Anwohner wehren sich gegen Bundesasylzentrum in Kreuzlingen TG
Zwei Kreuzlingerinnen sagen, ihre Geduld sei am Ende. Mit einer Petition fordern sie mehr Sicherheit rund um das Bundesasylzentrum.

Das Wichtigste in Kürze
- Zwei Kreuzlingerinnen haben genug von unerwünschten Übernachtungsgästen im Garten.
- Sie fordern mit ihrer Petition eine Neubeurteilung des Bundesasylzentrums (BAZ).
- Bis Ende Oktober werden Unterschriften gesammelt.
«Nachts sind wir aufgewacht von Stimmen im Garten, da lagen mehrere Männer auf unserer Sitzecke im Garten. Einer rief: ‹Asyl, Asyl.› Offensichtlich suchten sie einen Schlafplatz.»
Angela Gomes nippt an ihrem Cappuccino in einem Café am Boulevard. Neben der 38-Jährigen sitzt die 74-Jährige Christa Niederhauser. Beide wohnen am Palmenweg.
Sie erzählen von Erlebnissen, die sich über die vergangenen Jahre eingeprägt haben. «Ein Mann stand kürzlich in unserem Garten, während wir ein Fest feierten. Er sagte, er wolle auch ein Bier», erzählt Angela Gomes.
Erst als ihr Mann ihm deutlich zu verstehen gegeben habe, dass er das Grundstück verlassen müsse, sei er gegangen. Es gebe Zeiten, in denen sie fast wöchentlich die Polizei gerufen hätten. Diese sei jeweils schnell vor Ort gewesen, auch Sicherheitspersonal sei präsent.

«Aber man kann nicht vor jedes Haus und jedes Geschäft Security stellen», sagt Christa Niederhauser. Für Familien werde die Situation zunehmend belastend, sagt Gomes. «Erklär mal einem neunjährigen Kind, warum schon wieder das Polizeiauto vor deinem Haus steht und die Männer in Uniform mit Mami sprechen.»
«Wir haben Angst»
Mittlerweile haben Bewohnerinnen und Bewohner am Palmenweg Kameras installiert. Am 6. August, kurz vor dem Zubettgehen, erhielt Angela Gomes eine Meldung auf ihr Handy. Die Kamera zeigte einen Mann vor ihrer Tür.
Als sie nachschaute, war er verschwunden. Ihr Mann öffnete die Terrassentür und stand dem Mann plötzlich nur wenige Zentimeter gegenüber. «Solche Situationen machen uns Angst.»
Der gleiche Mann unternahm kurz davor einen Einbruchversuch in Christas Haus.
Vorfall, der den Ausschlag gab
Ein Erlebnis brachte für Christa Niederhauser das Fass zum Überlaufen. «Ein Mann aus dem BAZ sass in meinem Auto und machte sich darin zu schaffen. Als ich ihn sah, rannte ich auf ihn zu, und er lief davon.» Sie setzte sich ins Auto, fuhr ihm nach und rief gleichzeitig die Polizei.
«Das war völlig unüberlegt. Ich konnte nicht wissen, wie der Mann reagiert. Es war gefährlich. Aber mittlerweile bin ich so verzweifelt, dass ich so etwas mache.»
Nach ihren Angaben wurde der Mann an diesem Abend verhaftet. Die Kantonspolizei konnte ihm verschiedene Delikte nachweisen. Gomes beschreibt ein Gefühl ständiger Wachsamkeit.
Vor allem am Abend seien im Quartier immer wieder Bewohner des Bundesasylzentrums unterwegs. Den beiden Frauen ist wichtig zu betonen, dass nur ein kleiner Teil negativ auffällt.

