Das lernen katholische Priester jetzt im Missbrauchskurs
Die katholische Kirche der Stadt Luzern schickt Priester, Seelsorger und Co. in einen Missbrauchs-Präventionskurs. Die Kursleiterin erklärt, was sie vermittelt.

Das Wichtigste in Kürze
- Immer wieder sorgte die katholische Kirche mit Missbrauchs-Skandalen für Empörung.
- Um solche Fälle in Zukunft zu verhindern, schickt die Kirche in Luzern alle in einen Kurs.
- Die Kursleiterin bespricht mit Priestern und Co. Beispiele von Grenzüberschreitungen.
Immer und immer wieder sorgte die katholische Kirche in den vergangenen Jahren für Negativschlagzeilen wegen Missbrauchs.
Zum Höhepunkt der Empörung in der Schweiz kam es wohl vor gut zwei Jahren, als eine ausführliche Missbrauchsstudie veröffentlicht wurde.
Die Analyse deckte das Ausmass des Skandals in der katholischen Kirche auf: Seit 1950 gab es mindestens 1002 Missbrauchs-Fälle.
In Luzern hat die katholische Kirche nun mit obligatorischen Präventionskursen für das gesamte Personal reagiert. Priester, Jugendarbeiterinnen und Seelsorger, aber auch das Reinigungspersonal müssen zur Schulung antraben.
Kursleiterin Karin Iten von der Fachstelle Machtraum erklärt bei Nau.ch, was sie den Mitarbeitenden der Kirche in den Kursen vermittelt.
Weinendem Kind über die Wange streichen – geht das?
Iten sagt: «Wir arbeiten mit einem Stufenmodell, das Vorfälle unterschiedlicher Schweregrade in Machtgefällen – auch in der Jugendarbeit – einordnet.»
Die erste Stufe sind Irritationen. «Ein Beispiel dafür: Der spontane einmalige Reflex, als Jugendarbeiterin einem Kind mit blossen Händen über die Wangen zu streichen, wenn es weint.»
Die zweite Stufe sind «Grenzüberschreitungen», wie Iten weiter erklärt. Darunter gehört unter anderem die regelmässige Vermischung von Privatem und dem Beruf in der Jugendarbeit.
«Beispielsweise, wenn man Jugendliche ohne pädagogischen Grund zu sich nach Hause einlädt», erklärt Iten.
Die dritte Stufe sind schliesslich sogenannte «berufsethische Verstösse». Dazu zählen beispielsweise demütigende oder beschämende Sprüche und Witze, wie Iten sagt.
Die vierte, schwerwiegendste Stufe sind Straftaten. «Etwa das Zeigen oder Berühren von Geschlechtsteilen von Minderjährigen durch Erwachsene», sagt die Kursleiterin.
Grenzüberschreitung oder nicht
Solche Beispiele werden in den Kursen diskutiert. Dabei schildert die Kursleiterin die Fälle und bittet beispielsweise um Einschätzung der Kursteilnehmenden. War das jetzt eine Grenzüberschreitung?

«Es geht darum, sich selbst zu reflektieren und transparent klarzustellen, was die Rolle der Mitarbeitenden ist. Wichtig ist aber auch, eine Kultur der Sprachfähigkeit und Kritik zu schaffen», sagt Iten.
Die meiste Zeit wird für Beispiele aus den Stufen eins bis drei verwendet, wie die Kursleiterin sagt. Sie seien im Alltag – auch in der Jugendarbeit – häufiger.
Es kommen auch ignorante Fragen und Bemerkungen
Priester, Jugendarbeiterinnen und Co. werden in den Kursen also aktiv um Mitarbeit und Selbstreflexion gebeten. Dabei kommen auch immer wieder Vorurteile oder ignorante Gedanken ans Licht.
Iten sei auch schon «überrascht gewesen», welche Fragen oder Vorurteile Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer zum Thema hatten. Dass einige noch wenig sensibilisiert waren, will sie aber nicht verurteilen.

