Die Genfer Umweltwissenschaftlerin Géraldine Pflieger setzt auf eine weltweit ausgelöste Dynamik. Sie wünscht sich einen griffigen Klimaschutz-Fahrplan.
Alok Sharma, COP26
Der britische Politiker Alok Sharma ist seit 2020 der Präsident der UN-Klimakonferenz 2021 (COP26). - AFP

Das Wichtigste in Kürze

  • Es braucht griffige Klimaschutz-Bekenntnisse meint die Umweltwissenschaftlerin Pflieger.
  • Die Genferin ist bei der Schweizer Delegation an der Weltklimakonferenz in Glasgow dabei.

Die Umweltwissenschaftlerin Géraldine Pflieger hofft, dass der Wiedereintritt der USA ins Pariser Klimaabkommen eine globale Dynamik hinsichtlich Klimaschutzbemühungen ausgelöst hat. Die Genferin wünscht sich von den Regierungen einen griffigen Klimaschutz-Fahrplan. Pflieger ist Teil der Schweizer Delegation an der Weltklimakonferenz im schottischen Glasgow.

Laut dem verbindlichen Pariser Klimaübereinkommen wollen die Staaten die Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau deutlich unter zwei Grad halten. Möglichst aber bereits bei 1,5 Grad stoppen.

Regierungen und deren Delegationen werden vom 31. Oktober bis 12. November anlässlich der Weltklimakonferenz im schottischen Glasgow (COP26) zusammenkommen, um das Übereinkommen voranzubringen.

Verhandlungen sollen «ernst genommen werden»

Die Direktorin des Instituts für Umweltwissenschaften der Universität Genf wird die Wissenschaft in der Schweizer Delegation vertreten. «Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die wissenschaftlichen Fakten in den Verhandlungen ernst genommen werden.» Dies sagte Pflieger im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Wie viele andere steckt Pflieger viel Hoffnung in die diesjährige Klimakonferenz. Insbesondere weil der US-Präsident Joe Biden die Rückkehr in das Pariser Klimaabkommen als eine seiner ersten Amtshandlungen verfügt hatte. «Ich könnte mir vorstellen, dass dies eine globale Dynamik ausgelöst hat und dass sich einige Länder freiwillig ambitioniertere Klimaschutzziele setzen.» So die Genfer Forscherin.

«Klare und griffige Massnahmen»

In Glasgow gehe es aber nicht darum, die langfristigen Ziele zu verschärfen. Vielmehr sollten Regierungen einen Taktplan vorlegen, wie sie schrittweise bis 2050 ihre Klimabemühungen in die Tat umsetzen wollen. «Es ist wichtig, dass sich die Länder nicht nur vage zum Klimaschutz verpflichten. Sondern diesbezüglich klare und griffige Massnahmen vorlegen», sagte sie.

COP26-Präsident Alok Sharma erteilte Bundesrätin Simonetta Sommaruga zusammen mit der Umweltministerin Ruandas, Jeanne d‘Arc Mujawamariya, einen Auftrag. Alle beteiligten Staaten sollen sich auf einen gemeinsamen Zeitplan einigen.

Der vorgelegte erste Teil des sechsten Sachstandberichts des Weltklimarats zeigte, dass sich die Klimaerwärmung in den letzten Jahren verschärft hat. Die Menschheit muss sich demnach auf mehr Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen und Hitze einstellen. Eine Erwärmung von 1,5 Grad könnte schon bald überschritten sein.

Fischlin: Die Stimme in den Schweizer Klimagipfel-Delegationen

Andreas Fischlin, emeritierter ETH-Professor für Systemökologie, sagte auch gegenüber Keystone-SDA: «Jedes Jahr, das wir untätig verstreichen lassen, macht das Problem der globalen Klimaerwärmung noch grösser.» Er ist seit 1992 in verschiedenen Rollen beim IPCC tätig. Aktuell ist er Vizevorsitzender der Arbeitsgruppe des IPCC, die sich mit den Folgen des Klimawandels beschäftigt.

Während 17 Jahren gab Fischlin der Wissenschaft in den Schweizer Klimagipfel-Delegationen eine Stimme. Er spricht daher aus Erfahrung, wenn er sagt: «Als Wissenschaftler konnte ich oftmals verfahrene Debatten deblockieren.» Wenn man nämlich mit wissenschaftlichen Fakten argumentiere, könne man in vielen Patt-Situationen den «Knopf lösen». Insbesondere in Zeiten mit viel Desinformation, sei dies bedeutsam.

Fischlin warnt allerdings davor, zu viele Erwartungen in die Klimakonferenz in Glasgow zu stecken. «Die Mühlen mahlen langsam», sagte er. Es gebe keine gesetzlichen Grundlagen im Pariser Klimaabkommen, um die Schrauben hinsichtlich Klimaschutzzusagen bereits in diesem Jahr anzuziehen. Dies sei erst vorgesehen, wenn der sogenannte «Global Stocktake» greife.

Alle Länder müssen zusammenarbeiten

Ab 2023 soll es offiziell alle fünf Jahre eine globale Bestandsaufnahme der nationalen Klimaschutzmassnahmen geben. Dies dient zur Überprüfung, ob die gesteckten Ziele wirklich erreichbar sind. Es werde in diesem Jahr also höchstens Vorentscheide geben.

Grundsätzlich sei es sehr wichtig, den weltweiten Konsens zum Pariser Übereinkommen beizubehalten und zu stärken. «Ein Konsens ist unglaublich stark und gewichtig, auch wenn der Weg dorthin schwerfällig erscheinen mag», sagte Fischlin. Die Klimaerwärmung sei ein globales Problem und könne nur auf einen Weg gelöst werden: Alle Länder müssen an einem Strang und dem gleichen Ende ziehen.

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