Gomes vermutet bei manchen Frust und Perspektivlosigkeit: «Sie haben nichts mehr zu verlieren, sind wütend und verzweifelt.» Das Verständnis für Diebstähle oder das Betreten fremder Grundstücke habe sie deswegen aber keines.
Dauerthema im Gemeinderat
Innert drei Tagen sammelte ihre Petition mehr als 300 Unterschriften. «Das zeigt uns, dass es nicht nur uns so geht.» Niederhauser lebt seit 40 Jahren in ihrem Haus, Gomes mit ihrer Familie im ehemaligen Haus ihrer Grossmutter.
Beide hängen an ihrem zu Hause. Und trotzdem sagt Gomes: «Es gibt Momente, in denen wir uns überlegen, wegzuziehen.» Stadtpräsident Thomas Niederberger erfuhr über Facebook von der laufenden Petition.
Dass die Initiantinnen die Stadt vorgängig nicht informiert hatten, sieht er nicht als Affront. «Eine Petition ist die einfachste Form, eine Eingabe zu machen.»
Neu ist die Diskussion für die Stadt ohnehin nicht. Bereits 2024 verlangte Gemeinderat Georg Schulthess mit einer Motion die Schliessung des Bundesasylzentrums.
Der Stadtrat lehnte das Anliegen ab und verwies unter anderem darauf, dass Grundstück und Gebäude dem Bund gehören. Im November 2024 folgte der Gemeinderat dieser Haltung deutlich: Die Motion wurde mit 34 Nein-Stimmen bei einer Ja-Stimme und einer Enthaltung für nicht erheblich erklärt.
Für Gomes und Niedermann wäre eine Verlegung des Zentrums der Optimalfall. Gleichzeitig ist ihnen bewusst, dass damit Probleme möglicherweise an einen anderen Ort verschoben würden.
Kreuzlingens Spielraum ist klein
Den grossen Hebel hat die Stadt ohnehin nicht. Das Asylwesen sei eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Kantonen und Gemeinden, sagt Niederberger.
«Alle müssen dazu etwas beitragen.» Das BAZ bringt Kreuzlingen zudem nicht nur Belastungen. Für den Standort erhält die Stadt eine Gutschrift beim kantonalen Verteilschlüssel.
Im Jahresbericht 2025 sind 47 Personen angerechnet. Ohne Bundesasylzentrum müssten entsprechend mehr Asylsuchende selbst unterbringen und betreuen.
Bereits am 16. März sass der Stadtrat deshalb mit SEM-Vizedirektor Marcel Suter, Regierungsrätin Ruth Faller Graf, Polizeikommandant Jürg Zingg sowie Vertretern des kantonalen Migrations- und Sozialamts am Tisch. Niederbergers Bilanz danach fiel ernüchternd aus: Der Handlungsspielraum auf lokaler Ebene sei «recht klein».
Hoffnungsfunke
Ein Ansatz des Bundes könnte längerfristig dennoch Bewegung bringen. Das Staatssekretariat für Migration plant ein neues Unterbringungskonzept für besonders auffällige erwachsene Männer.
Personen, die den Betrieb eines Bundesasylzentrums stark beeinträchtigen oder auch ausserhalb negativ auffallen, sollen innerhalb des jeweiligen Zentrums in einem separaten Bereich mit angepasstem Sicherheitsdispositiv untergebracht werden.
Ursprünglich sollte der sechsmonatige Pilotversuch ab Sommer 2026 in Pasture bei Balerna-Novazzano im Tessin und in Flumenthal im Kanton Solothurn starten. Der Start verzögert sich Recherchen zufolge allerdings.
Das Projekt in Pasture ist derzeit sistiert, auch in Flumenthal ist die konkrete Umsetzung nach Widerstand aus der Gemeinde noch offen. Bewährt sich das Konzept, will das SEM es grundsätzlich auf weitere Bundesasylzentren ausweiten.
Dafür wären jedoch bauliche Anpassungen nötig. Beim Gespräch in Kreuzlingen stellte SEM-Vizedirektor Suter klar, dass eine breitere Umsetzung Jahre dauern könnte.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.