«Wir alle sind mit blinden Flecken unterwegs», gibt die Expertin zu bedenken. Das betreffe nicht nur diejenigen, die den Mut hätten, im Kurs darüber zu sprechen.
Gewisses grenzüberschreitendes Verhalten sei ja in der Gesellschaft auch normalisiert. «Zum Beispiel sexistische Sprüche.»
Grenzüberschreitungen werden schneller erkannt – handeln bleibt Hürde
Eine gesellschaftliche Entwicklung, die sie auch in den Kursen feststellt, ist, dass wir «besser geworden sind im Wahrnehmen von Grenzüberschreitungen».
Aber die Hürde, tatsächlich zu handeln, sei immer noch da. «Diese Sprach- und Handlungsbarriere versuchen wir in den Kursen zu verkleinern.»
Den Kirchen-Mitarbeitenden soll also aufgezeigt werden, Grenzüberschreitungen anzusprechen und anzuprangern. So soll auch verhindert werden, dass weggeschaut wird, weil man sich nicht in der Verantwortung fühlt oder Ressourcen fehlen.
Wenn der übergriffige Jugendarbeiter bleiben darf
Auch das kommt nämlich vor: Dass Jugendarbeiterinnen und -arbeiter trotz mehrfach festgestelltem grenzüberschreitenden Verhalten weiter beschäftigt werden. Einfach, weil es vielleicht schwierig wäre, eine Nachfolge zu finden.
Ein solches Fallbeispiel aus der Vergangenheit bespricht die Kursleiterin jeweils mit den Mitarbeitenden. Das Beispiel ist anonymisiert und muss nicht aus dem Umfeld der katholischen Kirche stammen.

Grund für die Weiterbeschäftigung war in dem Beispiel eine sogenannte «verwahrloste Organisation», wie Iten erklärt. «In verwahrlosten Organisationen gibt es keine klaren Konsequenzen, weil die Führungsperson ihrer Verantwortung nicht nachkommt.»
Meist liege das an fehlenden Fähigkeiten und Führungskompetenzen. Genau diese will die katholische Kirche der Stadt Luzern mit den Kursen vermitteln.
Kurs löst auch Ängste und Widerstand aus
Bei einigen lösen die Kurse zunächst «Ängste» und «Widerstand» aus, wie Iten berichtet.
Das erstaunt sie nicht: «Gerade eine Prävention, die auch einen Kulturwandel anspricht, kann in traditionsreichen Organisationen solche Gefühle auslösen», sagt sie.
«Nicht alle stehen am selben Punkt. Einigen geht die Prävention zu schnell und zu weit, vielen anderen wiederum zu langsam und zu oberflächlich.»
Das sieht die Kursleiterin aber nicht als Problem – im Gegenteil. «Diese unterschiedlichen Perspektiven bereichern den Kurs und müssen ausgehandelt werden.»
Wichtig sei, dass die Prävention keine Spaltungen oder eine Misstrauenskultur verstärkt. Das gelingt gut: Am Ende des Tages erhalte sie meist positives Feedback. Nur «ganz, ganz selten» finden Kirchen-Mitarbeitende, dass der Kurs nicht nötig gewesen sei.
Darum schicken Luzerner Katholiken alle in Kurs
Das bestätigt die katholische Kirche Luzern auf Anfrage von Nau.ch.
Sprecherin Ingrid Schmid erklärt: «Mittlerweile haben von den zehn Basisschulungen die Hälfte stattgefunden. 90 Prozent waren zufrieden bis sehr zufrieden. Nur zwei Prozent sind weniger zufrieden.»
Bislang hat niemand zurückgemeldet, die Kurse unnötig zu finden. Aber: Die Frage, warum sie für alle obligatorisch sind, sei schon aufgekommen.
Schmid begründet den Entscheid unter anderem so: «Weil wir als Katholische Kirche weltweit von dem Thema (Macht-)Missbrauch betroffen sind.»
Die Kirche wolle zudem verhindern, dass es zu weiteren Missbrauchsfällen komme und allen Mitarbeitenden Präventionskenntnisse vermitteln.













