Russische Haushalte müssen für einige Tage ohne warmes Wasser auskommen. Es wird aufgrund von Wartungsarbeiten an den Rohren aus der Sowjetzeit abgedreht.
Wenn im Sommer für mehrere Tage das warme Wasser abgestellt ist, helfen sich viele Russen mit dem Kochen von Wasser, um etwa ein Bad zu nehmen. Foto: Ulf Mauder/dpa
Wenn im Sommer für mehrere Tage das warme Wasser abgestellt ist, helfen sich viele Russen mit dem Kochen von Wasser, um etwa ein Bad zu nehmen. Foto: Ulf Mauder/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • In Russland wird jeweils im Sommer für einige Tage das warme Wasser abgedreht.
  • Grund dafür sind Wartungsarbeiten an den Rohren.
  • Einige Leute beschweren sich, andere nehmen es mit Humor.

Es ist ein Relikt aus Sowjetzeiten: Jahr für Jahr gibt es in russischen Haushalten wegen Wartungsarbeiten tagelang kein warmes Wasser. Da ist Kreativität gefragt.

Im Winter kommt die eisige Kälte in Russland von draussen, im Sommer aus dem eigenen Wasserhahn. Zumindest für einige Tage. Dann drehen Kommunalbetriebe im ganzen Land einem Grossteil ihrer Bürger vorübergehend das warme Wasser ab.

Wartungsarbeiten an den oft noch aus Sowjetzeiten stammenden Rohren sind der offizielle Grund. Vielen Russen bleibt dann nur, darauf zu hoffen, dass das Wetter mitspielt. Dann kann die unfreiwillige Dusch-Eiszeit zumindest als angenehme Erfrischung durchgehen. Doch auch so hält sich die Begeisterung oft mehr als in Grenzen.

Heisswasser in Moskau
Ein Mann giesst kochend heisses Wasser aus einem Topf in die Badewanne und lässt sich so ein warmes Bad ein, weil im Sommer in der russischen Hauptstadt jedes Jahr für mehrere Tage die Fernwärme abgestellt wird. Das Wasser erhitzen viele Russen auf dem Gasherd. - dpa

Einige Menschen in Ostdeutschland dürften sich aus DDR-Zeiten noch an entsprechende Unannehmlichkeiten erinnern. Dort sind sie aber längst Vergangenheit. Dass die Atom- und Rohstoffmacht Russland sie bis heute nicht im Griff hat, ärgert viele im grössten Land der Welt.

«Wir haben das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Und in Russland wird nach wie vor im Sommer das warme Wasser abgestellt», beschwert sich ein Nutzer in einem Online-Portal. Ein anderer beklagt sich darüber, dass seine Haut leide, weil die Seife unter kaltem Wasser nicht schäume.

Hartnäckig hält sich zudem ein Vorwurf: Die kommunalen Unternehmen von Kaliningrad bis ins fernöstliche Kamtschatka wollten mit der sommerlichen Massnahme in erster Linie Heizenergie sparen.

Mit Humor durch die Kaltwasser-Saison

Andere nehmen die Situation mit Humor. Gemäss dem Motto «Geteiltes Leid ist halbes Leid» ist Russlands Internet voll von Sprüchen und Bildern ums Thema kalt duschen. Man sei kein echter Russe, wenn man das ganze Jahr über warmes Wasser habe, impliziert eines.

Manch einer kann der Situation sogar etwas abgewinnen. Eine kalte Dusche sei gut für den Kreislauf, heisst es in einigen Foren.

Eher irritiert reagieren hingegen ausländische Touristen, denn auch zahlreiche russische Hotels sind nicht mit Durchlauferhitzern ausgestattet. Immer wieder bemängeln Reisende in ihren Bewertungen deshalb eine kalte Überraschung im Badezimmer.

St. Petersburg
Trotz rasant steigender Corona-Zahlen waren Masken in St. Petersburg kaum zu sehen. - dpa

Zumindest in der Ostseemetropole St. Petersburg, wohin zur Fussball-EM kürzlich Tausende Fans gereist waren, wollte man sich eine Welle der Häme aber offenbar ersparen. Man unterbrach die Kaltwasser-Zeit zwischen Anfang Juni und Mitte Juli. Fein raus sind ausserdem die verhältnismässig wenigen Glücklichen mit Gas-Boiler in der Wohnung.

Für alle anderen heisst es: Augen zu und durch – oder? Nicht ganz, denn Not macht erfinderisch. Viele haben für diese besondere Zeit im Jahr ihre eigenen Badezimmer-Rituale entwickelt. Dies, weil viele der 146 Millionen Bewohner des Riesenreiches keine übermässigen Fans vom Bibbern unter der Dusche sind.

Duschpartys sind beliebt

Viele Menschen zieht es dort auch einfach zu Mama, Papa oder ins Fitnessstudio. Dies, da die einzelnen Bezirke in grösseren Städten ab Mitte Mai zeitversetzt betroffen sind. Beliebt und immer wieder in Filmen thematisiert sind auch Duschpartys bei Freunden. Wenn auch in Zeiten dramatisch hoher Corona-Infektionszahlen durchaus bedenklich.

Im vergangenen Jahr hatte etwa Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin den Start der Kaltwasser-Saison immerhin aufgeschoben. Dies, bis die schlimmste Phase überstanden war.

Sergej Sobjanin
Der Oberbürgermeister der Stadt Moskau, Sergej Sobjanin. - dpa

Besonders beliebt und Pandemie-verträglich ist Umfragen zufolge aber das Erhitzen von Wasser auf dem Herd oder im Wasserkocher. Es geht aber auch weitaus kreativer: Sie sollten doch einfach ihre Waschmaschine anzapfen, um an die Mangelware Warmwasser zu kommen, rät ein Online-Portal seinen Lesern: Heissen Waschgang starten, Abwasserschlauch in die Badewanne halten – fertig.

Wem all das zu aufwendig ist, dem empfiehlt ein sibirisches Online-Portal Trockenshampoo oder häufigere Friseurbesuche. Und der Rest des Körpers? Auch kein Problem: «Menschen haben Feuchttücher erfunden, mit denen man alles auf der Welt abwischen kann – auch den Körper.»

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