Serie «Der Engelmacher» mit einer Bildsprache für das Unsagbare

Keystone-SDA
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Bern,

Die Dokuserie «Der Engelmacher» greift den Fall um Paul Baumann auf, den Gründer der Glaubensgemeinschaft Methernitha. Regisseurin Marina Klauser findet eine Bildsprache für das Unsagbare und gibt Betroffenen eine Stimme. Am Locarno Film Festival ist Premiere.

Die Zürcher Regisseurin Marina Klauser kennt die Geschichte der Glaubensgemeinschaft Methernitha um den verurteilten Gründer Paul Baumann aus der eigenen Familie. Gespräche mit ihrer...
Die Zürcher Regisseurin Marina Klauser kennt die Geschichte der Glaubensgemeinschaft Methernitha um den verurteilten Gründer Paul Baumann aus der eigenen Familie. Gespräche mit ihrer... - Keystone/GAETAN BALLY

Paul Baumann hatte die Glaubensgemeinschaft Methernitha in den 1950er-Jahren im bernischen Linden gegründet und über Jahrzehnte geprägt. Unter dem Namen «Vatti» übte er grossen Einfluss auf ihre Mitglieder aus. Als Vorwürfe von sexuellem Missbrauch gegen ihn öffentlich wurden, mündeten die in ein Gerichtsverfahren.

Die vierteilige Serie zeichnet packend nach, wie Baumann mit Methernitha ein abgeschottetes System etablierte – und wie ehemalige Mitglieder ihr Schweigen brachen.

Zudem gelang es der Zürcher Regisseurin Marina Klauser erstmalig, weiterzuverfolgen, was nach Baumanns Freilassung 1982 geschah. Für die Filmemacherin begann die Geschichte jedoch nicht mit ihm, sondern in der eigenen Familie.

Vom Familiengespräch zum Filmprojekt

Erst vor sieben oder acht Jahren erfuhr Klauser, dass ihre Grosseltern der Glaubensgemeinschaft als externe Mitglieder angehörten. Ihre Tante Käthi, eine der Protagonistinnen der Serie, verbrachte ihre Jugend- und frühen Erwachsenenjahre in der Methernitha. «Ich sehe es als Privileg, über etwas zu berichten, das mich persönlich beschäftigt», sagt Klauser im Gespräch mit Keystone-SDA.

In ihrer Familie sei kaum über diese Vergangenheit gesprochen worden, die ältere Generation habe alte Wunden nicht aufreissen wollen. Sie selbst habe sich schon immer für Spiritualität, Religion und Feminismus interessiert. In der Geschichte der Methernitha habe sich all das gebündelt: Fragen nach Glauben, Machtverhältnissen und der Ausbeutung von Frauen.

Lange Suche nach den Stimmen

Schnell wurde Klauser nach den Gesprächen mit ihrer Tante klar, dass sie diese Geschichte nicht aus einer einzelnen Perspektive erzählen wollte. Sie sprach mit mehr als 50 ehemaligen Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft. Viele waren weggezogen, hatten geheiratet oder ihren Namen geändert, oft suchte sie monatelang nach einzelnen Personen.

Mit jedem Gespräch fügte sich das Bild weiter zusammen, und Klauser schrieb ein Drehbuch. «Die Geschichte wird sich selber erzählen», stellte die Regisseurin während der Arbeit fest. Statt einzelner Schicksale entstand nach und nach eine gemeinsame Erzählung jener Frauen und Männer, die sich gegen die Methernitha gestellt hatten.

Dass einige der Betroffenen schliesslich vor die Kamera traten, sei keineswegs selbstverständlich gewesen. Klauser führte zahlreiche Vorgespräche. Sie wollte niemanden filmen, bei dem oder der die Gefahr einer Retraumatisierung bestand. Während der Dreharbeiten stand psychologische Begleitung bereit.

Besonders wichtig ist ihr bis heute eine sprachliche Unterscheidung: Die Menschen in ihrer Serie seien keine Opfer, sondern Überlebende; mit ihrer Teilnahme am Projekt hätten sie ganz bewusst selbst mitbestimmt, wie ihre Geschichte erzählt wird.

Zur Recherche gehörte auch die Suche nach historischem Material. Gemeinsam mit dem Bildarchiv der Nachrichtenagentur Keystone-SDA digitalisierte das Filmteam zahlreiche Fotografien, die jahrzehntelang im Archiv geschlummert hatten. Einige davon sind nun erstmals in der Serie zu sehen.

Skarabäus, Kaleidoskop und Puppenhaus

Besonders viele Gedanken machte sich Klauser zur visuellen Sprache ihres ersten dokumentarischen Langfilms. Bis anhin hat sich die 1985 geborene Regisseurin mit Kurzfilmen wie «Madagaskar» (2021) oder «Palim Palim» (2013) einen Namen gemacht. Früh stand für sie fest, dass sie den Missbrauch weder explizit zeigen noch Paul Baumann zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen wollte. Baumann wurde «Unzucht mit Minderjährigen» vorgeworfen. Er wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und kam nach fünf Jahren wieder frei. Für ihren Film suchte Klauser nach einer Bildsprache, die Erinnerungen und Traumata übersetzt, ohne sie eins zu eins nachzustellen.

So tauchen in der Serie immer wieder Skarabäus-Käfer auf, eine Anspielung auf Baumanns Interesse für ägyptische Mythologie. Diese Käfer bewegen sich durch ein Puppenhaus und interagieren mit ihrer Umgebung.

Die Käfersequenzen erwecken den Eindruck animiert zu sein, so dressiert wirken die Insekten. Doch die Aufnahmen sind mit echten Tieren entstanden. «Es brauchte vor allem Geduld und kleine Tricks», sagt Klauser. Die Käfer folgten etwa dem Licht. Vieles sei erst nach mehreren Versuchen gelungen.

Daneben sind ein Kaleidoskop und das Puppenhaus selbst wiederkehrende Motive. Das Kaleidoskop ist einerseits eine kindliche Spielerei, andererseits verweist es auf die verdrehte Wahrnehmung der Menschen in der Gemeinschaft. Das Puppenhaus wiederum symbolisiert gleichzeitig die gestohlene Kindheit der Betroffenen und die abgeschottete Welt der Methernitha. Die traumatischen Erfahrungen der Protagonistinnen übersetzte Klauser bewusst in die Bildsprache eines Kindes. «Die Missbrauchs-Details haben nichts zur Sache getan», sagt sie. Entscheidend sei gewesen, Voyeurismus zu vermeiden.

Wiedersehen in Locarno

Für Klauser bedeutet die heutige Premiere der von der Zürcher Produktionsfirma Tellfilm gemeinsam mit SRG und 3sat produzierten Dokuserie in Locarno weit mehr als den Abschluss eines mehrjährigen Filmprojekts. Fast alle, die vor der Kamera stehen, werden anreisen. Viele von ihnen begegnen sich zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder.

Was von der Dokuserie bleiben soll, formuliert Klauser schlicht: Sie hofft, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer den Mut der Frauen und Männer würdigen, die ihre Geschichte erzählt haben. Und sie hofft, dass «Der Engelmacher» daran erinnert, wie wichtig es ist, hinzuschauen, statt wegzusehen.*

*Dieser Text von Anais Sommer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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