«Schlimmer als Venedig»: Bergdorf wird von Touristen überrannt
In Italien werden nicht nur Touristenmagnete wie Venedig oder Mailand von Feriengästen gestürmt, selbst abgelegene Gemeinden ächzen unter dem riesigen Andrang.

Das Wichtigste in Kürze
- St. Magdelena (I) hat mit viel zu hohen Besucherzahlen zu kämpfen.
- Die Einheimischen leider sehr unter dem Massentourismus.
- Der Bürgermeister will nun eine teure Schranke bauen und Kameras installieren.
- Wegen einer Werbekampagne kennt das Bergdorf in China jedes Kind.
Bewaffnet mit Selfiesticks, Kameras und Mobiltelefonen erobern Touristinnen und Touristen inzwischen selbst die hintersten Täler im Südtirol. Nun gerät die heile Alpenwelt von St. Magdalena (I) ins Wanken – und wie.
Das 500-Seelen-Dorf wurde vom Reisemagazin «Geo» kürzlich als «schönstes Dorf Südtirols» gekürt. Darauf hätten viele Einheimische wohl verzichten können. Seitdem stürmen immer mehr Touristen das malerische Bergdorf in den Dolomiten.
In China kennt das Dorf jedes Kind
Wie «Focus» berichtet, halten sich die meisten Feriengäste allerdings nicht lange in St. Magdalena auf. Ein paar Schnappschüsse mit dem Handy, ein Selfie für Social Media und schon geht es weiter zum nächsten Hotspot. Finanziell profitiert die kleine Berggemeinde kaum von den vielen Touristen.
Anfangen hat der ganze Schlamassel mit einem chinesischen Konzern, der vor einigen Jahren mit dem Alpenpanorama von St. Magdalena Werbung in Asien machte. «Bei uns kennt das Bilder jeder», erklärt eine chinesische Studentin. Inzwischen leiden die Einheimischen allerdings sehr unter dem Besucherandrang, wie Bürgermeister Pernthalter gegenüber dem Onlineportal sagt.
«Das ist schlimmer als in Venedig. Die Leute haben keinen Anstand», so der Bürgermeister. Die Privatsphäre werde überhaupt nicht mehr respektiert.
«Schlimmer als in Venedig»
Im Selfie-Rausch würden manche Touristen jegliche Hemmungen verlieren: Sie trampeln Wiesen nieder, klettern über Zäune, lassen Müll zurück. Und bezahlen nicht mal die 70 Cent (rund 50 Rappen) für einen Toilettengang.
Bei einer Anwohnerin standen Touristen bereits mehrmals in der Wohnung. «Die kommen mit dem Handy zu uns bis in die Küche», sagte die Frau, die anonym bleiben möchte.
Reise-Busse blockieren die Strasse
Ein weiteres Problem: Der Verkehr kommt an manchen Tagen regelrecht zum Erliegen. Unzählige Reisebusse blockieren dann die engen Strassen des Tals. Auch die 250 Euro Gebühr (rund 230 Franken) für einen Bus-Parkplatz schreckt kaum einen Veranstalter ab.
Bei den Privatwagen sei die Lage sogar noch dramatischer. Das ganze Dorf werde an den Wochenenden wild zugeparkt. Nicht einmal eine Schranke vor einer Zufahrtsstrasse halte einige besonders dreiste Autofahrer davon ab, mit dem Auto vorzufahren.
Dem rücksichtslosen Verhalten mancher Feriengäste will der Bürgermeister nun aber einen Riegel vorschieben. Für 20'000 Euro (18'400 Franken) soll im Mai eine hochmoderne Schrankenanlage mit Videoüberwachung in Betrieb genommen werden.
«Wir hoffen, dass wir die Sache damit in den Begriff bekommen», sagte der Bürgermeister. «Sicher sind wir uns nicht.»















