Gottesdienst ohne Worte: So funktioniert die Gebärdenkirche Bern
In der Gebärdenkirche Bern wird mit Händen, Mimik und Bildern gepredigt. Die Gemeinde zählt rund 600 Mitglieder – und kämpft mit Sparmassnahmen.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Gebärdenkirche Bern ermöglicht Menschen mit Hörbehinderung ihren Glauben zu leben.
- Annemarie Hänni Leutwyler ist seit 2017 Pfarrerin der Gebärdenkirche.
- Die Gebärdenkirche Bern zählt aktuell etwa 600 Mitglieder.
Gottesdienste können auch ohne Wörter im herkömmlichen Sinn funktionieren. Das zeigt die Gebärdenkirche Bern der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn – eine Kirchgemeinde für Gehörlose, Spätertaubte und Schwerhörige.
Pfarrerin Annemarie Hänni Leutwyler sowie Mitarbeiterin Cornelia Knuchel erzählen im Interview, wie Gottesdienste ohne gesprochene Worte funktionieren und welche Herausforderungen diese besondere Kirche mit sich bringt.
BärnerBär: Annemarie Hänni Leutwyler, Sie sind seit 2017 Pfarrerin der Gebärdenkirche Bern. Wie kam es dazu?
Annemarie Hänni Leutwyler: Als ich damals die Ausschreibung einer Pfarrstelle an der Gebärdenkirche sah, wusste ich sofort: Das will ich machen, da kann ich ganz viel lernen!
Ich kannte bis dahin keine gehörlosen Menschen und hatte vorher vor allem mit Schwerhörigkeit zu tun. Es war für mich ein Sprung ins warme Wasser, da ich von der Gemeinde sehr offen empfangen wurde.
Die Gebärdensprache habe ich mit unserer gehörlosen Mitarbeiterin Cornelia Knuchel gelernt. Ich kann mich gut verständigen, mache aber auch viele Fehler.
BärnerBär: Warum braucht es eine Gebärdenkirche? Für wen ist sie gedacht?
Hänni Leutwyler: Es braucht die Gebärdenkirche, damit gehörlose Menschen barrierefrei ihre Spiritualität leben und an einem barrierefreien Gemeindeleben teilhaben können. In der Gebärdenkirche können sie frei kommunizieren, wie ihnen der Schnabel und die Hände gewachsen sind.
Cornelia Knuchel: Wir als Gebärdenkirche kennen die Bedürfnisse von hörbehinderten Menschen sehr gut und wissen, wie wir am besten mit ihnen umgehen und kommunizieren. Bei hörenden Menschen fehlt dieses Verständnis oft.

BärnerBär: Was unterscheidet einen Gottesdienst der Gebärdenkirche von einem «klassischen» Gottesdienst?
Hänni Leutwyler: Wir kommunizieren in Gebärdensprache, unterstützt durch Lautsprache, und verwenden für unsere Gottesdienste PowerPoint-Präsentationen. Dazu werden die Texte und Bilder als visuelle Hilfsmittel auf eine Leinwand projiziert.
Die Gemeinde ist stark untereinander vernetzt. Nach jedem Anlass bleiben wir bei Essen und Trinken stundenlang zusammen, um zu «plaudern» (O-Ton von Gehörlosen). Der Gottesdienst ist viel dialogischer und spontaner als ich es bei hörenden Menschen erlebt habe.
Wir haben Gebärdenlieder mit «tanzenden Händen» statt gewöhnlichen Liedern und setzen auf spürbare Musik mit grossen Gongtrommeln anstelle einer Orgel.
BärnerBär: Wie führen Sie Gottesdienste für die Gebärdenkirche durch?
Hänni Leutwyler: Wir Pfarrerinnen sind hörend. Das Auswählen eines Themas, die Auswahl der Bilder und die Gestaltung der Texte sind aufwändig, aber auch sehr bereichernd. Ich erstelle die PowerPoint-Präsentation, kaufe für den Imbiss nach dem Gottesdienst ein und besorge Blumen.
Wir erzählen oft eine Geschichte. Manchmal verwende ich die Schwarzenberg-Puppen zur Illustration, manchmal zeige ich einen Ausschnitt aus einem Film oder mache davon Screenshots.
Wichtig ist, dass die Gemeinde visuell mitgehen kann. Ich kann aus der Mimik und den Reaktionen schnell erkennen, wie das Kommunizierte aufgenommen wird oder wie es den Menschen geht.
BärnerBär: Sie verstehen sich als inklusive Gemeinde. Heisst das, dass auch hörende Menschen in die Gebärdenkirche kommen sollen?
Hänni Leutwyler: Gehörlosigkeit kann Menschen voneinander trennen. Darum ist Kommunikation so wichtig – aber eine Kommunikation der Gehörlosen.
Viele Mitglieder unserer Gemeinde mussten die Lautsprache lernen, obschon sie sich selbst nicht hören konnten. Dies geschah zum Teil mit Gewalt.
Viele machen die frustrierende Erfahrung, dass Hörende sie trotzdem nicht verstehen, auch wenn sie in Lautsprache sprechen. Hörende Menschen wiederum sind oft überfordert von der Gehörlosigkeit. Darum sind hörende Menschen bei uns herzlich willkommen, sie sollen sich jedoch den Gehörlosen anpassen.
BärnerBär: Was sind die besonderen Herausforderungen der Gebärdenkirche?
Hänni Leutwyler: Das liebe Geld. Leider wird immer bei den Menschen gespart, die keine starke Lobby haben. Das ist auch bei der Gebärdenkirche so.
In den Köpfen von vielen hörenden Menschen herrscht das Bild von Gehörlosen, die einfach zu einem «gewöhnlichen» Gottesdienst kommen und eine Person mitbringen sollen, die in Gebärdensprache dolmetscht.
Gehörlose möchten sich aber nicht immer anpassen müssen, sondern sie wollen verstanden werden. Die personellen Kürzungen zwingen uns leider dazu, unser Angebot einzuschränken.

