Viel Neues im Schützenmuseum: Direktorin Karlen gibt Einblicke
«Gut in Schuss»: Die 85-jährige Dauerausstellung des Schweizer Schützenmuseums in Bern erstrahlt neu – Museums-Direktorin Franziska Karlen gibt Einblicke.

Mit «Gut in Schuss» wurde die 85-jährige Dauerausstellung des Schweizer Schützenmuseums in Bern für 1,1 Millionen Franken erstmals komplett erneuert und im November 2025 feierlich eröffnet.
Mit Franziska Karlen leitet bereits die dritte Frau ein Museum, das sonst eher eine Männerdomäne ist – oder doch nicht?
BärnerBär: Franziska Karlen, welchen Bezug haben Sie zum Schiesswesen?
Franziska Karlen: Bevor ich die Leitung des Schützenmuseums übernahm, hatte ich keine Berührung mit dem Schiesswesen. Zuerst dachte ich, dass es wenig mit mir zu tun hätte, bemerkte aber bald, dass ich selbst oft die bekannten Redewendungen wie «ins Schwarze treffen», «Glückstreffer», «ein Ziel vor Augen haben», «einen Bock schiessen» und so weiter verwende.

So wurde mir klar, dass auch Menschen, die vermeintlich wenig mit dem Schiesswesen gemeinsam haben, doch unbewusst «mittendrin» sind. Man muss also selbst nicht unbedingt Sportschütze oder Sportschützin sein.
BärnerBär: Wie haben Sie sich auf die neue Aufgabe und insbesondere für die «Branche» Schiesssport vorbereitet?
Karlen: Die Stelle war ausgeschrieben, und ich habe mich auf dem üblichen Weg beworben. Während des Bewerbungsprozesses übte ich mich hier im Museum im Schiessen mit dem Luftgewehr.
Da habe ich verstanden, weshalb viele Leute Freude am Schiessen haben: Es erfordert volle Konzentration, man blendet alles aus, ist bei sich, ohne Stress und Hektik.
Ich habe mich danach intensiv eingelesen ins Schiesswesen in der Schweiz, über seine kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung. Es geht letztlich um allgemeine Schweizer Geschichte.
BärnerBär: Wie wurden Sie als Frau in einem nach wie vor mehrheitlich von Männern dominierten Umfeld aufgenommen?
Karlen: Sehr offen und aufgeschlossen. Viele Leute haben Stereotype im Kopf, wenn es ums Schiesswesen geht. Ich stosse gerade in wertkonservativen Kreisen auf viel Toleranz und Anerkennung. Beim Schiessen findet man sich jedoch rasch in einer politischen Dimension.
Im Schützenmuseum verrichten wir aber Kulturarbeit und versuchen, eine Vielstimmigkeit in der Erzählung abzubilden. Schützinnen und Schützen bilden eine sehr heterogene Gruppe, sind inklusiv, indem auch Menschen mit Beeinträchtigungen Zugang zum Schiesssport finden.
BärnerBär: Sie sprechen nun von Toleranz und Akzeptanz. Gibt es auch Widerstände?
Karlen: Ganz ehrlich: Nein. Ich musste bisher mit keinen Widerständen kämpfen. Ich bin nun bereits die dritte Frau, welche das Museum leitet. Eine solche «Frauenquote» kenne ich von keinem anderen Museum im Museumsquartier von Bern!
BärnerBär: Das Museum wurde 1939, im ersten Kriegsjahr, eröffnet und die Dauerausstellung wurde nie vollständig neu gestaltet. Was gab den Anstoss zur kompletten Erneuerung?
Karlen: Der Schweizer Schiesssportverband durfte 2024 das 200-Jahr-Jubiläum feiern. Das war der Moment, wo man sich überlegte, die 85-jährige Dauerausstellung neu aufzugleisen.
Der Stiftungsrat und meine Vorgängerin haben die ersten Weichen gestellt und ich durfte das Konzept nun erarbeiten und umsetzen.
BärnerBär: War das unter anderem ein Grund, weshalb Sie sich für diese Stelle interessierten?
Karlen: Ja, ich sah es als grosse Chance, eine neue Dauerausstellung auf die Beine zu stellen. Ich befasste mich im Historischen Museum mit zahlreichen Ausstellungen, aber es waren stets zeitlich begrenzte Wechselausstellungen.
Man geht bei einer Dauerausstellung anders an ein Projekt heran – es ist dauerhaft. Eine Botschaft soll über mehrere Jahre Gültigkeit behalten. Wann erhält man in Bern schon die Chance, ein Kulturhaus zu übernehmen?
Das Gebäude wurde 1939, im ersten Jahr des Zweiten Weltkrieges, im Heimatstil erbaut, es hat eine Riesenqualität. Das Budget für die Neuausrichtung der Dauerausstellung war nicht üppig, aber das war für mich die besondere Herausforderung, die beschränkten Mittel optimal einzusetzen. Das Museum war früher wie eine Wunderkammer, jedoch mit wenig Erzählung.
BärnerBär: Das Schützenmuseum galt als verstaubt, war nicht interaktiv, war waffenlastig. Gibt es Exponate, die nun verschwunden sind oder werden die gleichen Ausstellungsstücke einfach anders präsentiert?
Karlen: Es wird nun mit weniger Objekten mehr erzählt. Ich hörte das Argument der «Verstaubtheit» oft, aber ich würde entgegnen: «Das Museum war einfach in die Jahre gekommen».

