Berufssterben: Einzige Hutmacher-Lernende (15) kommt aus Bern!

    Jan Strobel
    Jan Strobel

    Bern,

    Die Bernerin Veronika Reissnecker (15) ist die einzige Lernende Modistin der Schweiz. In Zürich fertigt sie Hüte von Hand – eine mittlerweile seltene Kunst.

    Sie gibt dem Hut eine Zukunft
    Die Bernerin Veronika Reissnecker, Lernende Modistin, im Hutgeschäft Oxblood an der Zürcher Europaallee. - Jan Strobel

    Nass machen, aufziehen, trocknen lassen, dann den Rand zuschneiden, das Schweissband einnähen, garnieren und schliesslich das Innenfutter einsetzen: Bis aus einem sogenannten «Stumpen» oder «Rohling» ein fertiger Hut wird, braucht es nicht nur zahlreiche Arbeitsschritte. Perfekt werden sie erst durch Präzision, Kreativität und handwerkliche Passion.

    Veronika Reissnecker beherrscht inzwischen viele dieser Schritte. Die 15-jährige Bernerin absolviert beim Hutgeschäft Oxblood an der Zürcher Europaallee ihre Ausbildung zur Modistin. Und sie ist derzeit die einzige Lernende dieses Berufs in der Schweiz.

    Es ist ein selten gewordenes Handwerk, eines, das hierzulande tatsächlich zu verschwinden droht.

    Hutmacher
    Hutmacherinnen und Hutmacher sind vom Aussterben bedroht. (Symbolbild) - keystone

    Oxblood ist das grösste Hutgeschäft in Zürich. 2013 wurde es von Hutmacher Claude Locher eröffnet. Es ist gleichzeitig ein Atelier.

    Die Hüte werden von Hand gefertigt, die Kundinnen und Kunden verfolgen den Prozess live mit. Spezialisiert hat sich Oxblood vor allem auf Herrenhüte für den eleganten Gentleman, allerdings nicht ganz ohne Ecken und Kanten.

    Der Stil bewegt sich zwischen klassischer Eleganz und Rock ’n’ Roll. Auf den Arbeitstischen liegen die Werkzeuge des Hutmacherhandwerks bereit, daneben stehen hölzerne Hutblöcke, Hutspanner und eine Nähmaschine.

    Besonders gern arbeitet Veronika mit Filz. Natürlich ist auch das ein ganz eigener Mikrokosmos. Es gibt den günstigeren Wollfilz, dann den teuren Hasenhaarfilz oder – besonders exklusiv – Biberfilz. Daraus entstehen Porkpies und Trilbys, klassische Melonen oder Zylinder.

    «Schon immer für Mode interessiert»

    «Zwei bis drei Tage Arbeit können in einem einzigen Hut stecken», sagt Veronika. Dass sie einmal Hüte herstellen würde, war für die Lernende keineswegs vorgezeichnet. «Ich habe mich schon immer für Mode interessiert», sagt sie.

    Beruflich habe sie zunächst allerdings in ganz andere Richtungen gedacht. Coiffeuse hätte sie sich vorstellen können, aber auch Schreinerin.

    Dann stiess ihre Mutter auf einen Beruf, von dem viele heute kaum noch wissen, wofür er überhaupt steht: Modistin. «Hutmacher sind vom Aussterben bedroht. Das fand ich spannend.»

    Dass sie heute die einzige Lernende Modistin der Schweiz ist, bringt allerdings eine ungewöhnliche Ausbildungssituation mit sich. Eine eigene Berufsschulklasse für angehende Hutmacherinnen gibt es nicht.

    Veronika besucht deshalb die Schweizerische Fachschule für Mode und Gestaltung Modeco an der Kreuzstrasse in Zürich und absolviert dort den schulischen Teil gemeinsam mit angehenden Schneiderinnen und Schneidern.

    Andere Modistinnen in Ausbildung trifft sie nicht. «Das ist manchmal schon schade. Man kann sich mit niemandem über das Hutmachen austauschen», sagt sie.

    In drei Jahren wird Veronika ihre Lehre abschliessen.

    Hast du eine Lehre gemacht?

    Dabei war ihr Beruf einst alles andere als exotisch. Noch in den 1950er-Jahren gab es in Zürich dutzende Hutmacherinnen und Hutmacher. Zu den bekannten Adressen gehörte etwa das Spezialgeschäft Baumann mit seinen Geschäften an der Fraumünsterstrasse und am Weinplatz.

    Ohne Hut aus dem Haus zu gehen, war für viele Männer lange Zeit kaum vorstellbar. Doch bereits damals begann sich das zu ändern.

    In Grossbritannien versuchte die Hutindustrie ab 1948 mit dem eingängigen Slogan «If you want to get ahead, get a hat» –«Wer es zu etwas bringen will, trägt Hut» – insbesondere jüngere Männer für den Hut zu begeistern.

    Heute prägen Baseballcaps das Strassenbild, auf den Köpfen von Jugendlichen ebenso wie auf jenen von Senioren.

    Baseballcaps
    Heute prägen Baseballcaps das Strassenbild. (Symbolbild) - depositphotos

    Veronika sieht das nicht nur negativ. «Es ist ja schon mal cool, dass die Leute überhaupt Hüte tragen», sagt sie. Etwas mehr Experimentierfreude würde sie sich dennoch wünschen.

    Mit der allgegenwärtigen Fast Fashion kann Veronika dagegen wenig anfangen. Massenware habe mit dem Handwerk, das sie erlerne, nicht viel gemeinsam. Ein handgefertigter Hut brauche Zeit und Menschen, die bereit seien, diese Arbeit wertzuschätzen.

    Wie es nach ihrer Ausbildung weitergeht, weiss Veronika noch nicht genau. Ideen hat sie dafür einige. «Vielleicht eröffne ich irgendwann ein eigenes Geschäft und Hutatelier. Auf jeden Fall möchte ich in der Schweiz bleiben, damit das Handwerk hier weiterlebt.»

    Und dann hegt Veronika noch einen ganz besonderen Traum: «Ich würde gerne in einem Zirkus arbeiten und dort Hüte in jeder nur erdenklichen Form produzieren.»

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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