ADHS-Medikamente werden seit 2020 fast doppelt so oft verschrieben
Die Verschreibungen von ADHS-Medikamenten steigen rasant – auch bei Kindern. Ein Experte warnt vor falschem schulischen Druck und übertriebener Diagnostik.

Das Wichtigste in Kürze
- ADHS-Medikamenten-Verschreibungen haben sich in der Schweiz seit 2020 fast verdoppelt.
- Die Schweiz reiht sich damit in die Entwicklung anderer europäischer Länder ein.
- Fachleute warnen vor Schul-Druck auf Eltern und möglicher Überversorgung.
Die Verschreibungen von ADHS-Medikamenten in der Schweiz steigen weiter stark an. Laut aktuellen Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) wurden 2024 erneut 20 Prozent mehr entsprechende Präparate verschrieben. Dies berichtet der «Tagesanzeiger».
Es ist ein Trend, der seit 2021 anhält. Im Vergleich zu 2020 hat sich die Zahl der Verschreibungen fast verdoppelt (plus 90 Prozent).
Anstieg betrifft alle Altersgruppen und Regionen
Am häufigsten kommen Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat (beispielsweise Ritalin) zum Einsatz. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen und beide Geschlechter gleichermassen.
Auch bei Buben, die ohnehin am häufigsten ADHS-Medikamente erhalten, ist die Zunahme ähnlich hoch wie bei anderen Gruppen.
Das stellt die These in Frage: Der Anstieg sei primär auf eine zuvor unzureichende Versorgung von Mädchen und Erwachsenen zurückzuführen.
Die Entwicklung ist kein vorübergehender Effekt der Coronapandemie. Auch in Kantonen mit bereits hohen Behandlungsraten wie Neuenburg steigen die Verschreibungen weiter. Bei Erwachsenen liegen Basel-Stadt, Zürich und Zug vorne.
Geschätzt erhalten heute etwa 4 Prozent der Schulkinder ADHS-Medikamente. Bei Buben in der Altersgruppe 11–15 Jahre sind es vermutlich rund 11 Prozent.
International reiht sich die Schweiz mit ihrem starken Anstieg in die Entwicklung anderer europäischer Länder ein. Besonders auffällig ist Grossbritannien mit einer Verdreifachung der Verschreibungen seit 2010, während die Niederlanden durch ihre generell hohen Zahlen herausstechen.
Kinderarzt warnt vor schulischem Druck
Die Fachwelt ist gespalten in der Bewertung des Trends. Einige sehen darin ein Aufholen bei bisher unterversorgten Gruppen. Andere sehen die Entwicklung kritischer.
Michael von Rhein, leitender Arzt für Entwicklungspädiatrie am Universitäts-Kinderspital Zürich, warnt gegenüber der Zeitung vor einer problematischen Entwicklung: «Die Zunahme findet in einem Ausmass statt, das mir teilweise tatsächlich Sorgen macht.»
Besonders kritisch sieht er den zunehmenden Druck von Schulen auf Eltern, ihre Kinder abklären zu lassen. «Das ist ganz klar eine Fehlentwicklung.»
















