Sattlerei-Chef: Wird immer schwieriger, Leder zu erhalten

Peter Widmer
Peter Widmer

Unteres Emmental,

In der BärnerBär-Serie «Gelebtes Brauchtum» zeigt die Sattlerei Blaser in Wasen, wie traditionelles Sattlerhandwerk seit 36 Jahren gelebt wird.

Sattlerei Blaser GmbH
Das Familienunternehmen Sattlerei Blaser GmbH. - Daniel Zaugg

Seit 36 Jahren wird in der Sattlerei Blaser GmbH im emmentalischen Wasen beraten, gezeichnet, gestickt, geschnitzt, genäht und repariert. Im neunköpfigen Familienunternehmen, das von Hansruedi Blaser gegründet wurde, arbeiten seine Frau und alle drei Töchter in unterschiedlichen Funktionen mit.

Der Schritt in die Selbstständigkeit war eigentlich nicht geplant, verrät uns Hansruedi Blaser. Der gelernte Sattler-Tapezierer besuchte nach seiner Lehre noch die Handelsschule und beabsichtigte, die höhere Fachprüfung zum eidgenössisch diplomierten Meister Leder und Textil zu absolvieren.

Am 1. Januar 1990 trat er eine Stelle in einer Sattlerei an, die er nach der Probezeit von drei Monaten jedoch wieder verliess, weil der Betrieb umstrukturiert wurde und es mit dessen Finanzen nicht zum Besten stand.

Gerade hatte Hansruedi Blaser in Wasen ein Eigenheim erworben und eine Anstellung als Sattler-Tapezier war nicht in Sicht. «So blieb mir nichts anderes übrig, als selbst anzufangen», blickt er zurück.

Hansruedi Blaser stopft einen Kummet.
Hansruedi Blaser stopft einen Kummet. - Daniel Zaugg

Befreundete «Rösseler» der Umgebung glaubten an den tüchtigen jungen Berufsmann und ermunterten ihn zur Selbstständigkeit. Am 1. April 1990 war es dann so weit und Hansruedi Blaser gründete seine eigene Sattlerei, «ohne Businessplan, in einem 20 Quadratmeter kleinen Raum», wie er lachend hinzufügt.

Er machte aus der Not eine Tugend, die sich bis heute wacker gehalten hat. «Die geplante Meisterprüfung musste ich allerdings aus zeitlichen und finanziellen Gründen an den Nagel hängen», schmunzelt er.

Viel Handarbeit für Kummete

Etwa ein Drittel aller Aufträge in der Sattlerei Blaser entfallen auf Pferdegeschirre, ein Drittel auf Riemen für Glocken und Treicheln und ein weiteres Drittel auf Hosengürtel, Taschen, Etuis usw. aus der Eigenproduktion Sättu.ch, auf Reparaturarbeiten sowie Handelsware im Shop.

«Wir produzieren Pferdegeschirr für gewerbliche Fahrer, jedoch keine Sättel für den Reitsport», räumt Hansruedi Blaser ein. So sind denn Kutschenbetriebe in den Schweizer Tourismusorten regelmässige Abnehmer der Blaserschen Kummete.

Bei einem Pferdegeschirr gehe man von einer Lebensdauer von 50 bis 70 Jahren aus, weiss Hansruedi Blaser zu berichten.

Gattin Ruth bestickt das Lederband einer Treichel.
Gattin Ruth bestickt das Lederband einer Treichel. - Daniel Zaugg

Die Herstellung von Kummete ist recht komplex und enthält mehrere Arbeitsgänge. Für Kummete werden in der Sattlerei Blaser erstklassige Rindsleder aus vegetabiler Gerbung verwendet.

Die Häute müssen in einem fehlerfreien Zustand ohne Narbenbildung sein. Das Leder wird während der Bearbeitung mehrfach einem sehr grossen Druck ausgesetzt, was zum Aufreissen alter Narben und Risse führen kann.

Die zugeschnittenen Lederteile werden von Hand zusammengenäht und die Hülle anschliessend gewendet. Das Leibleder wird dann mit einer Ledernaht in zwei Kammern unterteilt und zum Füllen vorbereitet.

Die Kummetleibe werden in sorgfältiger Handarbeit mit Roggenstroh und Schweifhaaren gefüllt. Der prall gefüllte Leib wird anschliessend in Form geklopft und zum Trocknen auf den Stock gebracht. Nach dem Nachfüllen und Vernähen der Leibspitze ist der Kummet für die Anprobe beim Pferd bereit.

