«Ein kosmischer Beipackzettel fürs neue Jahr»
Horoskope tun gut, weil wir ein bisschen wohlmeinende Ordnung im momentanen Chaos brauchen.

«Für Krebse wird 2026 ein Jahr der emotionalen Vertiefung, Stärkung der Wurzeln und des inneren Wachstums, geprägt durch Jupiter, der für Zuversicht sorgt.»
Ja, ich geb’s zu. Ich gehöre auch zu jenen, die insbesondere zu Jahresbeginn Horoskope lesen.
Obwohl ich selbst Wetter-Apps kritisch gegenüberstehe und weiss, dass solche allgemeingültigen Horoskope wohl kaum für jeden Krebs-Menschen gelten können. Bei uns auf der Redaktion würde das nämlich bedeuten, dass gut die Hälfte des Teams 2026 das Gleiche erleben würde!

Aber so ganz unter uns: «Nutze deine innere Sicherheit für berufliche Entwicklung; es öffnen sich neue Türen, wenn du dich auf Herzensprojekte konzentrierst.» Also daran glaube ich doch gerne!
Denn der Jahresanfang ist sozusagen eine psychologische Sollbruchstelle. Wir stehen vor einem leeren Jahr, das gefüllt werden will. Horoskope liefern dafür eine Storyline: berufliche Wendepunkte, emotionale Klärungen, kleine Warnungen. Sie geben dem Zufall einen roten Faden.
Und selbst Skeptiker lesen sie oft ironisch. Aber auch Ironie ist eine Form von Teilnahme. «Setze Prioritäten», «lerne Nein zu sagen», «streiche Unnötiges» ist kein Orakel, sondern eher ein freundlicher Lebenscoach. Und genau deshalb funktioniert es.
Horoskope zwingen uns zu nichts, sie urteilen nicht, sie schlagen nur vor. Wie ein kosmischer Beipackzettel fürs neue Jahr.
Hinzu komme, so erklärt es die Psychologie, der sogenannte Barnum-Effekt: «Die Neigung von Menschen, vage und meist positive Aussagen über die eigene Person als erstaunlich zutreffend zu empfinden.»
Wir lesen Horoskope also nicht, um Wahrheit zu finden, sondern Möglichkeiten. Und nicht zuletzt sind Horoskope sozial akzeptierte Hoffnung. Niemand lacht einen Menschen aus, der sagt: «Mein Horoskop sagt, dieses Jahr finde ich die grosse Liebe.»
Es ist ein sanfter Weg, Wünsche zu formulieren, ohne sich angreifbar zu machen. Horoskope beruhigen, unterhalten und strukturieren eine Zeit, in der alles offen ist. Und genau deshalb tun sie so gut.
Einfach weil wir ein bisschen wohlmeinende Ordnung im momentanen Chaos brauchen. «Besonders harmonisch wird es im Januar, April und Juli.» Also ich freue mich aufs 2026!








