Schüler retteten Leben nach Amoktat in Schongau
Mutmasslich ein ehemaliger Schüler sticht an einer Schule im bayerischen Schongau zwei Mädchen nieder. Andere Schüler eilen herbei, reissen sich T-Shirts vom Leib, legen Druckverbände an – und retten so wahrscheinlich einem der 13-jährigen Mädchen das Leben.

Polizei und Lehrkräfte überwältigen den Angreifer, der neben einem Messer auch eine Pistole dabeihat. Dramatische Szenen haben sich an der Schule zugetragen – die Rückkehr zur Normalität wird dauern. Das Geschehene wirkt in dem 12.000-Einwohner-Ort – und vor allem in der Schule mit ihren 800 Schülerinnen und Schülern und 80 Lehrkräften – nach.
Der 16-jährige Tatverdächtige sitzt nun in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen versuchten Mordes gegen ihn.
Der Jugendliche soll schon vorher Drohungen ausgesprochen haben und sich bei der Tat in einer «psychischen Ausnahmesituation» befunden haben. Er hatte sich zumindest zeitweise in psychiatrischer Behandlung befunden.
Der Kroate war den Sicherheitsbehörden bereits bekannt. Wegen zweier Vorfälle aus dem Jahr 2025 habe die Staatsanwaltschaft München gegen ihn ermittelt, weil er unter anderem Mitschüler bedroht und in sozialen Netzwerken Amokläufe verherrlicht haben soll, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Haftgründe hätten in diesem Ermittlungsverfahren aber «zu keinem Zeitpunkt» vorgelegen.
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) war er als Schüler des Gymnasiums zweimal kurzzeitig befristet vom Unterricht ausgeschlossen worden. Nach Gesprächen zwischen Eltern, Lehrern, Schulpsychologen und weiteren Fachkräften sei er dann abgemeldet und an einer neuen Schule angemeldet worden.
An der Schule steht am Tag danach die Aufarbeitung im Vordergrund. Kriseninterventionsteams helfen Schülern und Lehrern, das zu verarbeiten, was am Mittwoch an ihrer Schule geschehen ist. Einige der Schüler erlebten hautnah, wie der ehemalige Mitschüler das Schulgelände betrat, wie er laut Polizei einen Schuss aus einer Pistole abgab und dann, als die Waffe versagte, mit einem Messer auf die beiden 13-Jährigen losging.
Mehrere Schülerinnen und Schüler eilten den Angaben nach sofort zu Hilfe und starteten geistesgegenwärtig die Erstversorgung noch vor dem Eintreffen der Rettungskräfte. «Die Ersten haben gleich Rettungskräfte und Polizei angerufen. Mitschüler von mir, ich habe auch gleich natürlich mitgeholfen, haben ihre Hemden und Shirts von sich gerissen, haben sie als Druckverbände benutzt, um die Blutungen zu stillen. Alles mit voller Kraft drauf gedrückt», berichtete der 19-jährige Levi Lachmann.
Er und andere Schüler hätten dann Sanitätssets aus ihren Autos geholt und damit weiter versucht, die Blutungen bestmöglich zu stoppen – um das Leben der Mitschülerinnen zu retten. Dann hätten sie sterile Kompressen aus dem Sanitätsraum geholt, um die Wunden zu versorgen, wie sie es bei der Ausbildung als Ersthelfer gelernt hätten. Auch Lehrer hätten geholfen.
Lehrkräfte halfen auch, den 16-Jährigen zu überwältigen. «Auch dem couragierten Eingreifen von Lehrern ist zu verdanken, dass er so schnell festgenommen werden konnte», sagte Polizeipressesprecher Stefan Sonntag.
Die Kultusministerin des deutschen Bundeslandes Bayern, Anna Stolz, sagte der Schulfamilie bei einem Besuch vor Ort jede erdenkliche Unterstützung zu. Zugleich bedankte sie sich speziell bei den beiden Lehrkräften, die den mutmasslichen Täter mit überwältigten, und bei den Schülerinnen und Schülern, die den schwer verletzten Mädchen halfen.
«Eines der Mädchen wäre sehr wahrscheinlich verblutet, wenn sie das nicht gemacht hätten. Also die haben ihr wahrscheinlich das Leben gerettet», sagte Stolz der dpa. «Das sind echte Helden für mich.»
Der 19-jährige Ersthelfer Lachmann sagte, er sei erleichtert gewesen, als die Polizei eintraf und klar war, dass der Täter gestellt worden sei. Angst hätten er und die anderen aber zunächst nicht gehabt. «Wir standen alle unter Adrenalin.»
Erst später sei langsam das Bewusstsein für das gekommen, was geschehen sei. «Ich weiss nicht, ob ich das wirklich schon an mich herangelassen habe, was da passiert ist. Ich denke, das kommt mit der Zeit.» Er spreche viel mit seiner Familie, aber auch mit Lehrern und dem Kriseninterventionsteam. Aber: «Gestern, der Tag, der bleibt unvergesslich.»
Auf die Frage, wie die Schüler auf einen solchen Fall vorbereitet gewesen seien, sagte Lachmann, die Schülerschaft sei grundsätzlich sensibilisiert worden, aber: «Für solche Notfälle kann man nicht vorbereitet sein. Das ist ein Extremfall.»
Bei dem 16-Jährigen wurden ein Messer und eine Pistole gefunden. Zudem wurde laut Polizei Munition sichergestellt. Er hatte demnach einen Schuss abgegeben, aber niemanden getroffen. Wie er an die Schusswaffe kam und was ihn zu der Tat bewegt haben könnte, ist weiter offen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte dem Bayerischen Rundfunk zur Herkunft der Waffe, der Jugendliche selbst habe angeblich vom Darknet gesprochen. Das müssten nun aber die Ermittler klären.
Nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd wurde die Wohnung des 16-Jährigen, der bei seinen Eltern lebt, durchsucht. Nun laufe die Auswertung der Spuren, darunter auch digitale Daten. Zudem werden Schüler und Lehrkräfte vernommen. Auch die beiden schwer verletzten Mädchen sollen befragt werden, wenn es ihr Zustand zulässt.










