Nach Ceuta-Ansturm: Kommen die Marokkaner jetzt in die Schweiz?

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Spanien,

Zehntausende Migranten stürmen die spanische Exklave Ceuta. Der Maghreb-Experte Beat Stauffer spricht bei Nau.ch von einem «Kontrollverlust» – und ordnet ein.

Ceuta
Migranten versuchen illegal nach Ceuta zu kommen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Über 60’000 Migranten versuchten, die spanische Exklave Ceuta von Marokko aus zu erreichen.
  • Experte Beat Stauffer spricht von einer beispiellosen Krise.
  • Die meisten Migranten dürften zurückgeführt werden.

Es sind einmalige Bilder: Marokkanische Migranten stürmen die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika.

Mehr als 60'000 Menschen versuchten, die Grenzanlagen zu überwinden. Und das bei einer Stadt mit rund 80'000 Einwohnern. Die meisten kamen schwimmend.

Die meisten illegalen Migranten sind junge Männer. Einige sind minderjährig. Wie der staatliche spanische Fernsehsender RTVE berichtet, sind mehr als 30 Menschen ertrunken.

Laut dem spanischen Innenministerium wurden bereits 25'000 Menschen nach Marokko zurückgebracht. Der Migrationsdruck hält aber an. Auch Spaniens zweite Exklave Melilla steht unter Druck.

Für den Maghreb-Experten Beat Stauffer ist das Ausmass beispiellos. Er spricht von einem «Kontrollverlust».

«Grösste Migrationskrise seit Jahren»

«Das ist eine völlig aussergewöhnliche Lage», sagt er zu Nau.ch. «Gemessen an der Zahl der irregulären Einreisen in so kurzer Zeit ist es die grösste Migrationskrise zwischen Spanien und Marokko seit mehr als 20 Jahren.»

Bereits 2021 überschritten innert kurzer Zeit zwischen 8000 und 10'000 Menschen die Grenze nach Ceuta. Dieses Mal liegen die Zahlen um ein Vielfaches höher.

«Ceuta ist völlig überfordert. Die Behörden haben die Kontrolle verloren», sagt Stauffer.

Doch wie konnte es zu diesem Ansturm kommen?

Laut dem Maghreb-Kenner lässt sich das nicht mit einem einzigen Faktor erklären.

Beat Stauffer
Beat Stauffer ist Maghreb-Experte. - zvg

Eine wichtige Rolle spielt ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs. Anfang Monat verboten die Richter Pushbacks von Migranten, die schwimmend nach Spanien gelangen.

Pushbacks sind direkte Rückschiebungen von Migranten an der Grenze.

«Diese Information verbreitete sich in verkürzter Form rasend schnell über die sozialen Medien», sagt Stauffer.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt.

Viele Menschen kamen auffallend organisiert an die Grenze. «Die Leute kommen nicht einfach alle zu Fuss. Viele reisen mit Bussen oder Zügen an. Die marokkanischen Behörden hätten sie also längst an der Weiterreise hindern können.»

War es Absicht von Marokko oder nur Panne?

Der Maghreb-Experte stellt deshalb zwei Hypothesen auf.

Die erste geht von einer Panne aus. «Am Donnerstag wurde in Marokko das Fête du Trône gefeiert. Möglicherweise waren deshalb viele Beamte beurlaubt. Die Situation geriet ausser Kontrolle.»

Die zweite Hypothese ist brisanter. «Marokko könnte die Lage gezielt herbeigeführt haben, um Druck auf Spanien auszuüben.»

Dafür gebe es mehrere mögliche Gründe.

Marokko beansprucht die Exklaven Ceuta und Melilla schon seit Jahrzehnten als eigenes Territorium. Gleichzeitig hat sich Spanien in der letzten Zeit stärker Algerien angenähert.

Das dürfte Marokko missfallen. Algerien gilt als Erzfeind Marokkos.

Für Stauffer ist klar: «Migration ist längst zu einem politischen Druckmittel geworden.»

Die spanische Polizeigewerkschaft spricht sogar von «hybrider Kriegsführung» seitens Marokko. Stauffer hält diesen Begriff jedoch für überzogen und mahnt zu Vorsicht.

Trotz der scharfen Töne erwartet der Experte keine ernste Eskalation.

Spanien und Marokko sind aufeinander angewiesen

«Die gemeinsamen Interessen sind so gross, dass beide Seiten deeskalieren werden.»

Spanien und Marokko sind wirtschaftlich eng miteinander verflochten. Die beiden Staaten hätten ebenfalls ein grosses Interesse an stabilen Beziehungen.

«Viele wohlhabende Marokkaner besitzen Häuser in Spanien. Spanien gehört zu den wichtigsten Handelspartnern des Landes.»

Auch für die Schweiz dürften die Folgen vorerst begrenzt bleiben.

Stauffer erwartet, dass der grösste Teil der Migranten nach Marokko zurückgeführt wird. «90 Prozent oder mehr werden zurückkehren.»

Befürchtest du eine neue Migrationskrise in Europa?

Das sei die einzig realistische Lösung. «Spanien, aber auch die EU werden erheblichen Druck auf Marokko ausüben, die eigenen Leute zurückzunehmen.»

Damit dürfte nur ein kleiner Teil der Migranten ins spanische Asylsystem gelangen. Und von diesen dürfte wiederum nur ein kleiner Teil vom spanischen Festland aus weiterreisen.

Nur wenige Ceuta-Migranten dürften in der Schweiz landen

«Manche tauchen unter und wollen weiter. Sie reisen nach Frankreich, in die Benelux-Staaten oder auch in die Schweiz.»

Der Experte mahnt: «Man darf das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Gleichzeitig sollte man die Folgen für Europa nicht überschätzen.»

Diese Einschätzung teilen auch die Schweizer Behörden.

Der Bund hält es für «nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich», dass marokkanische Migranten aus Ceuta in die Schweiz kommen. Das teilt das Staatsekretariat für Migration (SEM) auf Nau.ch-Anfrage mit.

Sollten die Migranten aufs spanische Festland gebracht werden, würde «nur ein sehr kleiner Teil» in die Schweiz weiterreisen.

Den Kern des Problems sieht Beat Stauffer jedoch tiefer.

Junge Marokkaner haben keine Perspektive

Der Migrationsdruck aus dem Maghreb bleibe hoch. «Marokko entwickelt sich insgesamt ordentlich. Vor allem im Norden gibt es aber Armutsinseln und kaum Perspektiven für junge, schlecht ausgebildete Menschen.»

Viele junge Menschen sähen keine Zukunft mehr.

«Sie haben innerlich mit ihrem Land abgeschlossen.» Deshalb nähmen viele den gefährlichen Weg der irregulären Migration auf sich.

Stauffer warnt deshalb davor, die aktuellen Bilder als einmaliges Ereignis abzutun.

Ähnliche Szenarien könnten sich jederzeit wiederholen.

«Der Migrationsdruck bleibt in ganz Nordafrika hoch. Es braucht nur wenig, bis das Fass überläuft.»

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Kommentare

User #4686 (nicht angemeldet)

Warum wollen die dort eigentlich weg? Monarchien sind doch DER Hit?

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