Tochter Angela Blaser, die sich um Pferdegeschirre, das Lasergerät und die Arbeitseinteilung der Mitarbeitenden kümmert.
Tochter Angela Blaser, die sich um Pferdegeschirre, das Lasergerät und die Arbeitseinteilung der Mitarbeitenden kümmert. - Daniel Zaugg

Neue Kummete werden erst nach der Anprobe am Pferd nach Wunsch des Kunden fertiggestellt.

Hauptsächlich Rindsleder

Es werde immer schwieriger, Leder zu erhalten, bedauert Hansruedi Blaser. Sattlereien seien im Ledermarkt mit bloss etwa fünf Prozent des Umsatzes kleine Player.

«Die Möbel-, Bekleidungs- und Autoindustrie sind da bedeutendere Abnehmer. Wir benötigen für ein Pferdegeschirr etwa 2,5 Quadratmeter – das entspricht nicht einmal einer ganzen Kuhhaut!», schildert Hansruedi Blaser.

Um ein Auto oder eine Polstergruppe auszustatten, benötige man etwa zehn bis zwölf Kuhhäute. Vor allem Gerbereien, die schweres Leder behandelten, seien selten geworden.

Reitest du gern?

Und gerade um schweres Leder handelt es sich bei der Sattlerei Blaser hauptsächlich: Sie benötigt zu 95 Prozent festes, dickes Rindsleder für Glockenriemen. Dieses kauft Blaser bei Schweizer Lederhändlern, welche die Häute aus Deutschland, England, Italien und Spanien beziehen.

Feinleder wie Ziegen-, Kalbs- und Straussenleder erhält die Sattlerei aus Gerbereien in Huttwil und Steffisburg. «Die Lederqualität ist nicht mehr so gut wie vor etwa hundert Jahren», bemängelt Hansruedi Blaser.

«Die Haut hat für den Tierhalter keinen materiellen Wert, damit verdient er kein Geld. Wenn das Tier geschlachtet wird, ist die Haut bloss ein Teil des Schlachtkörpers.»

Mit Pferden aufgewachsen

Es sei schwierig, Fachkräfte zu finden, sagt Hansruedi Blaser. Der Grossteil der Sattlereien in der Schweiz habe sich auf Pferdesport spezialisiert. «Wenn ich jemanden aus der Fachrichtung Reitsport anstelle, versteht er oder sie vorerst nur gerade mal ‹Bahnhof›!», erzählt der Firmeninhaber.

Der Beruf mit der Fachrichtung Pferdesport sei mehrheitlich ein Frauenberuf geworden. «Wer ‹rösselet› als Kind?», fragt Hansruedi Blaser. «Es sind vor allem Mädchen, die sich für Pferde interessieren.»

Bei der Fachrichtung Fahrzeuge und Technik meldeten sich naturgemäss mehr Knaben. Klischees? «Ja, aber sie stimmen offensichtlich», stellt Hansruedi Blaser realistisch fest.

Schnitzerei auf einem Glockenriemen.
Schnitzerei auf einem Glockenriemen. - Daniel Zaugg

Zurzeit beschäftigt die Sattlerei Blaser eine Lernende im ersten Lehrjahr, Livia Bucher. Bei unserem Besuch ist sie am Einnähen geschnitzter Hosengürtel, von Hand. «Hier nähe ich die Schnalle ein», erklärt sie.

«Es gibt auf der ganzen Welt noch keine Maschine, die das kann», ergänzt Berufsbildner Blaser. «Eine schöne Handnaht ist klassisches Sattlerhandwerk: Aus einem Stück Leder den Gurt zuschneiden, danach die Kanten brechen, diese verputzen, damit sie schön fein sind, vorstechen, einkappen, heften», sagt er stolz.

Livia Bucher liebt Traditionen; schon ihr Grossvater hatte Pferde, erzählt die Pferdeliebhaberin. Somit sind wir wieder bei den Pferden. Hansruedi Blaser wuchs mit Pferden auf, sein Vater war als «Karrer» auf einem Bauernhof angestellt, «wie zu Gotthelfs Zeiten», fügt Sohnemann Hansruedi hinzu.

«Pferde gehörten täglich zu meinem Umfeld – wie bei den Jungen heute das Handy», vergleicht er.

Ein Mehrspänner wäre schön

Die Kundschaft der Sattlerei Blaser stammt aus der ganzen Schweiz: Kutschenbetriebe für Pferdegeschirr, Landwirte für das Weidegeläut. Bei den gestickten und geschnitzten Glockenriemen sind es Firmen, welche über die Website blaser-sattlerei.ch auf den Betrieb in Wasen i. E. aufmerksam werden.

