Neid? In Bern ist Erfolg nur im Schritt-Tempo erlaubt!
In Bern tritt Neid leise auf, charmant verpackt und spürbar, Vielleicht sogar als Antrieb, der die Stadt in Bewegung hält.

In Bern ist Neid eine stille Disziplin. Er tritt nicht laut polternd auf, sondern in der berndeutschen Zurückhaltung, die so freundlich klingt, dass man den Stich fast übersieht.
«Ja, schön für di», heisst es dann – ein Satz wie ein Händedruck, der Wärme verspricht, aber leise daran erinnert: Eigentlich wäre es schöner, wenn es allen gleich ginge.
In einer Stadt, die sich gern als gemütlich und solidarisch beschreibt, hat Neid eine elegante Tarnung gefunden.
Wer ein neues Velo fährt, ein unerwartet grosses Büro bezieht oder gar die Miete in einer Altstadtwohnung ergattert, der bekommt kein offenes Lob, sondern ein Stirnrunzeln, verpackt in Humor.
Man gönnt’s – aber lieber hätte man’s selbst.
Die Berner Gelassenheit ist dabei nicht frei von Widerspruch. Sie schützt vor offener Missgunst, macht den Neid aber auch langlebig.
Er bleibt in den Hinterzimmern der Beizen, wo über steigende Löhne oder städtische Fördergelder gemunkelt wird.
Er zeigt sich im Vergleich der Balkone – mehr Sonne in der Lorraine, mehr Aussicht am Obstberg – und er flammt auf, wenn wieder jemand ein Kulturstipendium erhält.
Neid ist auch ein Motor
Doch dieser Neid ist nicht nur Gift. Er ist auch ein Motor.
In einer Gesellschaft, die es sich ungern eingesteht, sorgt er für Bewegung: Wer beneidet wird, muss rechtfertigen, wer neidet, strebt an.
Vielleicht ist es genau dieser stille Wettbewerb, der Bern trotz aller Langsamkeit in Schwung hält.
Am Ende bleibt die Frage: Ist es wirklich Neid – oder bloss das Berner Bedürfnis, dass niemand zu schnell zu weit vorausläuft?
Vielleicht ist es genau das: In Bern gönnt man jedem den Erfolg – solange er im Schritt-Tempo über die Nydeggbrücke marschiert.