Betrügerin bringt Emilia (16) um ihr Trinkgeld

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Baden,

Die Tochter eines bekannten PR-Profis fällt am Bahnhof Baden auf eine Betrugsmasche rein. Ihre Empathie sei ihr zum Verhängnis geworden, sagt ihr Vater.

Betrug
Empathie solle nicht bestraft werden: Ferris Bühler hat seiner Tochter 40 Franken aus dem eigenen Portemonnaie gegeben. - zVg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Frau behauptet am Bahnhof Baden AG, Geld für einen Schlafplatz zu brauchen.
  • Die Tochter von Kommunikationsprofi Ferris Bühler gibt ihr Geld – die Frau verschwindet.
  • Ferris Bühler befürchtet, dass die Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft abnimmt.

40 Franken Trinkgeld hat Emilia in den letzten zwei Tagen verdient. Gerade absolviert die 16-jährige Hotelkommunikationsschülerin ein Praktikum in einem Zürcher Hotel.

Nach ihrer Spätschicht am Dienstagabend ist die Aargauerin ihren Zustupf jedoch auf einen Schlag los. Wegen einer miesen Masche.

Am Bahnhof Baden kurz nach 22 Uhr bittet eine knapp 30-jährige Frau Emilia um Geld. Sie trägt eine blaue Regenjacke und Leggings. Verzweifelt erklärt sie ihr, dass sie 100 Franken für einen Schlafplatz in einem Hotel brauche.

«Meine Tochter zögerte zuerst und bot ihr an, bei uns zu übernachten», sagt Vater Ferris Bühler zu Nau.ch. Der bekannte Kommunikationsprofi wohnt mit seiner Familie direkt beim Bahnhof Baden.

Die englischsprechende Frau habe sie aber weiter bearbeitet. «Am Ende gab Emilia ihr 40 Franken. Mehr Geld habe sie nicht dabei, habe sie erklärt.»

«Tippte eine Fake-Nummer ein»

Die Frau bittet um das Handy der Teenagerin, um ihre Nummer einzugeben. Ihre Mutter würde ihr den Betrag per Twint zurückerstatten, verspricht die Frau.

Sie speichert eine Nummer mit dem Namen «Nice to meet you». Die Nummer hat ein Profilbild, auf dem eine Landschaft abgebildet ist. So weit, so vertrauenswürdig.

Gibst du Bettelnden Geld?

«Wie sich später herausstellte, tippte die Frau aber eine Fake-Nummer ein», sagt Ferris Bühler. Rufe man die Nummer an, ertöne die Ansage, dass dieser Kontakt nicht erreicht werden könne.

Die Frau hat sich längst aus dem Staub gemacht.

Emilia hatte ein komisches Gefühl und rief deshalb ihren Vater an. «Fünf Minuten später war ich am Bahnhof und wir suchten erfolglos nach der Frau», sagt Bühler.

«Wäre ein enormer Verlust»

Am Mittwoch meldete Ferris Bühler den Fall der Stadtpolizei Baden. «Als ich Anzeige erstatten wollte, riet mir die Polizei aber davon ab.» Dies bringe nichts, habe ihm die Beamtin erklärt. «In solchen Fällen solle man stattdessen sofort vor Ort die 117 wählen, sagte sie.»

Der Betrügerin fiel es leicht, mit Emilias Mitleid zu spielen. «Sie ist ein sehr empathischer Mensch, was ihr jetzt zum Verhängnis wurde», sagt Bühler.

Er bedauert dies. «Müssen schon Teenager erfahren, dass Empathie keine gute Eigenschaft ist, legen sie diese vielleicht ab.» Dadurch bestehe das Risiko abnehmender Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft. «Dies wäre ein enormer Verlust.»

Der Vater ist der Meinung, dass seine Tochter für ihre Empathie nicht bestraft werden solle. «Ich habe ihr deshalb 40 Franken aus meinem Portemonnaie gegeben.»

Ähnliche Fälle

Dass Betrüger auf Teenager losgehen, ist kein Einzelfall.

Dies zeigen die Reaktionen auf der Plattform Linkedin, auf der Ferris Bühler den Vorfall auch schildert. Ihre Nichte habe aus Mitleid in einer ähnlichen Situation Geld gegeben, schreibt eine Userin. «Ich habe an Weihnachten meiner Nichte schwer ins Gewissen geredet.»

Eine Mutter erinnert sich an ein Beispiel mit einer angeblichen NGO. Ihre Tochter sei unter Druck gesetzt worden, Zahlungen an Amnesty zu tätigen, schreibt sie. «Auch sie bekam ein komisches Gefühl und rief mich an. Zum Glück konnte man das rückgängig machen.»

Alter spielt keine Rolle

Die Stadtpolizei Baden hat zum Fall auf Anfrage bisher noch nicht Stellung genommen.

Eine Tendenz, dass vermehrt Jugendliche ins Visier von Bettlern geraten, stellen Polizeien nicht fest.

Im Gegensatz zu Trickdieben fokussieren sich laut der Kantonspolizei Aargau Bettler nicht auf eine bestimmte Opferkategorie wie etwa ältere Menschen. Während einige einfach am Boden sässen, sprechen andere wahllos Passanten an, sagt Mediensprecher Bernhard Graser. «Und versuchen, mit rührseligen Geschichten Mitleid zu erwecken.»

Ob dies gelinge, hänge weniger vom Alter der Betroffenen als von deren Bereitschaft ab, sich auf solche Gespräche einzulassen.

«Nutzen Gutgläubigkeit schamlos aus»

Die Kantonspolizei Aargau rät, bei solchen Begegnungen am Bahnhof oder andernorts misstrauisch zu sein. Auch solle man auf das eigene Bauchgefühl hören.

Wurdest du auch schon mal so betrogen?

«Solche Kriminelle nutzen die Gutgläubigkeit und die Hilfsbereitschaft von Passantinnen und Passanten schamlos aus», sagt Bernhard Graser. Dies zeige Der vorliegende Fall.

Allzu oft gehören sie laut Graser Banden an, denen sie das erbettelte Geld abliefern müssen. «Beispielhaft dazu ist die immer noch aktuelle Masche der falschen Spendensammler.» Diese gäben vor, im Namen einer Organisation für Gehörlose aktiv zu sein.

Personenkontrollen im Kanton Bern

Im Kanton Bern gibt es kein generelles Bettelverbot. Erhält die Kantonspolizei Bern jedoch Meldungen im Zusammenhang mit bettelnden Personen, führt sie beispielsweise Personenkontrollen durch oder tätigt weitere Abklärungen.

Voraussetzung dafür ist, dass sich die Bettelnden aufdringlich verhalten und sich andere Personen dadurch gestört fühlen. «Oder weil der Verdacht auf mögliches deliktisches Handeln besteht», sagt Daniela Di Gaspare, Mediensprecherin der Kantonspolizei Bern.

Die Kantonspolizei Bern rät, sich auf der Strasse von bettelnden Personen nicht drängen zu lassen, Geld zu geben. Auch sollten sie keine anderen Leistungen tätigen sowie im Zweifelsfall nicht auf solche Anfragen reagieren.

«Man kann jederzeit die Polizei informieren und bei Bedarf Anzeige erstatten», sagt die Mediensprecherin. Dies, wenn man bereits Geld gegeben habe und sich um sein Geld betrogen fühle.

Kommentare

User #2036 (nicht angemeldet)

Die Gewerkschaften nehmen jeden Monat, jedem Arbeiter, 40.-ab. Also das ist ok?

User #4641 (nicht angemeldet)

Der Steuerstaat betrügt jeden von uns um sehr viel mehr.

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