Berner Gemeindepräsident bricht Schweigen zu Sekten-Guru
Der Präsident von Linden BE äussert sich erstmals zum Missbrauch in einer Glaubensgemeinschaft. Die Gemeinde dürfe nicht allein verantwortlich gemacht werden.

Das Wichtigste in Kürze
- Im Sommer sorgte der Missbrauch in einer abgeschotteten Glaubensgemeinschaft in Linden BE nach Jahren erneut für Aufsehen.
- Ein Sekten-Guru missbrauchte über Jahre Minderjährige und junge Frauen. Es steht der Vorwurf eines Behördenversagens im Raum.
- Nun äussert sich der Gemeindepräsident: Die Gemeinde müsse sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, dürfe aber nicht allein für mögliche Versäumnisse verantwortlich gemacht werden.
Der Gemeindepräsident von Linden hat sich erstmals ausführlich zu den Missbrauchsfällen in der Glaubensgemeinschaft Methernitha geäussert.
Ignaz Margelisch verurteile die damaligen Geschehnisse in der jüngsten Ausgabe des «Lindenblatts» aufs «Äusserste». Darüber berichten die «Berner Zeitung» und der «Bund».

In der neusten Ausgabe der Dorfzeitung ruft er die Bevölkerung dazu auf, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Der parteilose Ignaz Margelisch schreibt: «Was den Mädchen und den jungen Frauen damals widerfahren ist, wiegt schwer und darf nicht vergessen werden.»
Einfach zu schweigen und zu hoffen, dass sich die Sache irgendwann von selbst erledige, könne keine Lösung sein.
Gemeindepräsident: Verantwortung nicht allein bei Linden BE
Dass die Gemeinde damals eine Verantwortung gehabt habe, stehe «ausser Frage». Allerdings sei es wichtig zu verstehen, dass damalige Entscheidungen «häufig mit heutigem Wissen beurteilt» würden.

Es dürfe jedoch nicht allein Linden für mögliche Versäumnisse verantwortlich gemacht werden. Auch die Rolle des Kantons und der Justiz müsse betrachtet werden.
Ob ein Umdenken stattgefunden habe und weshalb er sich erst jetzt ausführlich äussere, wollte der Gemeindepräsident den Zeitungen nicht beantworten.
Sekten-Guru missbraucht jahrelang Minderjährige
Für Aufsehen hat der Fall erneut gesorgt, nachdem im Sommer die SRF-Dokuserie «Der Engelmacher» veröffentlicht wurde. Sie greift den Fall um Paul Baumann auf, den Gründer der Glaubensgemeinschaft Methernitha.
Ab den 1950er-Jahren baute Baumann in Linden BE eine abgeschottete Gemeinschaft mit rund 300 Anhängern auf. Hinter den Mauern des Anwesens herrschten strenge Regeln und Kontrolle. Von Mitgliedern liess er sich «Vatti» nennen.

Baumann versprach Mädchen, sie zu Engeln zu machen. Unter dem Vorwand einer angeblichen «geistigen Reinigung» missbrauchte er sie sexuell.
Zu seinen Opfern gehörte auch Beatrice, die bereits ab ihrem zwölften Geburtstag regelmässig von ihm missbraucht wurde.
Kaum aus dem Knast, setzt «Vatti» Missbrauch fort
1976 wurde Baumann wegen seiner Taten zu sieben Jahren Knast verurteilt. Eine entscheidende Rolle spielte dabei Beatrice: Sie brachte den Sektenführer als damals 19-Jährige ins Gefängnis.

Auch nach seiner Haftentlassung soll Baumann weiter Mädchen und Frauen sexuell missbraucht haben. Der Missbrauch endete laut Betroffenen erst, als Baumann altersbedingt kein Interesse mehr hatte.
Besonders schwer wiegt auch die Kritik an den Behörden: Obwohl das Gericht 1976 eine Überwachung Baumanns nach seiner Entlassung angeordnet hatte, sollen die Verantwortlichen jahrzehntelang weggeschaut haben. Sektenaussteiger sprechen deshalb von einem Behördenversagen.
Baumann starb 2011. Die Glaubensgemeinschaft Methernitha existiert in Linden bis heute.








