Wil

E-Trotti im Weg – blinder Wiler (65) übt Kritik

Linda Bachmann
Linda Bachmann

Wil,

Ein falsch parkiertes E-Trottinett sorgt bei einem Sehbeeinträchtigten für Kritik an der Bevölkerung.

Der Begleithund Dyson drückt für Guido Böhler die Ampel.
Der Begleithund Dyson drückt für Guido Böhler die Ampel. - lin

Guido Böhler bestreitet sein Leben ohne Augenlicht. In Begleitung seines Blindenführhundes birgt der Alltag für den 65-Jährigen unzählige Herausforderungen. Einige davon werden durch Unachtsamkeiten anderer Mitmenschen verursacht, wie zum Beispiel falsch parkierte E-Trottinetts.

«Das hätte böse enden können», sagt Guido Böhler kopfschüttelnd. Vor Kurzem wurde der Nachhauseweg des Wilers von einem falsch parkierten E-Trottinett versperrt.

Der 65-Jährige ist seit über 20 Jahren auf beiden Augen blind. Herumliegende Gegenstände können für ihn zum Problem werden.

Weg war komplett versperrt

Guido Böhler ist in Wil aufgewachsen und kennt sich in der Stadt deshalb gut aus. Umso verwunderter war er, als sein Blindenführhund Dyson auf dem Verbindungsweg von der Thurau- und der St. Gallerstrasse plötzlich aktiv blockierte.

«Ich weiss, dass auf dem Kiesweg mehrere der rot-weissen Veloschranken stehen», so der Wiler. Normalerweise führe ihn Dyson aber einfach dazwischen hindurch. «Ich fragte mich, ob der Hund einfach ein bisschen heiss hat. Wie uns Menschen machen die momentanen Temperaturen auch den Tieren zu schaffen», erklärt Böhler.

E-Trottinett-Fahrer
E-Trottinetts sind aus dem modernen Stadtbild nicht mehr wegzudenken. (Symbolbild) - keystone

Mit dem Taststock habe er dann aber einen Gegenstand wahrgenommen, der direkt vor der Schranke lag. Dem Gespräch zweier weiterer Passantinnen habe er entnommen, dass es sich dabei um ein E-Trottinett handelt.

«Die beiden haben mir ihre Hilfe angeboten und den Scooter beiseite geschoben», erzählt der 65-Jährige. Dyson habe ihn bereits an vielen herumliegenden Gegenständen vorbeigeführt, weiss er. Wenn er mit anderen Leuten unterwegs sei, würden diese ihn jeweils darauf hinweisen.

«Komplett versperrt war der Weg aber noch nie», so Böhler.

Immer in Begleitung

Der Wiler hatte früher gesunde Augen. Heute ist er aufgrund einer Netzhauterkrankung beinahe vollständig blind. «Hell und dunkel kann ich manchmal unterscheiden. Lichtquellen oder -reflexe erkenne ich meist», beschreibt Guido Böhler.

Dyson ist beinahe 24/7 an seiner Seite. Mit dem Vierbeiner bewegt sich der Wiler sicher in der Stadt.

Der ausgebildete Hund unterstützt ihn zum Beispiel beim Überqueren einer Strasse, indem er seinem Herrchen die Kante des Trottoirs anzeigt und danach auf den Knopf der Ampel drückt. Doch Böhler weiss: Nicht alle sehbeeinträchtigten Menschen haben dieselbe Unterstützung.

Austausch mit den Behörden

«Es geht mir nicht nur um mich», betont der Wiler. Viele Betroffene würden sich im Graubereich bewegen – seien also nicht blind, aber stark sehbehindert.

«Diesen Menschen sieht man ihre Erkrankung oft nicht direkt an, aber auch für sie werden Gegenstände auf schmalen Wegen oder Trottoirs zum Hindernis. Für einen sehbeeinträchtigten Rollstuhlfahrer wäre der Lenker eines stehenden Trottinetts in etwa auf Kopfhöhe», so Böhler.

