Trump und Co.: Welche Rolle spielt Migration wirklich bei Krawallen?
Ob in Frankreich oder Italien: Bei gewaltsamen Ausschreitungen werden schnell Menschen mit Migrationshintergrund verantwortlich gemacht. Was steckt dahinter?

Das Wichtigste in Kürze
- In Frankreich und Italien eskalierten Proteste gegen soziale Missstände und hohe Lebenshaltungskosten.
- Migrations-Experte Philipp Lutz warnt davor, die Gewalt pauschal auf Migration zurückzuführen.
- Rechte Parteien würden die Ausschreitungen nutzen, um ihre migrationspolitische Agenda voranzutreiben.
In Frankreich sind Hunderttausende Menschen gegen hohe Lebenshaltungskosten und schlechte Zustände im Bildungswesen auf die Strasse gegangen. Was als Protest von Schülerinnen, Schülern und Studierenden begann, eskalierte teilweise in schwere Ausschreitungen. Randalierer plünderten Geschäfte, setzten Autos in Brand und griffen öffentliche Gebäude sowie Polizisten an.
Bei den gewaltsamen Ausschreitungen sind zahlreiche Einsatzkräfte verletzt worden. Die Regierung sprach zunächst von mehr als 150 verletzten Polizisten. Am Dienstag wurde dann von fast 1000 verletzten Sicherheitskräften berichtet. Zudem wurden mindestens 2400 Menschen festgenommen.
Auch in Italien kam es am Wochenende zu Gewalt: In Mailand eskalierte eine Demonstration gegen steigende Lebenshaltungskosten. Vermummte Personen lieferten sich Auseinandersetzungen mit der Polizei, plünderten Läden und legten Feuer.
Die Bilanz: Dutzende Verhaftungen und weit über hundert verletzte Polizistinnen und Polizisten.
Doch statt über die sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe der Proteste wird vielerorts vor allem über die Herkunft der Beteiligten diskutiert.
In Italien stehen dabei sogenannte Talahons im Fokus. Der Begriff wird vor allem abwertend für junge Männer mit migrantischem Hintergrund verwendet. Diese fallen durch bestimmte Kleidung (Designer-Umhängetäschli, Trainerhose, Sneaker), Auftreten und Verhaltensweisen auf. In Frankreich machen Rechtspopulisten Migranten für die Ausschreitungen verantwortlich und stellen einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Gewalt her.
Auch US-Präsident Donald Trump und Vizepräsident JD Vance sehen die Migration als Ursache der Ausschreitungen und fordern eine härtere Einwanderungspolitik.

Doch welche Rolle spielt Migration bei solchen Krawallen tatsächlich? Der Migrations-Experte Philipp Lutz warnt davor, die Ursachen vorschnell auf die Herkunft der Beteiligten zu reduzieren. Vielmehr müsse man die sozialen Verhältnisse betrachten, in denen solche Konflikte entstehen.
«Mangelnde Zukunftsperspektiven und Benachteiligungserfahrungen treiben junge Menschen auf die Strasse, dies nicht zum ersten Mal», sagt Lutz. Das verbinde die aktuellen Proteste in verschiedenen Ländern.
Auch ohne viel Migration kommt es zu Protesten
Dass Migration nicht automatisch die Ursache von Unruhen ist, zeigt laut Lutz auch der Blick nach Albanien. Das Land kenne kaum Einwanderung. Dennoch haben dort Proteste begonnen, ebenso wie in Frankreich.
In beiden Ländern hätten sich zunächst Schülerinnen, Schüler und Studierende gegen die schlechten Zustände im Bildungsbereich aufgelehnt. In der Folge sei es zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen.
Für Lutz ist das ein Hinweis darauf, dass die Ursachen nicht allein bei der Herkunft der Beteiligten gesucht werden sollten. Vielmehr müsse man die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse betrachten.

Gleichzeitig sei Migration durchaus mit solchen Protesten verbunden. «Die Migrationsbevölkerung ist in benachteiligten Gesellschaftsschichten übervertreten und erfährt besonders häufig Diskriminierung», erklärt der Politikwissenschaftler.
Migration wirke deshalb oft «als Brennglas für strukturelle soziale Probleme einer Gesellschaft». Soziale Ungleichheit, fehlende Perspektiven und Diskriminierung könnten sich in Konflikten entladen, von denen auch Menschen aus Einwandererfamilien betroffen seien.
«Überwiegend junge Franzosen»
Auch frühere Unruhen in Frankreichs Vorstädten zeigen laut Lutz ein differenzierteres Bild, als es politische Schuldzuweisungen vermuten lassen.
An diesen Ausschreitungen hätten sich überwiegend junge Franzosen beteiligt, sagt er. Viele von ihnen stammten aus Einwandererfamilien der zweiten oder dritten Generation und lebten in sozial schwierigen Verhältnissen.
Entscheidend dabei: Die familiäre Migrationsgeschichte allein erklärt nicht, weshalb Menschen an gewaltsamen Ausschreitungen teilnehmen. Vielmehr müssten auch ihre Lebensbedingungen und Erfahrungen berücksichtigt werden.
Zu den aktuellen Protesten kenne er allerdings noch keine belastbaren Daten über die sozialen Hintergründe und Motive der Teilnehmenden. Pauschale Aussagen über die Verantwortlichen seien deshalb mit Vorsicht zu behandeln, betont Lutz.
Rechte Parteien profitieren von der Migrationsdebatte
Weshalb wird Migration dennoch so häufig für Ausschreitungen verantwortlich gemacht? Lutz sieht darin auch ein politisches Kalkül.
«Politisch wird versucht, diese Unruhen und die Gewalt mit der eigenen Agenda und den eigenen Themen zu verbinden.» Bei der radikalen Rechten sei das zumeist die Migration, so Lutz.
Solche Parteien könnten davon profitieren, wenn die Medien über Migration diskutierten und gesellschaftliche Probleme dadurch als Migrationsprobleme wahrgenommen würden.
Der Experte verweist darauf, dass Menschen mit Migrationsgeschichte in benachteiligten Gesellschaftsschichten übervertreten sind und häufiger Diskriminierung erleben. Diese Faktoren können für das Verständnis von Protesten relevant sein.

Eine pauschale Erklärung über die Herkunft der Beteiligten greift jedoch zu kurz. Ohne belastbare Daten über die konkreten Ereignisse lasse sich nicht seriös beurteilen, welche Faktoren für die jeweilige Eskalation ausschlaggebend waren.
Für Lutz steht deshalb fest: «Die eigentlichen Ursachen liegen tiefer und sind in den sozialen Verhältnissen der jeweiligen Länder zu suchen.»
Wer verstehen wolle, weshalb Proteste in Gewalt umschlagen, müsse daher nicht nur nach der Herkunft der Beteiligten fragen. Ebenso wichtig seien die sozialen Bedingungen, die fehlenden Zukunftsperspektiven und die Erfahrungen von Benachteiligung, unter denen junge Menschen aufwachsen.





















