«Auto seit 5 Jahren ungeprüft» – Profis warnen vor mehr Unfällen
Auf Schweizer Strassen fahren viele Autos, die längst zur Prüfung müssten. Ein Extremfall überrascht sogar Experten. Der Garagenverband warnt vor mehr Unfällen.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Berner Autofahrerin staunt: Sie musste mit ihrem alten Auto in 5 Jahren nie zum MFK.
- Schweizweit fahren hunderttausende Autos herum, die längst geprüft werden sollten.
- Der extreme Fall aus Bern erstaunt aber sogar Experten.
- Der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) warnt: Das Risiko für Unfälle wird grösser.
Es sind schwindelerregende Zahlen: Auf Schweizer Strassen kurven 798'619 Fahrzeuge herum, die längst geprüft werden müssten. (Stand 1. Februar)
Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Strassen ASTRA, die Nau.ch vorliegen. 11,7 Prozent der in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein immatrikulierten Fahrzeuge müssten dringend zur MFK. (Termin überfällig)

Es gibt Kantone, die besonders massiv im Rückstand sind. Extrem ist die Situation im Kanton Zürich. 214'155 Fahrzeuge mit Zürcher Nummer fahren herum, die prüfüberfällig sind. Das entspricht mehr als einem Fünftel (21,3 Prozent) aller Fahrzeuge im Kanton.
Noch schlimmer ist es in den Kantonen Glarus (22,5 Prozent, 8'194 Fahrzeuge) und Schaffhausen (22,2 Prozent, 16'961 Fahrzeuge).
Rückstand bei den Nachprüfungen (alle Fahrzeugarten, Stand per 1. Februar 2026)
Glarus – 22.5 Prozent (8'194)
Schaffhausen – 22.2 Prozent (16'961)
Zürich – 21.3 Prozent (214'155)
Aargau – 20.4 Prozent (121'241)
Tessin – 18.4 Prozent (59'282)
Bern – 13.5 Prozent (109'503)
Wallis – 13.3 Prozent (45'634)
Thurgau – 13.1 Prozent (36'618)
Solothurn – 13.1 Prozent (30'876)
Jura – 12.5 Prozent (8'575)
Graubünden – 10.3 Prozent (19'286)
St. Gallen – 8.7 Prozent (37'048)
Luzern – 6.9 Prozent (23'248)
Appenzell Innerrhoden – 5.4 Prozent (1702)
(Zahlen vom ASTRA)
Einer der schweizweit extremsten Fälle kommt aber aus dem Kanton Bern. Nau.ch weiss vom Beispiel der Autofahrerin Sarah K.*
Berner Autofahrerin kauft altes Auto – 5 Jahre kein Prüfaufgebot
Sie erzählt: «Vor fast fünf Jahren kaufte ich mir einen Occasions-Wagen mit Jahrgang 2006. Vom Strassenverkehrsamt Bern habe ich seither nie etwas gehört. Ich musste mein Auto in dieser Zeit nie der MFK vorführen.»
Eigentlich gilt: Die erste Prüfung sollte fünf Jahre nach der ersten Inverkehrsetzung stattfinden, die zweite drei Jahre später. Danach alle zwei Jahre.
Ein 20 Jahre altes Auto auf Schweizer Strassen, das seit fast fünf Jahren nicht mehr geprüft wurde. Wie kann das sein?
Auch Corona ist schuld am MFK-Rückstand
Nachgefragt beim zuständigen Strassenverkehrsamt des Kantons Berns, erklärt Christine Hofstetter: Aktuell betrage die Verzögerung bei Personenwagen im regulären Zweijahresintervall in der Regel rund ein Jahr ab Fälligkeit.
Einerseits wachse der Fahrzeugbestand kontinuierlich, der Ausbau des Prüf-Personals hingegen nicht im gleichen Tempo. Fahrzeuge würden immer älter, was aufgrund kürzerer Prüfintervalle zu einer steigenden Anzahl wiederkehrender Prüfungen führt.
Neue Prüfbedarfe, der Abbau der Rückstände verlangsamt sich: «Verstärkt wurde diese Situation durch den Corona-Lockdown im Frühling 2020, während dem deutlich weniger Fahrzeugprüfungen möglich waren.»
Sogar Garagisten sagen über Fall Sarah: «Das erstaunt sehr»
Dass Rückstände von einem Jahr existieren, das war auch dem Auto Gewerbe Verband Schweiz klar. Doch ein Fall wie jener von Sarah?
«Dass gerade bei einem älteren Auto während fünf Jahren gar kein Prüfaufgebot erscheint, erstaunt sehr», sagt Markus Peter. Er ist Zuständiger für Umwelt und Technik beim AGVS.
«Höheres Risiko» für Unfälle und Pannen
Der Auto-Profi warnt: Dass gewisse Kantone immer mehr in Verzug kommen, führe «zu einem höheren Risiko», dass nicht geprüfte Fahrzeuge wegen technischen Defekten Pannen oder Unfälle erleiden.
Laut ASTRA-Statistik sind offiziell rund ein Prozent der Unfälle auf technische Mängel oder mangelnden Unterhalt zurückzuführen.
Für Peter sind die Zahlen aber mit Vorsicht zu interpretieren.
Bei den meisten Unfällen werde zwar menschliches Versagen als Hauptursache angegeben. «Doch der Einfluss des technischen Zustandes der Fahrzeuge erachten wir als wichtiger, als es auf den ersten Blick auf die Unfallstatistiken erscheint.»