Er hat das falschparkierte Fahrzeug den Technischen Betrieben Wil gemeldet, die für deren Betrieb verantwortlich sind.

Nehmen E-Trottinetts im öffentlichen Raum zu viel Platz ein?

«Der Stadt Wil möchte ich nichts ankreiden. Vor allem mit den Verantwortlichen des Amts Bau, Umwelt und Verkehr pflege ich einen regelmässigen Austausch», betont der 65-Jährige.

So würden ihn die Behörden über allfällige Einschränkungen für Fussgänger informieren. Er teile ihnen jeweils mit, wenn er etwas Auffälliges wahrnehme.

Regeln für die E-Trottinetts

Für das Abstellen der E-Fahrzeuge gilt gemäss einer Mitteilung der Stadt Wil ein hybrides System: Im Stadtzentrum – vom Bahnhof bis und mit Altstadt – dürfen Fahrzeuge nur auf ausgewiesenen Parkflächen abgestellt werden.

Im restlichen Gemeindegebiet können sie auf öffentlichen Flächen flexibel parkiert werden. Dabei müssen auf Fusswegen und Trottoirs mindestens 1,5 Meter frei bleiben.

Die Einhaltung und Überprüfung der Regeln erfolgen gemäss der Stadt Wil über ein digitales Kontrollsystem des Anbieters Dott. Nutzerinnen und Nutzer sind verpflichtet, am Ende jeder Fahrt ein Foto des ordnungsgemäss abgestellten Fahrzeugs in der App zu erfassen.

«Weist das Kontrollfoto Mängel auf oder belegt es ein klares Fehlverhalten beim Parkieren, wird die verantwortliche Person zunächst ermahnt», erklärt der Kommunikationsverantwortliche der Stadt Wil.

Wiederholte Vorfälle führen zu temporärer Blockierung des Nutzerkontos bis hin zum dauerhaften Ausschluss von der Nutzung des Sharing-Dienstes.

Reaktion innert drei Stunden

Der Anbieter ist auch für das Beschwerdewesen zuständig. Aktuell verzeichne dieser laut Stadt Wil maximal eine Beschwerde pro Woche.

«Gemäss der Betriebsbewilligung des Pilotprojekts ist der Betreiber verpflichtet, ein falsch abgestelltes Fahrzeug zu Tageszeiten innerhalb von maximal drei Stunden umzuplatzieren. Während der Nachtstunden gilt eine maximale Reaktionszeit von vier Stunden», informiert die Stadt.

e-trottinette
Für das Abstellen der E-Fahrzeuge gilt gemäss einer Mitteilung der Stadt Wil ein hybrides System. (Symbolbild) - keystone

Das Service-Team des Anbieters kümmere sich verlässlich um diese Meldungen. In der Praxis habe sich bisher gezeigt, dass der Anbieter im Alltag deutlich schneller agierte als vertraglich vorgeschrieben.

«Vorfälle, bei denen eine Behinderung für mobilitätseingeschränkte Personen vorliegt, werden prioritär behandelt», betont die Stadt Wil.

Bewusstsein schaffen

Guido Böhler sieht allerdings nicht nur die Trottinette als problematisch an: «Grundsätzlich ist alles, was auf dem Trottoir steht oder liegt, eine Behinderung – Fahrzeuge, Schilder, aber auch Scherben», so Böhler.

Gerade in den Sommermonaten lägen am Strassenrand oft mehr Abfälle. «Dyson ist zwar ausgebildet, potenziellen Gefahrenquellen auszuweichen, kleine Scherben sieht aber auch er nicht. Er hat sich deshalb bereits an herumliegenden Scherben verletzt.»

Der Wiler wünscht sich mehr Rücksichtnahme von seinen Mitmenschen. Vielen Leuten sei nicht bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten das Leben anderer erschweren. «Mit ein wenig mehr Vernunft könnte dieses Problem gelöst werden», so Böhler.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.

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