BärnerBär: Was bietet die Gebärdenkirche neben Gottesdiensten an?
Hänni Leutwyler: Wir haben ein vielfältiges Angebot. Dazu gehört etwa ein monatlicher Gesprächskreis für Schwerhörige. Jeden Donnerstag organisieren wir zudem einen Mittagstisch, bei dem wir gemeinsam kochen oder essen gehen.
Im Rahmen von «Schlaue Füchse» finden einmal im Monat Ausflüge zu Ausstellungen, einfache Wanderungen, Fondue-Abende oder Mal-Workshops statt. Relativ neu sind unsere Strick-Samstage in den Wintermonaten, an denen junge und ältere Menschen zusammenkommen. Dabei bringen Ältere den Jüngeren das Stricken bei oder tauschen sich einfach miteinander aus.
BärnerBär: Funktioniert der Austausch in der Kirche zwischen hörenden und hörbehinderten Menschen ausreichend?
Hänni Leutwyler: Für unsere Möglichkeiten ist es mehr als ausreichend, aber es ist immer wichtig, im Austausch zu sein. Ich beobachte in meiner Arbeit, dass vor allem hörende Menschen davon profitieren, wenn wir die Texte auf die Leinwand projizieren und Bilder zeigen.
Denn über eine Million Menschen in der Schweiz sind schwerhörig. Für die Gehörlosen ist es eher ambivalent. Beim geselligen Zusammensein findet oft kein wirklicher Austausch statt. Das könnte sich ändern, wenn hörende Menschen vermehrt bei uns vorbeischauen würden.

BärnerBär: Wie entwickelt sich die Gebärdenkirche aktuell? Gibt es Nachwuchsprobleme?
Hänni Leutwyler: Die Gebärdenkirche wird allgemein gut besucht. Im Vergleich zu anderen Kirchgemeinden sind wir eine sehr lebendige Gemeinde. Junge Menschen besuchen die Gottesdienste eher selten. Sie nehmen eher an unseren anderen Veranstaltungen teil.
BärnerBär: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Gebärdenkirche?
Knuchel: Wir wünschen uns, dass uns die hörenden Personen mit Nachsicht und Respekt begegnen. Wir als Gebärdenkirche wollen bleiben, wie wir sind. Wir sind wichtig für die gehörlose Community und möchten nicht jedes Mal gegenüber anderen beweisen müssen, was wir sind und was wir brauchen.
Hänni Leutwyler: Unser Auftrag der Kirche besteht auch darin, dass wir uns für jene einsetzen, die nicht gesehen werden, und jenen eine Stimme geben, die nicht gehört werden. Ich wünsche mir, dass der Sinn dieser Investitionen gesehen wird. Es ist wichtig, dass die Gelder und Arbeitsstunden der Gebärdenkirche weiterhin den gehörlosen Menschen zukommen.








