslich in die Baustellenwand läuft. Die Leitlinie führt also direkt in eine Wand.
Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Planungsfehler. Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (sbv) erklärt jedoch, weshalb die Situation bewusst so gelöst wurde.
Linie führt bewusst in Baustellenwand
Franziska Roggli, regionale Interessensvertreterin vom sbv und selbst Teil der Begleitgruppe Zukunft Bahnhof Bern, erklärt: «Bei den verschiedenen Bauetappen versuchen wir möglichst, das bestehende Leitsystem, welches sich seit Jahren bewährt, bestehen zu lassen.» Die Linien sollen also gar nicht angepasst werden.
Bis zur Fertigstellung des neuen Bahnhofs stünden noch rund 36 Bauetappen bevor. Damit seien immer wieder Anpassungen notwendig.
Im konkreten Fall, der von der Nau.ch-Reporterin beobachtet wurde, sagt Roggli: «An der betroffenen Stelle wurde zunächst ein Teil der bestehenden Leitlinie entfernt.»
Damit sollte verhindert werden, dass Betroffene eben geradewegs in die Absperrung laufen. Diese Lösung hatte allerdings unerwartete Folgen.
«Die betroffenen Personen waren plötzlich mit dem Gegenverkehr konfrontiert und konnten sich nicht mehr orientieren», erklärt Roggli. Nach zahlreichen Rückmeldungen sei die Situation deshalb erneut angepasst worden.
Heute führen die Leitlinien bewusst bis an die Baustellenwand. Diese übernehmen für blinde Menschen die Funktion eines natürlichen Führungselements – ähnlich wie ein Trottoirrand oder ein Belagswechsel.
Am Ende der Wand könne die Leitlinie wieder aufgenommen werden.
«Müssen mit Hindernissen rechnen»
Auch die SBB bestätigt auf Anfrage: «Wir sind im Austausch mit dem sbv, um die Bedürfnisse der Betroffenen während aller Bauetappen zu berücksichtigen.»
Der sbv weist darauf hin, dass trotz sorgfältiger Planung Baustellen für blinde und sehbehinderte Menschen immer mit Herausforderungen verbunden seien.
«Blinde und sehbehinderte Menschen müssen auf Baustellen mit Hindernissen rechnen», erklärt der Verband. Wer sich unsicher fühle, könne die Bahnhofhilfe Bern in Anspruch nehmen.
Werden Leitlinien oder andere Orientierungshilfen ungenügend angepasst, könne dies zu Verletzungen, Orientierungsverlust oder zu einem Stockbruch führen.
Daher empfiehlt Roggli Bauherrschaften: «Wichtig ist, die Lösungen immer mit Fachpersonen abzusprechen und gemeinsam vor Ort die optimale Lösung zu finden.»
Mauern, Randsteine oder Begrenzungen als Orientierungshilfen
Einen Ort blinden- und sehbehindertengerecht zu machen, bedeutet nicht etwa nur, Leitlinien zu verlegen. Denn die weissen Leitlinien, die erhöht am Boden liegen, werden nur dort eingesetzt, wo bauliche Elemente allein keine ausreichende Orientierung ermöglichen.
Grundsätzlich sind Mauern, Randsteine oder andere tastbare Begrenzungen wichtige Orientierungshilfen. Leitlinien ergänzen diese lediglich dort, wo dies notwendig ist.
Die erhöhten weissen Leitlinien «verbessern die Sicherheit und Selbständigkeit blinder und sehbehinderter Menschen», so Roggli.
Auch mit dem weissen Stock sei die Orientierung für blinde und sehbehinderte Menschen eine Herausforderung. Der Verband bittet zur Rücksichtnahme und bedankt sich: «Danke, dass Sie die Wege für uns frei und sicher halten!»
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Die Baustelle am Bahnhof Bern ist noch lange nicht abgeschlossen. Bis voraussichtlich 2034 wird der gesamte Bahnhof noch erneuert.
















