«Vatti» – Was die Doku über den Sektenführer Paul Baumann enthüllt
«Vatti» alias Paul Baumann wurde 1976 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Eine neue Doku beleuchtet seine Macht und die Übergriffe in Methernitha.

Paul Baumann gründete in den 1950er-Jahren im bernischen Linden die Glaubensgemeinschaft Methernitha. Seine Anhänger nannten ihn «Vatti», innerhalb der Gemeinschaft besass er grossen Einfluss.
Die Mitglieder lebten und arbeiteten gemeinsam in einer abgeschotteten Gemeinschaft. Neben christlichen Vorstellungen spielten auch Esoterik und Vorstellungen von Magie eine Rolle.
Bekannt wurde Baumann zudem durch die sogenannte Testatika. Der von ihm entwickelte Generator sollte angeblich Energie aus dem Nichts erzeugen, was laut dem «SRF» jedoch nicht belegt wurde.
Mädchen als «Engel»
Nach Aussagen ehemaliger Mitglieder missbrauchte «Vatti» mehrere Mädchen und junge Frauen. Mädchen, die in seine Fänge gerieten, sollten seiner Lehre zufolge zu «Engeln» gemacht werden.
Die dafür behauptete «geistige Reinigung» nahm Baumann persönlich vor. Eine Betroffene berichtet dem «SRF» zufolge, dass sie ab ihrem zwölften Geburtstag regelmässig von ihm missbraucht worden sei.

1976 wurde Baumann zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Laut der «Swissinfo» wurde ihm «Unzucht mit Minderjährigen» vorgeworfen, bevor es zum Gerichtsverfahren kam.
«Vatti»: Übergriffe nach der Verurteilung
Die Dokumentation «Der Engelmacher» beschäftigt sich auch mit den Ereignissen nach Baumanns Verurteilung. Es kam sogar am Tag der Urteilsverkündung erneut zu einem Übergriff.
Baumann wurde nach fünf Jahren Haft entlassen und kehrte 1982 nach Linden zurück. Die Dokumentation verfolgt erstmals ausführlicher, was nach seiner Freilassung innerhalb der Gemeinschaft geschah.
Ein ehemaliges Mitglied berichtet von rund zehn Mädchen und Frauen, die nach Baumanns Rückkehr betroffen gewesen seien. Eine weitere Betroffene schildert dem «SRF» zufolge, der Missbrauch habe bis ins hohe Alter Baumanns angehalten.
Behörden sollen nach Baumanns Haftentlassung weggesehen haben
Das Gericht hatte eine Überwachung Baumanns nach seiner Entlassung angeordnet. Ehemalige Mitglieder kritisieren dennoch, dass die Behörden danach jahrzehntelang weggesehen hätten.
Regisseurin Marina Klauser sprach für die vierteilige Serie mit mehr als 50 ehemaligen Mitgliedern. Viele der Gesprächspartner waren schwer auffindbar, weil sie weggezogen waren oder ihren Namen geändert hatten.
Klauser hat zudem einen persönlichen Bezug zur Gemeinschaft. Ihre Grosseltern gehörten Methernitha als externe Mitglieder an, ihre Tante Käthi verbrachte dort einen Teil ihrer Jugend.
«Der Engelmacher»: Missbrauch mit Symbolen
Die Filmemacherin wollte den Missbrauch weder explizit darstellen noch Baumann zusätzliche Aufmerksamkeit geben. Stattdessen entwickelte sie eine symbolische Bildsprache für Erinnerungen und traumatische Erfahrungen.
Ein Puppenhaus steht dabei für die abgeschottete Welt der Gemeinschaft und die verlorene Kindheit. Ein Kaleidoskop verweist laut der «Swissinfo» auf die veränderte Wahrnehmung innerhalb des Systems.
Auch Skarabäus-Käfer spielen eine wiederkehrende Rolle. Das Motiv knüpft an Baumanns Interesse an ägyptischer Mythologie an und wird innerhalb der Serie mit dem Puppenhaus verbunden.
Klauser macht die Geschichte von Methernitha sichtbar
Klauser wollte die Betroffenen als Überlebende sichtbar machen. Vor den Dreharbeiten führte sie deshalb zahlreiche Gespräche und stellte während der Produktion psychologische Begleitung bereit.
Die Geschichte von Methernitha steht damit im Mittelpunkt einer persönlichen und langjährigen Recherche. Klauser verbindet die Aussagen ehemaliger Mitglieder mit historischem Bildmaterial aus Archiven.

Die ersten beiden Folgen «Vatti und seine Engel» und «Engelskinder» liefen am 27. August 2026 auf SRF 1. Die Folgen «Fall der Engel» und «Vattis Schatten» werden am 30. August ausgestrahlt, wie die «Blue News» berichtet.