Nach 85 Jahren fällt es unweigerlich einmal aus der Zeit. Jahrzehntelang war nur ein Verwalter mit wenig finanziellen Mitteln für das Museum verantwortlich, es waren folglich keine grösseren Veränderungen machbar.
Das Museum erzählte jedoch mit vielen Waffen relativ wenig. Schon im Treppenhaus stiess man auf viele unkommentierte Waffen. Mein Ziel war, dass die Besuchenden bereits beim Betreten des Gebäudes auf Menschen treffen.
Das haben wir mit entsprechender Bildinstallation verwirklicht. Der Schiesssport hat eine lange Tradition, und zwar bis heute, mit jungen, ambitionierten Menschen.
Heute stellen wir weniger Exponate in den Vitrinen aus, dafür sind sie in Erzählungen eingebunden, haben einen Kontext. Anhand der Schützenkultur erzählen wir Schweizer Geschichte.
BärnerBär: Das «alte» Museum zählte in den vergangenen Jahren etwa 6000 Besuchende pro Jahr. Welche Besucherzahl streben Sie 2026 an?
Karlen: Wir haben das Haus mit der neuen Dauerausstellung zukunftsfähig gemacht und die Eröffnung im November 2025 stiess auf sehr grosses mediales Interesse. Ich wünschte mir mindestens 25 Prozent mehr Besucherinnen und Besucher im laufenden Jahr.
BärnerBär: Andere Museen haben die Museumspädagogik in den letzten Jahren stark gefördert und damit auch Schulklassen in ihre Häuser gebracht. Wie sieht es diesbezüglich im Schützenmuseum aus?
Karlen: Wir haben es geschafft, mit unserer neuen Mitmachspur ein Familienpublikum anzusprechen. Bei dieser Mitmachspur können sich die Gäste aktiv betätigen, aber analog.

Sie können eine Medaille prägen, mit der Armbrust schiessen, eine Schiessjacke anziehen. Die Vermittlung unserer Botschaften basiert auf Texten und Videostationen.
2026 werden wir für Schulklassen didaktische Unterlagen ausarbeiten, die wir den Lehrpersonen zur Verfügung stellen. Unsere Exponate erzählen viel zum Thema «Demokratie und Bundesstaat».
BärnerBär: Welche Exponate bezeichnen Sie als Highlight im Museum?
Karlen: Es ist zweifellos zurzeit die Sportbekleidung der Olympiasiegerin von 2024 in Paris, Chiara Leone. Darin stecken ihr Schweiss, ihre Tränen und ihr Glücksgefühl.
BärnerBär: In welcher Form arbeiten Sie mit anderen Museen im Museumsquartier zusammen?
Karlen: Es gab schon vor meiner Zeit gemeinsame Veranstaltungen, Leihverkehr mit anderen Museen, gemeinsame Führungen. Ich habe auch Kontakt zur gemeinsamen Marketing- oder Betriebstechnikergruppe.
Wir bewegen uns in gutem und engem Austausch. Zudem wurde nun die städtebauliche Studie lanciert, wie der Aussenraum zwischen den Museen gestaltet werden könnte.
BärnerBär: Die Bezeichnung «Schützenmuseum» wird stark mit «schiessenden Männern» assoziiert. Ist eine Umbenennung in «Schiesssportmuseum» denkbar, um das Schiessen als Sport hervorzuheben?
Karlen: Wir haben uns diese Frage im Zusammenhang mit der neuen Dauerausstellung auch überlegt. Es ist ein Museum für Schiesssport und Schützenkultur – ein zu langer Name!
Wir kamen zum Schluss, dass es nach wie vor das Schweizer Schützenmuseum ist und wir diese Bezeichnung vorderhand beibehalten werden, jedoch mit der Zusatz-Wortmarke «Sport und Geschichte».
BärnerBär: Welches sind Ihre nächsten Projekte?
Karlen: Zurzeit sind wir schon mit der Organisation der Museumsnacht am 20. März 2026 beschäftigt. Die Kinder können Armbrust schiessen, die Erwachsenen schiessen mit dem Luftgewehr.
Weiter gibt es – wie gehabt – Weisswürste, die eine lange, aber beliebte Tradition haben. Wir dürfen stolz sein, was wir nun geschaffen haben!
Persönlich
Franziska Karlen wurde 1975 geboren und wuchs in Bern auf. Sie schloss das Studium in Gesellschafts- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Kommunikations- und Medienwissenschaften und Religionswissenschaften an der Uni Fribourg und Kunstgeschichte an der Uni Bern ab.
Danach arbeitete sie in einer Zürcher Werbeagentur und betreute während eines Jahres Projekte am Institut für Innenarchitektur und Szenografie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Von 2013 bis 2022 war sie Leiterin Ausstellungen im Bernischen Historischen Museum.
Seit September 2022 ist sie Direktorin des Schweizer Schützenmuseums in Bern. Franziska Karlen hat einen Sohn und lebt im Breitenrain in Bern. Als ihre Hobbys bezeichnet sie Kultur, Literatur, Musik und Kochen.







