Ärzte ohne Grenzen greifen jetzt zu Zeugen-Jehovas-Methoden
Ein Spendensammler von Ärzte ohne Grenzen will über seine Arbeit informieren. Für manche fühlt sich das fast wie ein Besuch der Zeugen Jehovas an.

Das Wichtigste in Kürze
- Ärzte ohne Grenzen setzt 2026 in der Deutschschweiz mehr Spendensammler ein als im Vorjahr.
- Die Haustürbesuche sind eine etablierte Fundraising-Methode und haben laut Hilfswerk nichts mit den Zeugen Jehovas zu tun.
- Wer kein Interesse hat, darf nicht unter Druck gesetzt werden und kann aufdringliche Spendensammler melden.
Ein Nachmittag in der Stadt Bern. Nau.ch-Leser Michael Keller* will sich gerade ein Sandwich für die Zvieri-Pause schmieren, da klingelt es an der Tür.
«Haben Sie kurz Zeit?», fragt ein Mann auf Hochdeutsch über die Gegensprechanlage. Er sei vom Hilfswerk Ärzte ohne Grenzen. «Gerne möchte ich Ihnen mehr über unsere Arbeit erzählen.»
Keller winkt ab. Doch der Spendensammler klingelt bereits beim Nachbarn. «Das sind ja Zeugen-Jehovas-Methoden», ärgert sich Michael.
Die Religionsgemeinschaft ist für ihre Hausbesuche bekannt. Ihre Mitglieder klingeln an Haustüren, um ihren Glauben zu teilen und Menschen zum Bibelstudium einzuladen. Liess sich die NGO etwa davon inspirieren?
Mehr Fundraiser unterwegs als im Vorjahr
Keller ist mit seinem Bericht nicht allein. Nau.ch weiss von weiteren Klingel-Aktionen von Ärzte ohne Grenzen.
Nau.ch fragt bei Yvonne Eckert nach. Sie ist die Medienverantwortliche von Ärzte ohne Grenzen in der Schweiz. Ihre Antwort zeigt: Die Haustür-Aktionen sind kein neues Phänomen.
Die persönliche Ansprache im öffentlichen Raum sowie an der Haustür seien «seit Jahren etablierte Fundraising-Kanäle von Ärzte ohne Grenzen Schweiz».
Dass die Spendensammler gerade dieses Jahr auffallen, ist allerdings kein Zufall. «In der Deutschschweiz sind 2026 etwas mehr Fundraiserinnen und Fundraiser im Einsatz als im Vorjahr», bestätigt Eckert.
Je nach Region und Jahr könne die Präsenz variieren – abhängig von der Zahl verfügbarer Standorte sowie der Planung.
«Dabei handelt es sich um eine etablierte Form des Fundraisings, die von zahlreichen gemeinnützigen Organisationen eingesetzt wird», erklärt Eckert.
Dabei liess sich Ärzte ohne Grenzen nicht von Religionsgemeinschaften inspirieren. Eckert stellt klar: «Einen Zusammenhang mit den Zeugen Jehovas gibt es nicht.»
Ärzte ohne Grenzen: «Drängen niemanden dazu»
Mit den Haustürbesuchen verfolgt das Hilfswerk ein klares Ziel. Es will Menschen für eine regelmässige Unterstützung gewinnen. Gleichzeitig sollen die Fundraiser über die Einsätze der Organisation informieren.
Eckert erklärt: «Menschen können Fragen stellen, mehr über unsere Arbeit erfahren und selbst entscheiden, ob sie Ärzte ohne Grenzen unterstützen möchten.»
Doch beim Spendensammeln gelten sogar bei den Ärzten Grenzen.
Sowohl bei der Ansprache im öffentlichen Raum als auch bei Besuchen an der Haustüre gelte: «Wir bieten ein Gespräch an, wir drängen niemanden dazu. Wenn jemand kein Interesse oder keine Zeit hat, wird das selbstverständlich respektiert.»
Die Reaktionen seien unterschiedlich. «Insgesamt machen wir jedoch überwiegend positive Erfahrungen.» Die Möglichkeit, direkt mit einer Person zu sprechen und Fragen zu stellen, werde geschätzt.
Die Fundraiser seien zudem darauf geschult, zu respektieren, wenn jemand nicht angesprochen werden will. «Wir möchten informieren und den Dialog ermöglichen – nicht jemanden zu einem Gespräch oder zu einer Spende drängen.»
Wer sich bedrängt fühlt, soll Vorfall melden
Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Stiftung Zewo, kennt die Bedeutung solcher Aktionen. Die Stiftung zertifiziert Hilfswerke, darunter auch Ärzte ohne Grenzen.
Sie erklärt bei Nau.ch: «Haustürsammlungen sind eine Möglichkeit, neue Mitglieder oder regelmässig spendende Personen für eine langfristige Unterstützung zu gewinnen.»

Dass Hilfswerke neue Unterstützende suchen, sei notwendig. «Denn Hilfswerke verlieren jedes Jahr auch Spendende und müssen diese Abgänge ausgleichen, damit sie ihre Arbeit weiterführen können.»
Gleichzeitig brauche es bei Haustürbesuchen besondere Rücksichtnahme. «Wer kein Gespräch wünscht, muss dies ohne Begründung sagen können. Und der Besuch ist dann sofort zu beenden», betont Ziegerer.
Wer unsicher ist, sollte Unterlagen verlangen und sich in Ruhe informieren, bevor er eine Spende tätigt.
Und was tun bei aufdringlichen Spendensammlern? «Wer sich bedrängt fühlt, kann sich beim Hilfswerk oder auch bei der Zewo melden», rät Ziegerer. Am besten mit genauen Angaben zu Ort, Zeitpunkt und Ablauf.
Umfrage zeigt: Haustürbesuche sind «störend»
Generell sei die persönliche Ansprache für Hilfswerke wichtig, um neue Spender zu gewinnen und die Tätigkeit der Organisation zu erklären. Ziegerer räumt allerdings ein, dass die direkte Ansprache nicht bei allen gut ankommt.
«Viele Menschen empfinden die direkte Ansprache auf der Strasse oder an der Haustüre als störender als ein Plakat oder einen Spendenbrief». Das zeige auch eine von der Zewo in Auftrag gegebene Bevölkerungsumfrage.
Deshalb verlange die Stiftung von zertifizierten Hilfswerken bei solchen Aktionen besondere Sensibilität und Zurückhaltung.
Für Ziegerer ist klar, wo die Grenze liegt: «Ein Nein muss genügen.» Niemand dürfe unter Druck gesetzt werden, zu spenden.
Die Hilfswerke müssten ihre Fundraiser entsprechend schulen, Partner sorgfältig auswählen und Beschwerden ernst nehmen und abklären.
*Name von der Redaktion geändert.















