14-Jähriger will an Schnuppertag – und kassiert harte Absage
Ein Sekschüler will bei einer Versicherung schnuppern gehen und bekommt eine Absage. Sein Vater traut seinen Augen kaum, als er die Begründung liest.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein 14-Jähriger hat sich für einen Schnuppertag der SVA Zürich beworben.
- Er bekommt jedoch eine trockene Absage.
- «Man kann von Jugendlichen nicht Perfektion verlangen», kritisiert sein Vater.
Der Sekschüler steckt mitten in der Berufs- und Orientierungsphase. Um eine passende Lehre zu finden, schnuppert er in einigen Betrieben. Eine KV-Lehre bei einer Versicherung könnte sich der 14-Jährige gut vorstellen. Bei der Sozialversicherungsanstalt SVA Zürich bewirbt er sich für einen Schnuppertag.
Als die Absage für den Schnuppertag kommt, traut Papi Marvin C. seinen Augen nicht.
«Für unsere Schnuppertage haben wir uns für Bewerberinnen und Bewerber entschieden, welche unseren Anforderungen besser entsprechen.» Dies teilt die SVA Zürich dem Sekschüler mit.
Vater: «Was ist das für ein Signal?»
C. betont, nicht die Unternehmung kritisieren zu wollen. Es gehe ihm lediglich um die Formulierung.
«Was ist das für ein Signal, wenn man schon am Anfang der Berufswahl eine solche Absage bekommt?», sagt C. Das gewählte Wording «welche unseren Anforderungen besser entsprechen» sei für einen Jugendlichen nicht passend.
C. weiss, wovon er spricht: Selbst ist er als Berufsberater tätig.
«Ich weiss, wie ein gutes Bewerbungsdossier aussieht», sagt er. Seinen Sohn habe er bei der Bewerbung unterstützt. «Auch hat er in den Hauptfächern alles Fünfen und Fünfeinhalber.»
In der Folge hakte C. bei der SVA nach.
Es gehe lediglich um einen Schnuppertag
«Aus Sicht der Unternehmung war der Bezug zur Firma zu wenig überzeugend», sagt C.
Seiner Meinung nach sei die Motivation seines Sohnes für den Schnuppertag aber genügend herausgekommen. «Dass er gerne hinter die Kulissen einer Versicherung schauen würde, müsste für einen Schnuppertag reichen.» Schliesslich gehe es nicht um eine Arbeitsstelle, sondern lediglich um einen Schnuppertag.
Offenbar werde heute zum Teil erwartet, dass 14-Jährige vorgängig ein ganzes Firmenportfolio auseinandernähmen, vermutet C. «Und für einen Schnuppertag so gut über eine Firma informiert sind wie gestandene Berufsleute.» Absagen gehörten dazu. «Aber man kann von Jugendlichen nicht Perfektion verlangen.»
Ablauf eines Schnuppertags
Die SVA Zürich führt pro Jahr 18 Schnuppernachmittage für die KV-Lehrer durch. Jeweils zehn Personen können am rund vierstündigen Nachmittag teilnehmen.
Zuerst präsentiert das Berufsbildungsteam den Teilnehmenden ein paar Fakten und Zahlen. Danach folgt ein Rundgang durch die SVA Zürich. Dort lernen sie die Räumlichkeiten kennen, sehen die Mitarbeitenden und erleben die Unternehmenskultur.
Danach können die Jugendlichen den Mitarbeitenden über die Schultern schauen. Die Pause dazwischen verbringen sie zusammen mit Lernenden. Zum Schluss erhalten die Teilnehmenden Informationen zur KV-Lehre und es gibt eine Fragerunde.
Nachfrage übersteigt Angebot
«Die Nachfrage ist grösser als das Angebot», sagt Daniela Aloisi, Mediensprecherin der SVA Zürich, auf Anfrage.
Die Kriterien für Schnuppertage hätten sie aber nicht verschärft. Mit der Einführung der Branche «Kranken- und Sozialversicherungen» sei die KV-Lehre bei der SVA Zürich attraktiver geworden. «Wir erhalten mehr Anmeldungen, als wir Schnupperplätze haben.»

