Papst auf Lampedusa: Europa steht vor «historischer Herausforderung»
Am südlichsten Punkt Italiens wird Papst Leo XIV. die Realität von Migranten, die jedes Jahr in Zehntausenden die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer wagen, besonders eindrücklich vor Augen geführt. «Vor zehn Jahren hat meine Geschichte hier auf Lampedusa begonnen. Ich war allein und hatte alles verloren, vor allem meine Mutter», erzählt ein Junge, der vor Jahren auf einem Migrantenboot auf Lampedusa ankam.

Der Pontifex steht am Denkmal Porta d'Europa (Tor Europas) am südlichsten Zipfel der Insel, als der Junge ihm seine Geschichte erzählt. Das Denkmal erinnert an Menschen, die auf dem Weg übers Mittelmeer ums Leben kamen.
Er habe nach seiner Ankunft auf der kleinen Insel zwischen Sizilien und Nordafrika erst wieder aufgehört zu weinen, als man ihm einen Ball gegeben habe. «Ich hoffe so sehr, dass dieser Ball, den ich dir jetzt schenke, ein anderes Kind erreicht und es genauso glücklich macht wie mich.» Der Junge hatte seine Worte an den Papst auch aufgeschrieben und den Ball aufs Papier gemalt.
Seine Geschichte steht exemplarisch für viele ähnliche Schicksale von Migranten, die die Überfahrt von der nordafrikanischen Küste nach Europa unter widrigsten Umständen überlebt haben und auf Lampedusa ankommen.
Die Insel gilt seit vielen Jahren als einer der Brennpunkte der Migrationsbewegung aus Afrika nach Europa. Jedes Jahr wagen Zehntausende Menschen die gefährliche Fahrt auf meist kleinen, überfüllten und oftmals auch nicht für die raue See geeigneten Booten über das zentrale Mittelmeer.
Viele von ihnen lassen bei der Überfahrt auch ihr Leben. Die Route über diesen Teil des Mittelmeers gilt nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) noch immer als die tödlichste Migrationsroute auf dem Weg nach Europa. Seit 2014 registrierte die IOM im gesamten Mittelmeer mehr als 35.000 Tote und Vermisste. Die Organisation geht davon aus, dass viele Todesfälle undokumentiert bleiben, und die Zahl noch viel höher ist.
Auch wenn die Zahl der Ankünfte auf Lampedusa in den vergangenen beiden Jahren zurückgegangen ist, bleibt die Insel ein Symbol der europäischen Migrationskrise. Sie liegt nur rund 130 Kilometer von Nordafrika entfernt und ist damit oft die erste Anlaufstelle für Boote von dort. Dass Leo nun diesen Ort besucht, wird als klares Zeichen der Solidarität mit Migranten gesehen.
Nicht nur der Ort, an dem sich der Papst für knapp vier Stunden aufhielt, ist symbolträchtig, sondern auch das Datum. In seinem Heimatland, den USA, wird am 4. Juli der Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung gefeiert, dieses Jahr sogar der 250. Unabhängigkeitstag. Ob die zeitliche Überschneidung Zufall ist oder bewusst gewählt wurde, ist nicht klar. Ein Signal ist es aber allemal.
Zwischen dem Papst und US-Präsident Donald Trump, der den diesjährigen «Fourth of July» besonders ausschlachtet, gab es in der Vergangenheit wiederholt Differenzen, insbesondere in der Migrationspolitik. Leo hatte sich bereits kritisch zur restriktiven US-Einwanderungspolitik geäussert und mehrfach öffentlich die Würde und den Schutz von Migranten betont.
Nach seiner Ankunft auf Lampedusa sagte Leo zwar, er sei nicht gekommen, um Reden zu halten. Dennoch fand er bei einer Messe unter freiem Himmel klare Worte. Europa stehe in Sachen Migration vor einer «historischen Herausforderung», der sich der Kontinent stellen müsse. Europa müsse seiner Verantwortung gerecht werden, sagte Leo vor etwa 4.000 Gläubigen.
Er forderte Europa auf, Migration ganzheitlich anzugehen «indem es Nothilfe mit einem langfristigen strategischen Plan verbindet». Dieser solle Migranten aufnehmen, schützen, fördern und integrieren und zugleich dafür sorgen, dass «niemand zur Auswanderung gezwungen ist». Er betonte zudem, dabei müsse stets die Würde jedes Einzelnen gewahrt bleiben.
Leo bedankte sich bei den Bewohnern von Lampedusa für das «Wunder der Mitmenschlichkeit», das sie bei der Aufnahme von Migranten gezeigt hätten. Denn trotz der vielen Todesopfer auf der Fluchtroute gilt Lampedusa für diejenigen, die die Überfahrt überleben, als Ort der Rettung. Die Toten nannte Leo «Opfer sowohl getroffener als auch ausgebliebener Entscheidungen».
Zuvor besuchte der Papst den Friedhof der Insel. Er legte dort Blumen auf die Gräber von ertrunkenen Migranten. Besonders symbolträchtig war auch sein Besuch am Molo Favaloro, der ein zentraler Ankunftsort für Mittelmeer-Migranten ist. Dort segnete Leo eine Gedenktafel für seinen Vorgänger Franziskus, nach dem der Pier künftig benannt wird. Auf ihr steht: «Molo Papa Francesco – ein Ort der Ankunft, der Hoffnung und der Menschlichkeit».
Franziskus hatte Lampedusa 2013 als erstes Reiseziel seines Pontifikats besucht und die Insel damit früh zu einem Symbol seines Einsatzes für Migranten gemacht. Immer wieder forderte er, deren Würde ins Zentrum politischen Handelns zu stellen. Leo setzt diesen Kurs fort. Kürzlich besuchte er schon die Kanaren. Dort machte er sich für die Würde von Migranten stark.














