«Alt werden ist nichts für Feiglinge»
Zwanzig Sekunden sind schnell vorbei. Doch warum fällt uns Geduld im Umgang mit älteren Menschen oft so schwer?

Neulich betrat ich das Tram hinter einem älteren Herrn mit Rollator. Bei seinem Einstieg ging alles ein wenig langsamer. Hinter mir seufzte jemand hörbar, als hätte der Mann mit den paar Sekunden Verzögerung die ganze Volkswirtschaft zum Erliegen gebracht.
Dabei hat dieser vielleicht schon so einiges mehr in seinem Leben geleistet, als der Seufzende es jemals tun wird. Anstelle von Augenrollen wäre in solchen Fällen einfach mal wieder ein bisschen Respekt angebracht.
Gerade weil die Schweiz so alt geworden ist. 2025 lebten hier erstmals mehr Menschen ab 65 als unter 20. Rund 1,811 Millionen Älteren standen 1,802 Millionen Junge gegenüber.

Das ist eine statistische Premiere. Vor allem aber ist es eine Einladung, genauer hinzuschauen. Wir reden gern von einem «selbstbestimmten Alter». Das klingt gut, fast wie ein Freizeitmodell. Doch Selbstbestimmung braucht Voraussetzungen: eine bezahlbare Wohnung, erreichbare Läden, eine Sitzbank unterwegs, verständliche Automaten und Menschen, die nicht bei jeder Verzögerung die Augen verdrehen.
Würde im Alter beginnt deshalb nicht erst im Pflegeheim. Sie beginnt im Bus, wenn jemand wartet, bis die ältere Frau wirklich sitzt. Im Treppenhaus, wenn man der betagten Nachbarin die Einkaufstasche hochträgt. Beim Enkel, der dem Opa das Handy zum dritten Mal erklärt, ohne ungeduldig zu werden.
Und bei der Frage: «Wie geht es dir?», wenn man die Antwort tatsächlich hören will. Natürlich ist Alter nicht nur Mühsal. Es kann Freiheit sein, Gelassenheit und die Fähigkeit, Wichtiges von Lärm zu unterscheiden. Viele ältere Menschen tragen Familien, Vereine und Nachbarschaften, oft still und selbstverständlich.
Sie hüten Enkel, pflegen Partner, hören zu und wissen, dass fast jede Krise irgendwann kleiner wird. Aber generell gilt: Alt werden ist nichts für Feiglinge. Vielleicht ist aber auch der Umgang mit alten Menschen eine kleine Mutprobe: Schaffen wir es, langsamer zu werden, ohne uns gleich ausgebremst zu fühlen?

Können wir akzeptieren, dass nicht jedes Lebenstempo unseres sein muss? Der Herr mit dem Rollator ist inzwischen ausgestiegen. Langsamer als andere. Das Tram fuhr zwanzig Sekunden später weiter.
Die Welt hat es überlebt. Und vielleicht wäre sie sogar ein wenig besser, wenn wir solche zwanzig Sekunden nicht als verlorene Zeit betrachteten, sondern als das, was sie sein können: ein kurzer Moment von Geduld, Respekt und Menschlichkeit.






