Die Erkenntnisse der am Montag gekürten Medizin-Nobelpreisträger haben einem Schweizer Biomechanik-Forscher gezeigt, welche unglaublich wichtige Rolle die Ionenkanal-Proteine in der Biologie spielen. Die Arbeit der geehrten Wissenschaftler sei beeindruckend.
David Julius
David Julius in seinem Büro an der UCSF Mission Bay. - dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • «Ich finde die Wahl der diesjährigen Nobel-Preisträger hervorragend», sagte Jess Snedeker, Professor für orthopädische Biomechanik an der ETH und Universität Zürich, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Dass der menschliche Körper auf mechanische Kräfte reagiere, wisse man schon lange. Aber erst durch die Errungenschaften von David Julius und Ardem Patapoutian kenne man nun die zu den womöglich wichtigsten zählenden molekularen Schalter, die dafür verantwortlich seien. Am Montag wurden die beiden US-Sinnesforscher mit dem diesjährigen Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet.

Die von Patapoutian entdeckten Ionenkanäle seien zentral dafür, wie zahlreiche Zelltypen mechanische Kräfte wahrnehmen würden - und welche Auswirkungen sich daraus ergäben. So hätte das Team um den US-Forscher herausgefunden, dass eine Mutation des Piezo 1-Gens das mechanische Verhalten der roten Blutkörperchen verändern könne. «Dadurch werden die Zellen widerstandsfähiger gegen eine Malariainfektion», so der Professor. Und tatsächlich weisen Menschen, die in Malaria-Gebieten lebten, öfters diese Mutation auf.

Snedeker und sein Team entdeckten, dass dieselbe Mutation auch Sehnen steifer und stärker macht - und Menschen besser springen lässt.

Das ebenfalls von Patapoutian entdeckte verwandte Ionenkanalprotein, Piezo 2, habe physiologisch gar noch mehr bekannte Aufgaben. So steuert es etwa, wie Menschen die Umgebung durch den Tastsinn erfühlen sowie die Lage des eigenen Körpers im Raum wahrnehmen.

Die aufgedeckten Mechanismen dazu, wie Zellen fühlen, eröffnen nach Ansicht des ETH-Biomechanikers beispielsweise neue Möglichkeiten, um geschädigtes Gewebe wie Sehnen, Haut, Herz, Knochen und Nerven zu heilen. «Bei Rückenmarksverletzungen könnte man durchgetrennte Nerven durch gezielte Steuerung der Aktivität des Piezo 1-Gens vielleicht einmal reparieren», sagt er.

Allerdings befinde man sich hierbei noch tief in der Grundlagenforschung: «Die potenziellen klinischen Auswirkungen dieser Entdeckungen sind enorm, aber es wird wahrscheinlich mehrere Jahre dauern, bis sie erreicht werden.»

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