Bei der Anmeldung für den Schnuppertag geht es laut Aloisi nicht um die Identifikation mit dem Unternehmen. Es gehe vielmehr um das Interesse an der KV-Lehre und um die Motivation der Jugendlichen. «Was ist der Grund, dass jemand bei der SVA Zürich reinschnuppern möchte?», sagt Aloisi.
Mit den Anmeldungsunterlagen und dem persönlichen Begleitschreiben gewinnt die SVA einen ersten Eindruck. «Es hilft beim Entscheid, wen wir zum Schnuppertag einladen.»
«Es ist demotivierend»
Die Mediensprecherin empfiehlt, nachzufragen, wenn jemand eine Absage nicht nachvollziehen könne.
Häufig liege es an den Schulnoten, wenn sie Interessierte nicht berücksichtigen könnten, sagt Daniela Aloisi. Und sie beurteilten den Gesamteindruck der Bewerbung. «Es muss spürbar sein, dass die oder der Jugendliche wirklich Interesse an der KV-Lehre hat und sich damit auseinandergesetzt hat.»
Marvin C. hat den Fall auf der Plattform LinkedIn geschildert. User fühlen mit.

Sie finde die Reaktion des Vaters völlig verständlich, kommentiert eine Userin. «Wenn sein Kind bereits bei einer einfachen Schnupperlehre abgelehnt wird.» Eine Schnupperlehre sollte dafür da sein, um auszuprobieren, erste Erfahrungen zu sammeln und unverbindlich Einblicke zu bekommen. «Wenn bereits dieser niedrigschwellige Schritt zur Hürde wird, wie gestaltet sich denn die Suche nach einer Lehrstelle?»
Eine weitere Userin teilt die Meinung. «Es ist demotivierend, bei einem Schnuppertag dieses Wording zu verwenden.» Hier müssten die Eltern einordnen. «Besser wäre, wenn der Betrieb sorgfältig, einfühlsam und ehrlich kommunizieren würde.»
«Hürden werden immer grösser»
Der Vater macht ähnliche Erfahrungen als Berufsberater.
«Ich stelle fest, dass die Hürden bei der Berufswahl immer grösser werden», sagt er. Firmen verlangten für Schnupperlehren in beliebten Büro-Jobs wie KV, Informatiker oder Mediamatiker teilweise vollständige Bewerbungsdossiers mit Eignungsabklärungen. «Abklärungen, die 13- oder 14-Jährige schlicht nicht leisten können.»
Als Beispiel erwähnt er, dass Firmen zum Teil implizit auch schon Stellwerktests verlangten. Die Eignungstests im Rahmen der Berufswahl führen Schulen meist jedoch erst im Frühling der zweiten Sek durch.
Unternehmen stünden vor Herausforderungen
Müssen Jugendliche tatsächlich für strenge Auswahlverfahren gerüstet sein, wollen sie in einem Betrieb schnuppern gehen?
Der Schweizerische Arbeitgeberverband unterscheidet zwischen zwei Arten von Schnuppern. Schnuppertage dienen der beruflichen Orientierung und sollen Jugendlichen möglichst niederschwellig einen realistischen Einblick in einen Beruf ermöglichen. «Für diese Form des Schnupperns sind möglichst tiefe Hürden sinnvoll, damit Jugendliche verschiedene Berufe kennenlernen können», sagt Julia Heuberger. Sie ist Mediensprecherin des Schweizerischen Arbeitgeberverbands.
Dies unterscheidet sich vom sogenannten Bewerbungsschnuppern. Laut Heuberger ist dieses Teil des Selektionsprozesses. «Die Eignung und die Passung zwischen dem Jugendlichen und dem Betrieb stehen stärker im Vordergrund.»
«Wir begrüssen es grundsätzlich, wenn Jugendliche möglichst viel Schnuppererfahrungen sammeln können», sagt Heuberger. Gleichzeitig stünden Unternehmen vor organisatorischen und personellen Herausforderungen und könnten nicht unbegrenzt Schnupperplätze anbieten. «Was eine gewisse Selektion erforderlich macht.»
*Name von der Redaktion geändert.