Nach dem kniffligsten Auftrag befragt, überlegt Hansruedi Blaser kurz: «Wir durften für die Armee einen Bastsattel entwickeln, das war sehr herausfordernd. Aber auch wenn ein Tier Probleme hat und wir beispielsweise einen entsprechenden Knieschoner herstellen können, ist das auch nicht Routine.»

Besonders stolz ist Hansruedi Blaser, wenn ein Kunde ein altes Pferdegeschirr wieder «aufmöbeln» lassen will und «wir es wieder ‹zwägmachen› können, damit es wie neu aussieht. Wenn wir dem Kunden einen schön hergerichteten Kummet zurückgeben können, mit glänzenden Schnallen, dann glänzen auch seine und unsere Augen!», begeistert sich der Fachmann.

Hat Hansruedi Blaser einen Auftragswunsch, den er erfüllen möchte? «Ja, zum Beispiel einen Vierspänner ausrüsten zu dürfen, das wäre schon das höchste der Gefühle!»

Dafür müsste der Kunde etwa mit 40’000 Franken rechnen, denn an einem Geschirr arbeitet die Sattlerei Blaser während etwa 80 bis 100 Stunden, was für den Kunden mit 7000 bis 8000 Franken zu Buche schlägt – alles zu hundert Prozent handgenäht.

Nachfolge gesichert

Gattin Ruth und die drei Töchter arbeiten heute alle im Betrieb. Ruth Blaser, gelernte Pflegefachfrau, zeichnet und überträgt ihre Kreationen stickend auf die Lederriemen. Die Spezialität von Tochter Angela, der gelernten Staudengärtnerin EFZ, liegt bei den Pferdegeschirren, aber auch in der Bedienung des Lasergerätes.

Zudem ist sie zuständig für die Arbeitseinteilung der Mitarbeitenden. Als Zweitausbildung absolvierte sie die dreijährige Lehre zur Fachfrau Leder und Textil EFZ. Susanne, gelernte Restaurantfachfrau EFZ, bildete sich zur Betriebswirtschafterin HF weiter und «schmeisst» die Administration der Sattlerei Blaser GmbH.

INFO

Sattlerei Blaser GmbH, Dorfstrasse 41, 3457 Wasen i. E.

• Gegründet am 1. April 1990 von Hansruedi Blaser

• Zurzeit neun Mitarbeitende, davon eine lernende Fachfrau Leder und Textil EFZ, Fachrichtung Pferdesport

Aus dem Angebot

• Pferdegeschirre: Kummete, Halftern und Zäume, Zubehör, Reparaturen

• Hundeartikel: Hundegeschirre, Halsbänder, Leinen

• Landwirtschaft: Weideschellen, Schermaschinen, Anbindegurten

• Eigenmarke Sättu.ch: Taschen, Gürtel, Schreibmappen, Etuis

• Online-Shop: Viele Artikel können bequem online bestellt werden; schauen Sie rein!

Führungen

• Auf einem Rundgang durch das Sattler-Handwerk erfahren Sie viel über alte Traditionen, neueste Technik und feine Handnähte.

• Dauer: 1 ½ Stunden

• Kosten: CHF 180.—

• Gruppen: 1 bis 20 Personen; ab 20 Personen Aufteilung in zwei Gruppen.

• Führungen nur auf Voranmeldung

Die jüngste Tochter, Barbara, ist gelernte Detailhandelsfachfrau EFZ und hat ein Flair fürs Zeichnen und Schnitzen von Gürteln und Glockenriemen und betreut den Laden.

Der umsichtige, heute 62-jährige Firmengründer Hansruedi Blaser hat vor kurzem die Nachfolge geregelt: Alle drei Töchter werden dereinst die Sattlerei von ihren Eltern weiterführen, «freiwillig», wie Hansruedi Blaser betont.

Er illustriert den Familien-Zusammenhalt an einem sympathischen Beispiel: Jeden Samstagvormittag trifft sich die Familie zum Kaffee. Per WhatsApp-Gruppe «Familie Blaser» einigt man sich, wer jeweils das z’Nüni mitbringt.

«Zugegeben, private und geschäftliche Themen können wir nie ganz trennen, aber die Sattlerei ist unser Leben, und zwar für alle Familienmitglieder», bekräftigt Hansruedi Blaser. Das ist unsterbliches Brauchtum.

INFO

Serie: Gelebtes Brauchtum

Der BärnerBär wandelt auf den Spuren von verschiedenen Berner Traditionen und besucht Menschen, die sich aktiv damit beschäftigen.

Weiteres aus dieser Serie: Reist Örgeli AG in WasenAlphornmacherei Bachmann und Trachtenschneiderei Gantrisch.

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