Bei vielen Kollisionsunfällen wäre zum Beispiel die Schwere der Kollision geringer ausgefallen, «wenn Reifen, Bremsen und Stossdämpfer in besserem Zustand gewesen wären.»
Oder: «Ein Unfall wäre gar nicht zustande gekommen, wenn das Licht korrekt eingestellt gewesen und somit der Gegenverkehr nicht geblendet worden wäre.»
Kantons-Unterschiede sind «unfair»
Ausserdem sei die Ungleichbehandlung in den Kantonen schlicht «unfair», so Peter.
«Für private und gewerbliche Fahrzeughalter ist es sehr schwer nachzuvollziehen, weshalb sie in einem Kanton ziemlich fristgerecht ein Prüfaufgebot erhalten, während in einem anderen Kanton Monate oder gar Jahre verstreichen, bis dieselbe Art Fahrzeug aufgeboten wird.»
Diese Schritte sollen den MFK-Stau abbauen
Der Abbau der Rückstände braucht Zeit, sagt Hofstetter vom Strassenverkehrsamt Bern – und unterstreicht: Es wurden Massnahmen eingeleitet, um die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Prüfintervalle sicherzustellen.
Lösungsansätze: Mehr Personal (2025 gab es einen dritten Ausbildungszyklus für angehende Verkehrsexperten); der TCS hilft beim Prüfen aus; Priorisierung: Lastwagen, Cars oder Taxis kommen zuerst dran, bei diesen Fahrzeugarten gibt es keine Rückstände.

Peter fügt an, dass das sogenannte Reparaturbestätigungsverfahren für Entlastung sorgen könnte. Im Gegensatz zu anderen Kantonen gibt es ein solches in Bern (noch) nicht. «Beim RBV können speziell zertifizierte Garagenbetriebe die Beseitigung von Mängeln bestätigen und damit die Anzahl erneuter Fahrten zur MFK reduzieren.»
In der Sommersession wird dazu eine Motion aus der SVP im Grossen Rat behandelt.
Jeder Lenker ist selbst für sein Fahrzeug verantwortlich
Auch das ASTRA forderte die Kantone auf, zu handeln. So sollen etwa Öffnungszeiten erweitert werden. Und Verkehrsexperten sollen sich aufs Prüfen konzentrieren und weniger bei Theorie- und Führerprüfungen mithelfen.
Gleichzeitig unterstreicht man: MFK leisten zwar einen wichtigen Beitrag zur Verkehrssicherheit. Verantwortlich, dass Fahrzeuge den Vorschriften entsprechen, sind aber die Halter selbst.
Prüf-Verzug ist weiter angestiegen
Kurzfristig ist schweizweit noch keine Besserung in Sicht. Im ersten Quartal erhöhte sich die Anzahl Fahrzeuge mit überfälligem Prüfungsdatum auf 803'163. Das zeigen Zahlen der Vereinigung der Strassenverkehrsämter.
Was in diesem Zusammenhang erwähnt werden muss: Im Frühling erhöht sich jeweils die Anzahl an Motorrädern, die geprüft werden müssen. Um niemanden in Gefahr zu bringen, werden Motorräder im Winter nicht aufgeboten.
Auf Schweizer Strassen fahren viele Autos, die längst zur Prüfung müssten. Ein Extremfall überrascht sogar Experten. Der Autoverband warnt vor mehr Unfällen.











