Alterszentrum: «Mit ü80 ins Heim – manche bleiben nur wenige Monate»

Kurt Peter
Kurt Peter

Bodensee,

Urs Haubensak war 25 Jahre im Vorstand der Genossenschaft Alterszentrum Kreuzlingen. Im Interview zieht er Bilanz.

Haubensak
Urs Haubensak blickt auf 25 Jahre im Vorstand der Genossenschaft Alterszentrum zurück. - Kurt Peter

25 Jahre war Urs Haubensak im Vorstand der Genossenschaft Alterszentrum Kreuzlingen, neun davon als Präsident. Im Interview blickt er auf eine sehr bewegte Zeit mit grossen Veränderungen zurück.

Redaktion: Wenn Sie sich an den Beginn ihrer Zeit als Genossenschaftspräsident zurückblicken, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn?

Urs Haubensak: Dass man damals, es war im Jahr 2017, nicht gross gefragt hat, ob man das Amt will. Es galt eher das Motto: «Du kannst das und Du machst das.»

Aber natürlich, durch mein langjähriges Wirken im Vorstand hatte ich auch Erfahrung und die Institution bedeutete mir viel. Deshalb übernahm ich das Amt auch gerne.

Ausserdem hatte ich Zeit, weil ich als Bezirksgerichtspräsident gerade pensioniert wurde. Und ich tauchte in eine neue, eine andere Welt ein.

Redaktion: Das Alterszentrum stand immer vor grossen Herausforderungen, auch im Baubereich. Wie haben Sie das erlebt?

Haubensak: Damals war der Vorstand auch die Baukommission. Alle Bauvorhaben, ob im Wohn- oder Pflegebereich, wurden von diesem Gremium geleitet. Das hat sich grundsätzlich geändert, indem der Vorstand seine strategische Arbeit erledigt, die Geschäftsleitung die operative.

Altersheim
Alterszentrum. (Symbolbild) - keystone

Eine zusätzliche externe Fachperson begleitet nun in Baufragen die Genossenschaft. Dem Vorstand obliegt die Kontrolle, er beantragt bei der Versammlung auch die nötigen finanziellen Mittel.

Redaktion: Bedeutet das eine Entlastung für den Präsidenten?

Haubensak: In diesen Bereichen schon, es reduziert das Ausmass an Aufgaben deutlich. Die Fragen rund um die Bautätigkeiten sind einfach zu viel für den strategischen Bereich.

Dazu kommt, dass Um- und Neubauten im Vergleich zu vor 25 Jahren deutlich aufwendiger geworden sind, allein schon im Bereich Brandschutz sind die Auflagen und Kontrollen stark gestiegen.

Redaktion: Es wurde viel investiert in Ihrer Amtszeit.

Haubensak: Das ist auch richtig und hätten wir das nicht gemacht, hätte die Genossenschaft Alterszentrum heute einen grossen Nachholbedarf. Sowohl im Pflege- wie auch im Wohnbereich.

Redaktion: Ein grosser Wurf war das Haus C mit den altersgerechten Wohnungen. Haben Sie mit dem Erfolg gerechnet?

Haubensak: Dass es ein Erfolg wird, hatten wir gehofft, wie steinig der Weg bis zur Realisierung sein wird, konnten wir nicht ahnen. Denn es war das Ziel, die ehemalige Siedlung, deren Wohnungen in keiner Weise mehr den Anforderungen genügten, durch einen modernen Neubau zu ersetzen.

Dem Vorstand war klar, dass die alte Siedlung deshalb abgerissen werden musste. Das fand zunächst bei der kantonalen Denkmalpflege keinen grossen Anklang.

Später kam noch ein Baustopp dazu, es ging um eine Einsprache gegen die Auftragsvergabe, die bis zum Bundesgericht gezogen, aber von diesem abgewiesen wurde.

Die Corona-Pandemie führte anschliessend zusätzlich zu massiven Bauteuerungen, die uns schwer belasteten. Deshalb mussten wir auch einen Nachtragskredit von drei Millionen Franken beantragen.

