Stadt Bern

    «Arbeitswelt: Obstkörbe und so»

    Andrea Bauer
    Andrea Bauer

    Bern,

    Schöne Worte und Obstkörbe machen noch keinen guten Arbeitgeber. Entscheidend ist, wie Unternehmen ihre Mitarbeitenden wirklich behandeln.

    BärnerBär
    Apropos: Die Kolumne vom BärnerBär. - zVg

    Es ist schon beeindruckend, was gewisse Unternehmen heute alles unternehmen, um sich als grossartige Arbeitgeber zu präsentieren. Da werden aufwendig produzierte Filmchen für Instagram, LinkedIn und Co. gedreht. Strahlende Mitarbeitende, lachende Chefs, ein Töggelikasten im Hintergrund und natürlich der obligate Obstkorb.

    Dazu ein paar wohlklingende Sätze über Wertschätzung, Teamgeist und eine Unternehmenskultur, in der der Mensch im Mittelpunkt steht. Alles wunderbar. Zumindest auf dem Bildschirm. Wie es hinter den Kulissen tatsächlich aussieht, steht auf einem anderen Blatt.

    Obstkorb
    «Strahlende Mitarbeitende, lachende Chefs, ein Töggelikasten im Hintergrund und natürlich der obligate Obstkorb.» (Symbolbild) - depositphotos

    Dort wird mitunter anständig Druck gemacht, Kritik ungern gehört und Wertschätzung vor allem dann grossgeschrieben, wenn gerade die Kamera läuft. Hauptsache, die Aussenwirkung stimmt.

    Dabei brauchen Mitarbeitende weder Feelgood-Floskeln noch ständig neue Teamevents. Sie wollen fair bezahlt, ernst genommen und respektiert werden. Sie wünschen sich Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und das Gefühl, mit ihrer Arbeit etwas Sinnvolles beizutragen.

    Eigentlich keine besonders exotischen Ansprüche. Wie echte Wertschätzung aussehen kann, zeigt eine Geschichte, die ich letzthin gelesen habe: Eine 58-jährige Frau bewirbt sich um eine Stelle. Die Personalabteilung rät ab. Zu alt, zu teuer, zu nahe an der Pensionierung.

    Der Geschäftsführer sieht genauer hin. Dreissig Jahre Berufserfahrung, viel Wissen und der bemerkenswerte Satz im Bewerbungsschreiben: «Ich habe noch sieben Jahre. Ich möchte sie an einem Ort verbringen, an dem ich gebraucht werde.»

    Fühlst du dich an deinem Arbeitsplatz wertgeschätzt?

    Er stellt sie ein. Zwei Jahre später ist sie für das Unternehmen eine wichtige Stütze. Sie bringt Ruhe in schwierige Situationen, hilft jüngeren Kollegen und meistert Veränderungen mit einer Gelassenheit, die nur Erfahrung mit sich bringt.

    Natürlich ist diese Geschichte kein Beweis dafür, dass jeder ältere Bewerbende die richtige Wahl ist. Aber sie zeigt, wie beschränkt der Blick auf Menschen sein kann, wenn nur noch Zahlen, Jahrgänge und vermeintliche Risiken zählen und mit Hilfe der KI schon einmal vorselektioniert wird.

    Denn eines wird bei dieser Rechnung gerne vergessen: Wer mit 58 noch einmal eine echte Chance bekommt, wird das nicht so schnell vergessen. Gut möglich, dass diese Mitarbeiterin ihrem Arbeitgeber die nächsten sieben Jahre mit einer Loyalität dankt, die man weder mit einem Obstkorb, noch mit einem Töggelikasten und schon gar nicht mit einem Teamevent erkaufen kann.

    Arbeit
    «Mitarbeitende brauchen weder Feelgood-Floskeln noch ständig neue Teamevents. Sie wollen fair bezahlt, ernst genommen und respektiert werden.» (Symbolbild) - depositphotos

    Und der 30-Jährige, den man stattdessen eingestellt hätte? Wer garantiert eigentlich, dass er nach drei Jahren nicht schon wieder weiterzieht? Oder sogar noch früher?

    Vielleicht sollten sich gewisse Führungskräfte deshalb weniger Gedanken darüber machen, wie sie ihre Unternehmenskultur auf LinkedIn möglichst glänzend inszenieren, sondern mehr darüber, wie sie mit den Menschen umgehen, wenn die Kamera ausgeschaltet ist.

    Denn echte Wertschätzung zeigt sich nicht in schönen Filmchen, sondern in Entscheidungen. Gerade dann, wenn jemand nicht mehr ins perfekte Bewerberprofil passt. Denn echte Loyalität entsteht, wenn Menschen spüren, dass sie gebraucht, respektiert und geschätzt werden.

    Oder anders gesagt: Wer Mitarbeitende nur fürs Image schätzt, darf sich nicht wundern, wenn sie irgendwann auch nur noch fürs Foto lächeln.

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