Sind Schulschliessungen eine sinnvolle Massnahme gegen Corona?

DPA
DPA

Deutschland,

Kein Unterricht, manchmal über Wochen. Wegen des neuartigen Coronavirus bleiben auch in Deutschland immer wieder einzelne Schulen geschlossen. Wie sinnvoll wäre das als grossflächige Massnahme?

Sinnvoll oder nicht? Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, werden Schulen und Kitas bei einem bestätigten Fall in der Regel geschlossen. Foto: Paul Zinken/dpa
Sinnvoll oder nicht? Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, werden Schulen und Kitas bei einem bestätigten Fall in der Regel geschlossen. Foto: Paul Zinken/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Früher hitzefrei - heute Coronaferien.

Etliche Kinder werden sich später mal daran erinnern, dass ihr Unterricht im Jahr 2020 wegen eines Virus für Tage oder gar Wochen ausfiel.

Im Zuge der Covid-19-Pandemie bleiben auch in Deutschland Schulen zeitweise geschlossen - Dutzende sind es derzeit schon bundesweit. Weltweit verpassen gerade zig Millionen Kinder ihren Unterricht. Dabei sind sich Experten keineswegs einig, dass grossflächige Schulschliessungen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 sinnvoll sind.

Ein bestätigter Fall reicht für Schliessung

In Deutschland gilt derzeit meist: Sobald es einen bestätigten Fall in einer Bildungseinrichtung gibt, wird diese vorübergehend geschlossen. So hat es etwa das bayerische Gesundheitsministerium verfügt. Auch wer aus einem Risikogebiet - zum Beispiel Norditalien - zurückkehrt, soll nach dem Willen der Behörden in München zunächst 14 Tage keine Schule oder Kindertagesstätte besuchen.

Dabei zeigen erste Datenanalysen: Anders als bei der sind Kinder bei Covid-19 wahrscheinlich keine bedeutsamen Treiber für die Ausbreitung des Virus in der Gemeinschaft. Für Sars-CoV-2 sei abzusehen, dass Kinder nur sehr selten deutliche Symptome entwickeln, hiess es gerade von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Anzunehmen ist demnach auch, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern.

«Schulschliessungen können sinnvoll sein, wenn man Hygiene-Massnahmen nicht gewährleisten kann», sagt die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität (TUM) und vom Helmholtz Zentrum München. «Aber man muss die enormen Auswirkungen auf die Wirtschaft und vor allem auch auf das Gesundheitssystem bedenken, wenn die jungen Eltern dann nicht mehr zur Arbeit gehen können, sondern sich um ihre Kinder kümmern müssen.»

Ausbreitung soll verlangsamt werden

Mit Blick auf Massnahmen wie Quarantäne, Absage von Grossveranstaltungen und Schulschliessungen sei generell wichtig zu verstehen, dass diese nicht auf den Schutz von Einzelpersonen abzielten, weil das Virus etwa so ausserordentlich gefährlich wäre. «Sondern sie sind wirklich gedacht, um die Ausbreitung zu verlangsamen», erklärt Protzer.

«Wenn ich ein Virus habe, das auf 100 Prozent empfängliche Personen trifft, dann breitet sich das sehr schnell aus», erklärt die Expertin. In der Folge könne etwa das Gesundheitssystem überlastet und so die Versorgung von Erkrankten gefährdet werden. «Auch wenn man sagt, man schliesst eine Schule, dann ist das nicht, weil man Angst hat, dass die Kinder krank werden», sagt sie. «Es geht darum, die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen.»

Der Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), Peter Walger, hält Schulschliessungen ebenfalls nicht für sinnvoll. Allein die Probleme, die sich aus der damit nötigen Kinderbetreuung ergäben, stünden nicht im Verhältnis zum Nutzen, sagte der auf Infektiologie spezialisierte Facharzt. Auch er verweist darauf, dass Eltern dann ebenfalls zu Hause bleiben müssten - mit Folgen für deren Arbeitsstellen und das öffentliche Leben. «Es lohnt nicht, Schulen zu schliessen.»

Kinder stecken sich genauso leicht an wie Erwachsene

Ganz so sieht es das Bayerische Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) nicht: Eine Schliessung habe durchaus Potenzial zur Eindämmung der Epidemie, teilte die Behörde mit. Es gebe Erkenntnisse, dass sich Kinder offenbar genauso leicht ansteckten wie Erwachsene. Tatsächlich kommen Forscher in einer kürzlich präsentierten kleinen Studie zu dem Ergebnis, dass sich wohl ähnlich häufig wie Erwachsene infizieren - aber nur sehr selten krank werden. Warum Kinder eine Sars-CoV-2-Infektion offenbar besser abzuwehren vermögen, ist bisher unklar.

«Offen ist derzeit die Frage, ob Kinder das Virus genauso effektiv an andere Personen übertragen können wie Erwachsene», heisst es vom LGL. Inwieweit Kinder ohne Symptome ein Übertragungsrisiko darstellten, könne aktuell nicht seriös beantwortet werden, sagt auch DGKH-Sprecher Walger.

Deutscher Lehrerverband gegen Coronaferien

Ansteckend oder nicht, für immer mehr Kinder heisst es in den kommenden Tagen wohl vorerst: schulfrei wegen Sars-CoV-2. Der Deutsche Lehrerverband (DL) schätzt, dass derzeit bundesweit rund 100 Schulen und Kitas von tage- oder wochenweisen Schliessungen betroffen sind. «Das ist aber eine Schätzung, die jederzeit von der Wirklichkeit überholt werden kann», sagt DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger.

Der Verband sei gegen generelle, flächendeckende Schulschliessungen - «sogenannte Coronaferien» - wie in Italien, sagt er. So etwas könne nur effektiv sein, wenn es begleitet werde von der Schliessung aller Firmen, Arbeitsstellen und Restaurants, von Ausgangssperren und der Stilllegung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs.

Und selbst dann bliebe Meidinger zufolge die Frage: «Was ist nach zwei Wochen Coronaferien, wenn die Neuinfektionen nicht zurückgehen? Verlängert man dann nochmals und nochmals mit enormen Konsequenzen für Abschlussprüfungen und Schullaufbahnen?» Daher sei seine Position: «Zum jetzigen Zeitpunkt und als isolierte Massnahme hält der DL von generellen Schulschliessungen wenig.»

Mehr zum Thema:

Kommentare

Weiterlesen

Buckelwal Timmy
68 Interaktionen
Braucht Gutachten
USA Iran-Krieg
3 Interaktionen
Versteckt im Gebirge

MEHR IN NEWS

Fidschi Insel Tropensturm
Schulen geschlossen
Iran-Krieg
589 Interaktionen
Nach Trump-Drohung
jucker kolumne
Martin Jucker

MEHR AUS DEUTSCHLAND

Bayern München
11 Interaktionen
Nach Drama-Sieg
Bundesliga Eintracht Frankfurt Köln
Bundesliga
Flensburg/Mittelangeln
Bundesliga St.Pauli Union Berlin
Bundesliga