Im Konzept rechneten wir damit, dass die Bewohnenden beim Einzug ins Haus C so gegen die 70 Jahre alt sein würden, Die Realität zeigt, dass der Wohnungsbezug meist erst mit 80 Jahren erfolgt.

pflegeheim
Pflegeheim. (Symbolbild) - keystone

Redaktion: Ist das nicht auch im Pflegeheim eine Tendenz?

Haubensak: Absolut. Die Menschen wollen solange wie möglich selbstbestimmt zu Hause leben. Und sie können das auch, weil sie im Allgemeinen länger körperlich dazu im Stande sind und die Spitex-Organisationen bei Bedarf die nötige Unterstützung bieten.

Zum Glück, denn die Zahl der Betten würde nicht ausreichen, wenn auch diese Personen Platz im Heim mit Pflege und Betreuung benötigten.

Redaktion: Das Alterszentrum ist also nicht mehr das Altersheim, als das es ursprünglich vorgesehen war?

Haubensak: Bei der Fertigstellung des Heims in den 1970er Jahren waren die ins Heim kommenden Personen deutlich jünger. Heute kommen Menschen ins Pflegeheim, die, analog zum Haus C, 80 Jahre und älter sowie pflegebedürftig sind.

Hast du selbst Erfahrungen mit einem Alterszentrum gemacht?

Während früher die Aufenthaltsdauer oft mehrere Jahre betrug, ist diese heute teilweise auf wenige Monate gesunken. Das hat auch für das Personal Folgen. Palliative Care ist alltäglich geworden, die Sterbebegleitung und die Behandlung durch schmerzlindernde Medikamente ist heute Alltag.

Durch das zunehmende Alter der Bevölkerung mussten auch die Pflegeheime umdenken, bei meinem Eintritt in den Vorstand gab es beispielsweise noch keine Demenzabteilung.

Redaktion: Herausforderungen gibt es viele für die Genossenschaft.

Haubensak: Allerdings, auch die Pflegeheime müssen mit der Zeit gehen. Die Umsetzung der Pflegeinitiative fordert beispielsweise durch den Umstand, dass die Genossenschaft genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen muss, um nicht mit Bussen bestraft zu werden.

Ganz allgemein ist die Ausbildung des Pflegepersonals in meiner Amtszeit anspruchsvoller geworden. Immer wieder sind wir zudem in finanziellen Fragen mit dem Kanton, aber auch mit den Vertragsgemeinden im Gespräch.

So hat die Stadt Kreuzlingen, die bei der Gründung der Genossenschaft gewährte jährliche und unbeschränkte Defizitgarantie, durch eine Defizitgarantie von jährlich 300'000 Franken ersetzt. Dafür haben wir einen Baubeitrag von drei Millionen Franken für das Haus C erhalten.

Ich konnte mich in meinen Jahren im Vorstand und als Präsident über die Zusammenarbeit mit der Stadt nie beklagen. Rückblickend kann ich festhalten, dass ich das Präsidenten-Amt gerne innegehabt habe, dass es mir Freude machte und ich ein funktionierendes, modernes Haus an meinen Nachfolger übergeben kann.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.

Kommentare

User #4285 (nicht angemeldet)

Ins Heim sollte man höchstens als Pflegefall gehen. Wer es irgendwie alleibe schafft, sollte nieee ins Heim gehen. Ein Heim ist teurer als ein teures 5Stern-Hotel und dazu wird der Patient tagtäglich abgezockt. Jedes Pflästerli, jedes Dagalgänli....alles wird speziell verrechnet. Um 17 Uhr ist Nachtessen, und dann ab ins Bett. Selbstbestimmung? Keine mehr. Nichts mwhr zu sagen bis zum Tod.

User #6865 (nicht angemeldet)

Der Sensenmann hält die Türe vom APH auch nicht auf... ! "FOR WHOM THE BELL TOLLS".... !

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