Stadt Luzern

Betrunkener belästigt vor KKL Leute – Frau greift als Einzige ein

Karin Aebischer
Karin Aebischer

Luzern,

Anna (30) aus Luzern greift ein, als ein Betrunkener Leute belästigt. Was ihr Sorgen bereitet: « Ich war die Einzige!». Dabei waren auch viele Männer vor Ort.

KKL Luzern
Den Vorfall vor dem KKL vergisst die 30-jährige Sozialpädagogin so schnell nicht mehr. - Urs Wyss Photography

Das Wichtigste in Kürze

  • Anna (30) macht vor dem KKL in Luzern ein Picknick mit einem Freund.
  • Als sie beobachtet, wie ein Betrunkener Leute belästigt, geht sie auf diesen zu.
  • Doch sie fragt sich: «Wo ist die Zivilcourage hin?» Denn ausser ihr greift niemand ein.

«Was ich in Luzern erlebt habe, hat mich zutiefst erschüttert.»

Das erzählt die 30-jährige Sozialpädagogin Anna*. Sie wollte kürzlich mit einem Freund gemütlich auf dem Rasen hinter dem KKL in Luzern picknicken. Doch dazu kam es nicht.

«Ich beobachtete, wie ein angetrunkener Mann mehreren Personen viel zu nahe kam. Sehr laut mit ihnen sprach, ihre Taschen berührte oder sie sogar ungefragt anfasste.»

Hast du schon mal Zivilcourage bewiesen?

Wegsehen war keine Option für sie: «Ich bin in diesen Situationen dazwischengegangen und habe den Mann zurechtgewiesen. Jedes Mal.»

Was sie dabei aber am meisten beschäftigte: Sie war die Einzige, die aktiv wurde.

Aus dem gemütlichen Picknick vor dem KKL in Luzern wurde für die 30-jährige Anna nichts. - keystone

Viele Menschen hätten einfach zugesehen. «Es war eine bunte Mischung aus Leuten vor Ort. Eine Jugendgruppe mit männlicher Leitungsperson. Touristinnen und Touristen, junge Frauen und Männer sowie Personen bis zirka 50 Jahre», erzählt Anna gegenüber Nau.ch.

Trotzdem habe niemand etwas gesagt, geholfen oder sei eingeschritten. Nur sie.

Drum fragt sich die Luzernerin: «Wo ist unsere Zivilcourage hin? Gab es die überhaupt mal?»

Experte: «Chapeau!»

Die junge Frau schilderte das Geschehene auf LinkedIn. Prompt kommt unter ihrem Post eine Antwort von Präventions- und Kommunikationsspezialist Pascal Simmen. «Chapeau, dass Sie in dieser Situation nicht weggeschaut und Verantwortung übernommen haben!», schreibt er in den Kommentaren.

Er warnt aber auch: «Zivilcourage bedeutet nie, sich selbst in Gefahr zu bringen.»

Das ist sich auch Anna bewusst. «Die eigene Sicherheit muss stets an erster Stelle stehen!»

In dieser konkreten Situation habe sie jedoch zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, Angst haben zu müssen. «Da war zum einen mein Kollege und ich bin laut, präsent und stark. Vielleicht nicht zwingend physisch, aber ganz bestimmt mental», sagt sie.

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Der Bystander-Effekt beschreibt das sozialpsychologische Phänomen, dass die Wahrscheinlichkeit, zu helfen in einer Notsituation, abnimmt, je mehr andere Personen anwesend sind. - pexels

Doch wie kann man den sogenannten Bystander-Effekt ausschalten und erreichen, dass nicht jeder wegschaut, umso mehr Leute drumherum stehen?

Pascal Simmen gibt konkrete Tipps: Gezielt andere, unbeteiligte Drittpersonen ansprechen und diese direkt zur Mithilfe auffordern.

Nicht: «Kann jemand helfen?», sondern: «Sie mit der roten Jacke, kommen Sie bitte kurz zu uns.» Oder «Könnten Sie bitte die Polizei verständigen?».

Dadurch werde aus vielen Zuschauenden oft schnell ein unterstützendes Team, so der Chef Prävention der Kantonspolizei Schwyz. Er ist auch bei der Schweizerischen Kriminalprävention tätig.

Joggerin am Boden liegen gelassen

Die Sozialpädagogin findet, dass man die Leute noch mehr wachrütteln müsste: «Viele Menschen sind sich ihrer Wirkung nicht bewusst, erkennen aber auch ihr Potenzial nicht.» Wenn man nichts tue, habe das nicht keine Wirkung, «sondern es ist eine verpasste Chance, die Wirkung gezielt einzusetzen».

Tue man nichts, sende man unbewusst das Signal, dass das Verhalten, das beobachtet wird, toleriert werde, so Anna zu Nau.ch.

Unter ihrem Linkedin-Beitrag schildert denn auch eine Psychologin ein heftiges Beispiel. Sie habe sich mal heftig beim Joggen den Fuss verknackst und musste bei einer Bushaltestelle auf den Bus warten.

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Sie sei am Boden gelegen, aber niemand habe geholfen, schildert die Joggerin. (Symbolbild) - pexels

«Mir wurde schlecht vor Schmerzen ich bin auf den Boden abgelegen, bei drei Grad und im dünnen Joggingjäggli. Kein einziger Mensch hat mich angesprochen oder mir geholfen, obwohl Leute dort standen. Das hat mich tief schockiert.»

Im Psychologiestudium habe sie zwar den Bystander-Effekt behandelt. Aber diesen in einer derart hilflosen Situation selbst zu erleben, sei krass gewesen.

Wie sich selber nicht in Gefahr bringen?

Auch Pascal Simmen weiss, dass oft zugeschaut, statt gehandelt wird: «Leider hoffen in solchen Situationen viele, dass jemand anderes eingreift – ein Gesellschaftsphänomen.»

Umso wichtiger seien Menschen, die den ersten Schritt machen, Verantwortung übernehmen und versuchen, den Lead zu übernehmen.

Doch geht Zivilcourage auch oft nach hinten los?

Dazu habe die Polizei keine konkrete Statistik, sagt Urs Wigger, Chef Mediendienst der Luzerner Polizei.

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Die Luzerner Polizei unterstützt und begrüsst Zivilcourage. - keystone

Grundsätzlich gelte, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. «Oft lässt sich bereits viel bewirken, indem man andere Passanten zur Mithilfe auffordert, den Notruf 117 wählt und der Polizei möglichst präzise Angaben zur Situation machen kann.»

So leiste man einen wichtigen Beitrag, ohne sich unnötigen Risiken auszusetzen. Denn – so betont Wigger – «Zivilcourage ist grundsätzlich etwas sehr Positives.»

Die Luzerner Polizei begrüsst und unterstützt Zivilcourage. «Denn letztlich wünschen wir uns alle, dass jemand hinschaut und handelt, wenn wir selbst in eine unangenehme oder bedrohliche Situation geraten.»

*Nachname der Redaktion bekannt

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Kommentare

User #6528 (nicht angemeldet)

"Dabei waren auch viele Männer vor Ort." Wollt ihr hier etwa traditionelle Geschlechterrollen aufgreifen? 🤭

User #2483 (nicht angemeldet)

Was soll der Hinweis "viele Männer"? Wenn eine Firma eine männliche Person als Maurer anstellen will, ist es der Linken zufolge sexistisch, aber diesen Beitrag hier empfindet man als nicht sexistisch, wenn es plötzlich um Männer geht?

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