«Sniper-Touren» in Sarajevo: 80-Jähriger in Mailand vernommen

    Keystone-SDA
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    Italien,

    Im Zusammenhang mit Ermittlungen zu mutmasslichen Kriegsverbrechen während der Belagerung Sarajevos ist am Montagvormittag ein 80 Jahre alter Italiener von der Staatsanwaltschaft in Mailand vernommen worden. Der frühere Lastwagenfahrer aus der friaulischen Provinz Pordenone wird des Mordes verdächtigt. Grundlage der Vorwürfe sind Zeugenaussagen.

    Sarajevo.
    Allein die Belagerung Sarajevos kostete während des Bosnienkriegs etwa 11'000 Menschen das Leben. - keystone

    Der Pensionist wird beschuldigt, in den Jahren 1992 bis 1995 zu einer Gruppe sogenannter «Wochenend-Scharfschützen» gehört zu haben, die gegen Bezahlung in das von serbisch-bosnischen Truppen belagerte Sarajevo reisten, um dort gezielt auf Zivilisten zu schiessen – darunter Kinder, Frauen und ältere Menschen.

    Die Vorwürfe basieren auf Recherchen des Mailänder Investigativautors Ezio Gavazzeni. Aufgrund seiner Dokumente leitete die Mailänder Staatsanwaltschaft im November Ermittlungen bezüglich der mutmasslichen italienischen «Wochenend-Scharfschützen» ein.

    Gegenüber lokalen Medien erklärte der als rechtsextrem geltende Mann, er sei zwar in Bosnien gewesen, jedoch ausschliesslich aus beruflichen Gründen. Nach Angaben aus Ermittlerkreisen prüfen die Behörden derzeit weitere Namen, die aufgrund von Hinweisen und Zeugenaussagen in den Fokus geraten sind.

    In den kommenden Tagen sollen weitere Zeugen befragt werden, darunter eine Person, die den Beschuldigten damit prahlen gehört haben soll, an einer regelrechten «Menschenjagd» in Sarajevo beteiligt gewesen zu sein. Diese Darstellung soll über mehrere Stationen schliesslich an eine Journalistin eines lokalen Fernsehsenders gelangt sein.

    Ziel der Untersuchungen ist es, mögliche Reisen italienischer Tatverdächtiger nach Bosnien zu rekonstruieren. Dazu werden Zeugenaussagen mit Grenzübertrittsregistern abgeglichen. In den Akten ist von italienischen «Sniper-Touristen» die Rede, die aus Regionen zwischen Piemont, Lombardei und Friaul entlang der Achse Turin-Mailand-Triest stammen und nach Sarajevo gereist sein sollen.

    Auch der Schriftsteller und frühere Kriegsberichterstatter in Sarajevo, Adriano Sofri, wurde vernommen. Seine Aussagen bestätigten Teile der Anzeige des Autors Gavazzeni. Schon 1995 hatten zwei italienische Tageszeitungen über angebliche Scharfschützen-Touristen in Bosnien berichtet, und diese Artikel waren Gavazzeni aufgefallen. Doch den Anstoss, tiefer zu graben und Zeugen zu finden, gab ihm der 2022 erschienene Dokumentarfilm «Sarajevo Safari» des slowenischen Regisseurs Miran Zupanic. In dem Film, basierend auf Aussagen anonym bleibender Geheimdienstmitarbeiter, ist die Rede von reichen Ausländern, die dafür bezahlt hätten, auf Menschen in Sarajevo zu schiessen.

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