Selfies auf totem Wal: «Menschliche Dummheit ist grenzenlos»
Nach dem Tod von Wal Timmy klettern Touristen für Selfies auf den Kadaver. Ein Experte reagiert entsetzt.

Das Wichtigste in Kürze
- Badegäste posierten auf dem toten Wal Timmy für Fotos.
- Die Küstenwache musste die Strandbesucher verscheuchen.
- Rechtsexperte Peter V. Kunz nennt es «grenzenlose Dummheit».
Wal Timmy ist tot. Millionen Menschen hatten wochenlang mit dem gestrandeten Buckelwal mitgefiebert. Jetzt zeigen einige Strandbesucher vor der dänischen Insel Anholt ihre makabere Seite.

Am Sonntag kletterten Badegäste auf den Kadaver des vermeintlichen Walbullen – der eigentlich ein Weibchen war. Dort posierten sie für Selfies. Ein Video der Aktion verbreitete sich rasant und löste Empörung aus. Die Küstenwache musste eingreifen und die Leute verscheuchen.
«Das ist die erste Möglichkeit in meinem Leben»
Zwei der Wal-Kletterer rechtfertigten sich gegenüber «RTL». «Heilig? Nein, das ist ein totes Tier», sagte einer. «Das ist die erste Möglichkeit in meinem Leben, auf einen Wal zu klettern.»
Für Peter V. Kunz, den Präsidenten des Schweizer Tierschutzes, ist das keine Rechtfertigung. «Ich bin wirklich baff und entsetzt, dass so etwas vorkommt», sagt er gegenüber Nau.ch.
«Offensichtlich ist die menschliche Dummheit grenzenlos.»
«Wollen einfach eine Art Berühmtheit erreichen»
Kunz sieht dahinter ein gesellschaftliches Muster. Während die Rettungsaktion für Timmy wenigstens gut motiviert gewesen sei, gebe es für solche Katastrophen-Touristen schlicht keine Entschuldigung.

«Offensichtlich sind solche Menschen nicht bestrebt, etwas Sinnvolles zu machen», so Kunz. «Sie wollen einfach eine Art von Berühmtheit erreichen. Dass dies in erster Linie peinlich ist, stört sie offensichtlich überhaupt nicht.»
Die gesunkene Hemmschwelle sei eine Zeiterscheinung, sagt der Experte. Als Vergleich nennt er Castingshows, in denen Menschen trotz fehlendem Talent peinliche Auftritte hinlegen.
Behörden warnten vor Gefahr
Kunz ordnet das Verhalten historisch ein. Ganz beispiellos sei die Zurschaustellung mit toten Tieren nicht: «Denken Sie an Jäger, die sich neben den von ihnen getöteten Tieren fotografieren lassen, sozusagen als bildliche Jagdtrophäe.»
Doch auch von offizieller Seite gab es scharfe Kritik. Der zuständige Umweltminister Till Backhaus sagte: «Ich finde das nicht schön, dass sich Leute auf den Wal stellen und sich fotografieren.»
Dabei hatten die Behörden explizit gewarnt, sich dem Tier zu nähern. Tote Wale können explodieren – bei der Verwesung entstehen Gase, die nicht entweichen können. Zudem kann der Kadaver Krankheiten auf Menschen übertragen.
Gescheiterte Rettungsaktion kostete mindestens 1,5 Mio.
Wochenlang war Timmy ein Medienphänomen. Der Buckelwal hatte sich in der Ostsee vor Wismar festgesetzt. Das Gewässer war für ihn schlicht zu flach und zu salzig. Buckelwale gehören in den offenen Atlantik, nicht in die Ostsee.
Eine private Initiative organisierte die aufwendige Rettung: Mit einem Lastkahn wurde Timmy am 2. Mai ins offene Meer gebracht und 70 Kilometer vor Skagen im Skagerrak freigelassen.
Die Aktion kostete mindestens 1,5 Millionen Euro, umgerechnet rund 1,37 Millionen Franken. Finanziert wurde sie von Unternehmerin Karin Walter-Mommert und Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz.
Meeresforscher hatten gewarnt. Sie hielten die Rettungsaktion von Anfang an für aussichtslos und wurden dafür teils angefeindet und bedroht. Am Ende behielten sie recht.
In Dänemark sorgt der gesamte Umgang mit dem Wal für Kopfschütteln. Dort überlässt man gestrandete Buckelwale dem Lauf der Natur, wie Morten Abildstrøm von der dänischen Naturschutzbehörde erklärte.















